Corona

Kirchen ringen um richtige Haltung gegenüber Corona-Protesten

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Die Kirche sucht inmitten der Pandemie ihre Stimme und ihren Platz. Soll sie klare Kante zeigen oder sich raushalten?

von Karsten Packeiser

Vor dem Lutherdenkmal in Worms brennen Kerzen für die Corona-Todesopfer, die allein diese Stadt zu beklagen hat.

Beten für die Opfer der Corona-Pandemie.
Andreas Fauth
Vor dem mit Kerzen geschmückten Luther-Denkmal erinnerten Dekanin Jutta Herbert (links) und Dompropst Tobias Schäfer an die Corona-Toten.

Rund 300 Menschen haben sich vor dem Monument des Reformators zu einem ökumenischen Gebet versammelt - genau an dem Ort, an dem sonst regelmäßig Gegner der Corona-Politik zu ihren nicht angemeldeten „Spaziergängen“ starten. „Wir nehmen wahr: Unsere Gesellschaft ist tief gespalten“, sagt der katholische Dompropst Tobias Schäfer. Dabei sei das Land gerade jetzt auf Solidarität angewiesen.

Widerstand gegen Corona-Protest wächst

Seit Wochen mobilisieren die Gegner der Corona-Maßnahmen flächendeckend in ganz Deutschland zu Protesten. Zunehmend formiert sich dagegen auch Widerstand. „Unsere Geduld ist am Ende“, heißt es etwa im Wormser Aufruf von SPD, Linken, Grüner Jugend und Flüchtlingshilfe-Organisationen zum Gegenprotest. Auch die evangelische und die katholische Kirche in der Stadt beschlossen, dass es Zeit sei, ein eigenes Zeichen zu setzen. Auch anderenorts innerhalb der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) stehen die Kirchengemeinden vor der Frage, ob und wie sie sich in der aktuellen Auseinandersetzung positionieren sollen.

Wer läuft bei den Anti-Corona-Demos mit?

Unter den Menschen, die an Demonstrationen gegen die Corona-Politik teilnehmen, gibt es laut einer Studie der Universität Osnabrück kaum Diversität. Sie ähneln sich in ihren Ansichten:

  • hängen Verschwörungsmythen an,
  • stimmen populistischen Aussagen zu,
  • glauben an Selbstheilungskräfte und alternative Medizinmethoden
  • haben eher nationalistische Einstellungen

An der Studie aus dem Frühjahr 2021 haben rund 1.600 Personen teilgenommen, sie ist nicht repräsentativ.

Eine pauschale Antwort auf die Frage gebe es nicht, sagt Matthias Blöser, Politikwissenschaftler im Zentrum Gesellschaftliche Verantwortung der EKHN: „Es ist immer die Frage: Wer dominiert die Proteste und wer läuft da mit?“ Kleinere Aktionen in Großstädten ließen sich eher ignorieren als auf dem Dorf. Spätestens, wenn Impfgegner mit Davidsternen Parallelen zwischen NS-Terror und Anti-Corona-Politik zögen, sei es aber an der Zeit für die Kirchen, „klare Kante“ zu zeigen.

Eigene Positionen „schlichter Parolen“

„Wir wollen eine Kirche mit klarem Profil sein und gleichzeitig eine Vielfalt von Meinungen aushalten“, benennt Wolfgang Utsch von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin das Dilemma. Bei vielen ethischen Fragen ließen sich gegensätzliche Haltungen theologisch begründen, und das gelte auch für die Impfpflicht.

Zur Streitkultur im Protestantismus gehöre, dass man trotz aller Meinungsverschiedenheiten letztlich am gemeinsamen Bekenntnis festhalte. Sorgen mache ihm, dass festgefügte Feindbilder bei den Maßnahmengegnern zur Abschottung gegenüber Andersdenkenden führten: „Dann wird es sektenhaft.“

Falsches Verständnis für Verschwörungserzählungen sei nicht angebracht, sagt Matthias Blöser.

Generell machen diese Demos auch etwas mit der Grundstimmung in diesem Land,

Matthias Blöser

Aber Kirchengemeinden müssten auch souverän mit legitimer Kritik umgehen. Ihre Vertreter sollten ebenfalls auf ihre Wortwahl achten und in der Auseinandersetzung mit der „Spaziergänger“-Szene auf eine „Übersimplifizierung“ verzichten. Während andere Gegendemonstranten den „Spaziergängern“ zuweilen eher schlichte Parolen wie „Nazis raus“ entgegenrufen, sollten kirchliche Vertreter eigene Positionen klarmachen, etwa an die Corona-Toten und die hoffnungslos überlasteten Pflegekräfte erinnern.

In Worms beispielsweise haben sich die evangelische und die katholische Kirche genau für diesen Ansatz entschieden. Zu Beginn des ökumenischen Gebets wird sogar ein einzelner Demonstrant gebeten, sein Plakat mit der Aufschrift „Impfen statt Schimpfen“ zu senken, da politische Losungen jetzt unpassend seien. Kurz nach dem Ende der Mahnwache versammeln sich dann bereits die ersten „Spaziergänger“ am weltgrößten Lutherdenkmal. An diesem Abend werden es wieder rund 400 werden. Über ihre Beweggründe möchte keiner der Angesprochenen reden, da die Presse ohnehin nur Lügen verbreite.

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