Von besonderen Gefühlen und Anforderungen

Kirche als Arbeitgeberin

Pfarrer ist nicht die größte Berufsgruppe in der Kirche
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Wer glaubt, bei der Kirche arbeiten nur Pfarrer, Pfarrerinnen und Küster, der irrt sich gewaltig. Die Kirchen sind der zweitgrößte Arbeitgeber in Deutschland. Doch was, wenn sie wegfallen?

Berufswunsch: Irgendwas bei der Kirche? „Ganz sicher nicht, viel eher habe ich von einem Job bei einer Bank oder so geträumt“, sagt Matthias und lacht dabei. „Ich bin ein Zahlenmensch, von klein auf.“ Während andere Siebenjährige in den Kindergottesdienst gehen, auf dem Schulhof Fußballbilder tauschen oder stundenlang mit dem Rad durch den Ort fahren, schließt Matthias seinen ersten Sparbrief bei der örtlichen Sparkasse ab.

Wenige Jahre später, seine Freunde jubeln stolz über Torerfolge im örtlichen Fußballverein, ist Matthias stolz, Geld festanlegen zu können. Nach dem Abi schlägt er den gleichen Weg ein, wie seine Geschwister und beginnt bei der Sparkasse Wetterau eine Ausbildung: „Ich bin ein Arbeiterkind“, sagt er.

Klar, die Kirche gibt es schon in seinem Leben: Kindergottesdienst, ne coole Konfizeit, all das hat Matthias erlebt. Und dennoch entfernt er sich von der Kirche - wie so viele Jugendliche. Jahre später arbeitet er bei der Kirche. „Das war für mich nie ein Ziel“, sagt Matthias.

Dass Matthias dennoch bei der Evangelischen Kirche gelandet ist, ist gar nicht eine so große Überraschung. Denn immerhin handelt es sich bei den Kirchen in Deutschland um den zeitgrößten Arbeitgeber. Nach dem öffentlichen Dienst.

Matthias Blöser
privat
Matthias Blöser hätte als Kind nie gedacht mal für die Kirche zu arbeiten. Nun macht er genau dies. Und findet es cool.

1,8 Millionen Männer und Frauen arbeiten entweder für die evangelische, die katholische Kirche oder für deren Organisationen Diakonie oder Caritas. Allein für die evangelische Kirchen waren es 241.000 Menschen, die hauptamtlich (Stand: 2020) beschäftigt waren. In der hessen-nassauischen Kirche gibt es 21.5000 Mitarbeiter:innen.  

Übrigens, Matthias ist nicht Pfarrer geworden. Wer denkt nur Pfarrer oder Pfarrerinnen gehörten zu den hauptberuflich beschäftigten irrt. Die Berufsfelder sind extrem unterschiedlich:

  • Jugendmitarbeiter:innen
  • Küster:innen
  • Kirchenmusiker:innen
  • Erzieherinnen
  • Journalist:innen
  • Bürokräfte wie Gemeindesekretärinnen oder Buchhalter,
  • Fahrer:innen
  • Gemeinde- und Sozialpädagog:innen
  • Poiltikwissenschaftler:innen.
  • Krankenpfleger:innen
  • Hauswirtschafter:innen
  • Reinigungskräfte
  • und und und

Lustigerweise ist die Zahl der Theologe:innen mit rund 20.000 (Stand: 2016) recht überschaubar. 13.000 davon haben ihren Dienst in einer Kirchengemeinde geleistet. Das heißt durchschnittlich kümmert sich ein Pfarrer, eine Pfarrerin um 1.700 Gemeindemitglieder. Ihre rund 5.500 Kolleg:innen arbeiteten in Schulen, Krankenhäusern oder übernahmen andere Dienste, wie zum Beispiel Fernsehgottesdienste.

Die größte Berufsgruppe in der Kirche sind: Erzieher:innen. In Hessen und Nassau arbeiten fast 6.000 Frauen und Männer in einer kirchlichen Kita.  

Matthias hat keine Theologie studiert. Auch seine Ausbildung zum Bankkaufmann hat ihm nicht die Tür zur Kirche aufgestoßen. Er sagt rückblickend, dass er sich während seiner Ausbildung „politisiert“ habe: Riester Rente, Globalisierung, Fair Finance sind seine Stichworte. Er studiert Politikwissenschaften, sein Schwerpunkt ist die Friedens- und Konfliktforschung. Und landet schließlich bei Pax Christi und damit indirekt bei der katholischen Kirche, zu der die Friedens-NGO gehört.

Seit September 2017 ist er Projektreferent „Demokratie stärken“ im Zentrum Gesellschaftliche Verantwortung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Matthias berät Gemeinden, wie sie sich für die Demokratie einsetzen, sich gegen Querdenker positionieren können und hält Vorträge über Rechtsradikalismus.

Besonderes Arbeitsrecht mit besonderen Anforderungen

Für Angestellte der Evangelischen Kirche gilt übrigens daskirchliche Arbeitsrecht. Für Arbeitnehmer:innen, für die dieses gilt, ist vor allem eins wichtig: Sie sollten mit den Grundsätzen des Glaubens ihres Arbeitgebers übereinstimmen und müssen sich sowohl auf der Arbeit als auch privat dementsprechend verhalten. Was heißt das konkret?

Eine Erzieherin liest Kindern aus einem Buch vor.
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Erzieherinnen sind die größte Berufsgruppe in der Kirche.

An erster Stelle steht die Mitgliedschaft: „Für Mitarbeitende im direkten Verkündigungsdienst - Pfarrpersonen, Gemeindepädagog:innen und hauptamtliche Kirchenmusiker:innen -  wird die Mitgliedschaft in der evangelischen Kirche vorausgesetzt“, sagt EKHN-Pressesprecher Volker Rahn.

Für weitere Mitarbeitende in Kitas gelte die „ACK-Regel“, also, dass sie Mitglied in einer der Kirchen der „Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) sein müssen. „Das bedeutet, sie können auch katholisch oder orthodox sein“, so Rahn. Es gibt aber auch konzeptionelle Ausnahmen: „Zum Beispiel: Bewusst eine muslimische Fachkraft in einer Kita in einem Stadtteil mit hohem Migrationsanteil“, sagt der Presseprecher.

Doch warum ist der Kirche die Loyalitäts-Bekundung durch ihre Mitarbeiter so wichtig? Eine Bank verlangt von ihren Auszubildenden ja auch keinen Treuschwur. Im Hintergrund stehe das besondere Verständnis der Dienstgemeinschaft, sagt Pressesprecher Rahn:

Die Arbeit in der evangelischen Kirche ist prinzipiell durch den Auftrag bestimmt, das Evangelium in Wort und Tat zu bezeugen. 

Und er fügt an: „Alle, die in Anstellungsverhältnissen in Kirche und Diakonie tätig sind, sollen dazu beitragen, dass dieser Auftrag erfüllt werden kann“, so Rahn. Deshalb sei eine Rückbindung an den christlichen Glauben wichtig.

Gleichzeitig gibt es aber in den hessischen Kirchen Überlegungen zu Öffnungen. Dazu haben die Evangelische Kirche von Hessen und Nassau und die Evangelische Kirche in Kurhessen-Waldeck eine Studie in Auftrag gegeben: „Hier steht die richtige Wahrnehmung im Vordergrund, dass die Gesellschaft durch eine zunehmende ethnische, kulturelle und religiöse Pluralität sowie eine Vielfalt von Lebensentwürfen gekennzeichnet ist. Auch Kirche ist der Studie nach in ihren Anstellungsverhältnissen herausgefordert, dieser Vielfalt in einer faktischen Migrationsgesellschaft in Zukunft deutlicher Rechnung zu tragen.“ Und in der Realitität ist die Öffnung auch zu Teilen schon angekommen.

Fatma Bulut ist Muslima und arbeitet für die Kirche. Sie ist Koordinatorin im Hospizdienst Odenwald des Evangelischen Dekanats Bergstraße. „Religion spielt für mich eine große Rolle“, sagt Fatma Bulut. Sie mache kein Geheimnis daraus Muslima zu sein. Vielmehr möchte sie für den Hospizdienst Berücken zu Muslimen schlagen, die nach ihren Erfahrungen diese Einrichtung des Evangelischen Dekanats oft gar nicht kennen.

Dabei gebe es viele Muslime, die allein lebten und keine Angehörigen hätten. Der Bedarf an Sterbebegleitung sei auch bei Angehörigen anderer Religionen vorhanden. Unterschiedliche Glaubensvorstellungen sollten akzeptiert werden, „ganz gleich, was jemand glaubt: Mensch bleibt Mensch“, sagt Fatma Bulut.

Das Dekanat Bergstraße stellt sich mit der Personalentscheidung interreligiös und interkulturell auf. „Wir tragen damit den Realitäten in unserer Gesellschaft Rechnung. Zu einer öffentlichen Kirche, die nahe bei den Menschen ist, gehört es dazu, dass wir auch Menschen nicht-christlichen Glaubens hospizliche Begleitung ermöglichen. „Das ist in der Vergangenheit schon geschehen und wird mit Fatma Bulut in größerem Umfang möglich sein. Den Bedarf sehen wir“, erklärt die stellvertretende Dekanin Silke Bienhaus.

Ein klein wenig krasser geht es in der katholischen Kirche zu. Wer nicht getauft ist, nicht gläubig, nach einer Scheidung verheiratet oder homosexuell, hat besonders bei der katholischen Kirche schlechte Karten. Dort er wurde ein katholischer Arzt entlassen wegen „Illoyalität“ entlassen, weil er zum zweiten Mal geheiratet hat. In der katholischen Lehre ist eine Ehe unauflösbar. Somit gilt seine zweite Heirat als Sünde.

Arbeiten für die Kirche

Wie viele Menschen arbeiten eigentlich für die Kirche? Deutschlandweit waren es im Jahr 2021 ingesamt 240.870. Davon sind 54.375 Männer und 186.495 Frauen. Unter den Angestellten der Kirche befinden sich 20.134 Theolog:innen. Sie gliedern sich in 12.327 Männer und 7.807 Frauen.

Matthias hat keine Probleme mit den Anforderungen der Kirche. „Ich fühle mich sehr wohl und bin meiner Kirche dankbar, dass sie mir diese Möglichkeiten gibt.“ Damit meint er vor allem, sein freies, selbstbestimmtes Arbeiten. Aber auch, dass seine Arbeitgeberin sich gesellschaftlich immer wieder in Diskussionen einmischt, sich nicht raushält trotz ihrer schwindenden gesellschaftlichen Relevanz.

Wenn es plötzlich keine Kirchen mehr gibt droht Arbeitlosigkeit - aber nicht für alle

Doch was, wenn es keine Kirche mehr gäbe? Für Matthias wäre ein Aus für die Kirche keine unüberwindbare Katastrophe. Er könnte sich bei anderen Arbeitgebern bewerben: bei Verbänden, den Gewerkschaften, der Volkshochschule oder im öffentlichen Dienst. Auch, wenn er nicht in Jubelstürme ausbrechen würde, er wäre nicht perspektivlos. Allerdings weiß er von Studienkollegen:innen, dass nicht alle so gute Arbeitsmöglichkeiten haben wie er, viele sich von Zeitvertrag zu Zeitvertrag retten.

Gäbe es keine Kirche mehr, könnten wie Matthias viele der anderen Mitarbeitenden bei anderen Arbeitsgebern unterkommen. Doch nicht alle: Die Pfarrer und Pfarrerinnen nicht. Auch für Kirchenmusiker:innen würde es schwierig, aber nicht unmöglich werden, einen anderen Arbeitgeber zu finden. Für andere Beschäftigte wäre es wiederrum keine Problem: Vor allem Erzieherinnen, die in großen Maße für die Kirche arbeiten, werden aktuell händeringend von anderen Trägern gesucht.

Entscheidend ist das sinnstiftende Element

Matthias allerdings würde das große Ganze fehlen: „Meine Arbeit jetzt ist sinnvoller, sinnstiftender als sie es bei einem Finanzunternehmen oder im öffentliche Dienst je sein könnte“, sagt er. Er fühlt sich als Teil einer Gemeinschaft. „Wenn ich in die Dekanate fahre, Vorträge halte oder Gemeinden berate, erlebe ich viel Dankbarkeit. Das sind unfassbar schöne Momente, in denen ich mich sehr bei mir fühle.“