Kirchliche Feiertage

Lieblingsfest Pfingsten: Haben die Jünger zu tief ins Glas geschaut?

Pfarrerin Henriette Crüwell
Farideh Diehl; gettyimages/vasare

Schwieriges Fest, dieses Pfingsten. Verwirrte Menschen und dann auch noch der Heilige Geist. Für Pfarrerin Henriette Crüwell ist es aber ihr kirchliches Lieblingsfest, wirkmächtiger als Ostern und Weihnachten.

Pfingsten ist ein Fest, dessen Bedeutung nicht so einfach zu erklären ist. Beim Namen ist es noch relativ leicht. Der leitet sich ab von Pentekoste. Das stammt aus dem Altgriechischen und heißt der 50. (Tag). Damit endet die 50-tägige Osterzeit.

Schotten dicht: Pfingsten beginnt mit einem Lockdown

Aber was hat es eigentlich inhaltlich auf sich mit Pfingsten?

In Jerusalem war Wallfahrtsfest, ein großes Volksfest. So wie es in der biblischen Apostelgeschichte (2,1-21) beschrieben wird, beginnt es für einige mit einem Lockdown. Henriette Crüwell erklärt das so: „Jesu Freundinnen und Freunde haben Fenster und Türen geschlossen, die Schotten dichtgemacht. Als sie Jesus am Kreuz haben sterben sehen, verloren sie ihre Hoffnung, dass er ihnen jetzt Frieden bringen wird, Freiheit und Würde. Sie waren mutlos und verzweifelt.

Pfarrerin Henriette Crüwell
Farideh Diehl

Und irgendetwas ist dann passiert. Im Nachhinein haben die Jüngerinnen und Jünger versucht, es in Worte zu fassen: Es war wie ein heftiges Brausen, Feuerflammen sind auf sie herabkommen. Auf alle Fälle haben sie die Türen aufgemacht und sind raus auf die Straße.

Ein kleiner Sprachtest im Selbstversuch: Die Pfingstgeschichte

Sie habe es als Kind schon geliebt, wenn der Lektor oder die Lektorin die Pfingstgeschichte vorgelesen hat, und dann immer über die Namen gestolpert ist. „Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, Galiläer? Wie hören wir sie denn ein jeder in seiner Muttersprache?“ Parther und Meder und Elamiter und 🔽

Ich glaube gar nicht, dass die Jünger eine Sprache gesprochen haben, die alle verstanden haben.

Sind das auch für dich reine Zungenbrecher?

Crüwell glaubt, dass der Verfasser des Textes, Lukas, es mit Absicht so formuliert hat. Er habe diese Fremdheit darstellen wollen, und die erstaunliche Tatsache, dass sich wildfremde Menschen plötzlich verstanden haben.

Pfarrerin Henriette Crüwell

Henriette Crüwell ist Pfarrerin an der Friedenskirche in Offenbach. Aber nicht mehr lange. Denn im September beginnt sie ihr neues Amt als Pröpstin, eine Art Regionalbischöfin, für Rheinhessen und das Nassauer Land. Damit gehört sie zur Kirchenleitung und setzt mit den Rahmen für das theologische Profil der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Die gebürtige Offenbacherin ist bekennender Pfingstfan

„Ich glaube gar nicht, dass die Jünger eine Sprache gesprochen haben, die alle verstanden haben. Ich glaube, es war eher ihre Haltung. Sie sind aufrecht rausgegangen, vertrauensvoll und offen anderen gegenüber.“ Das habe dazu geführt, dass aus Fremden Menschen geworden sind, die sich plötzlich nahe waren. „Das ist eine wunderschöne Vorstellung – deshalb ist Pfingsten mein absolutes Lieblingsfest“, bekennt die Pfarrerin.

Ohne Pfingsten wären Weihnachten und Ostern Geschichte

Weihnachten sei ein Fest der Familie. Ganz viele Menschen blieben davon ausgeschlossen. Und Ostern sei hardcore. „Was da am Kreuz passiert ist und das leere Grab, das ist etwas für Eingeweihte, also für die, die es wirklich glauben können“, findet sie. Aber ohne Pfingsten wären Weihnachten und Ostern Geschichte.

Nach Ostern folgt Pfingsten
gettyimages/Astrid860

Für sie verbindet sich Pfingsten mit der Erfahrung: „Das hat was mit meinem Leben zu tun.“

Wir erzählen die Geschichte vielleicht nicht oft genug.

Dabei gibt es keine Geschenke, wie zu Weihnachten, keine bunten Eier und Familienfest-Frühlingstafeln wie zu Ostern. Es ist ja ein eher nüchternes Fest.

Pfingstbräuche gibt es auch nicht so viele. Eine Pfingstbegeisterung lässt sich nicht so richtig feststellen. „Wir erzählen die Geschichte vielleicht nicht oft genug“, vermutet sie. Dabei sei sie so wunderbar – was auch immer sich da ereignet hat.

Sind die Jüngerinnen und Jünger beschwipst?

Auf einmal hätten die Jüngerinnen und Jünger Mut gehabt, seien begeistert gewesen, hätten andere angesteckt. Sie hätten sich so überschwenglich verhalten, dass einige vermutet haben, dass sie zu tief ins Glas geschaut hätten.

Da zeigt sich für mich diese Lebendigkeit, die etwas anderes ist als am Leben sein. Sie kommt daher, dass ich aus dem Vertrauen heraus lebe. Als Glaubende würde ich sagen: aus dem Vertrauen heraus, dass ich mich nicht selbst retten muss, sondern dass da einer ist, der mich rettet und der mich in seiner Hand hält.“

Wer liebt, der öffnet sich, der riskiert etwas.

Und dann kommt noch der Heilige Geist ins Spiel. Denn Pfingsten gilt als Fest der Ausschüttung des Heiligen Geistes.

Viele Menschen kennen ihn, zumindest der Papierform nach. Im Glaubensbekenntnis bekennen Christen „Ich glaube an den Heiligen Geist“. Und an Gott und Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, an den dreieinigen Gott also.

Eine Wolke in Form einer weißen Taube gegen einen blauen Himmel
gettyimages/Roman Starchenko

Gott also in dreierlei Gestalt? „Es ist eigentlich der geniale Versuch unserer Kirchenväter und –mütter zu begreifen, was das heißt: Gott ist die Liebe. Liebe ist nichts Monolithisches. Wer liebt, der öffnet sich, der riskiert etwas. Liebe ist ein Raum von ich, du, wir, ein Beziehungsraum. Ich, der Vater, der Leben gibt, der Sohn, der vom Vater geliebt wird und diese Liebe erwidert, der Geist, der die Menschen in diese Liebe hineinnimmt und sie befähigt, diese Liebe weiter zu schenken“, erklärt Henriette Crüwell.

Der Heilige Geist wirkt als Gottes Kraft - aber wie?

Es ist kompliziert mit dem Heiligen Geist. Einig sind sich die meisten, die sich damit beschäftigen, dass er als Gottes Kraft in den Menschen wirkt. Aber wie tut er das genau? Es gibt einen alten Weisheitssatz: Der Geist Gottes wirkt da, wo Glaube, Liebe und Hoffnung wachsen. Das finde ich eine sehr schöne Orientierung“, sagt Crüwell.

„Dann ruft eine Freundin an, die sich seit Jahren nicht gemeldet hat.

Beispiele dafür hat sie auch. Es habe so viele Situationen in ihrem Leben gegeben, wo sie das Gefühl hatte: Ich komme nicht weiter. „Dann ruft eine Freundin an, die sich seit Jahren nicht gemeldet hat. Sie sagt mir genau das eine Wort, das ich in dieser Situation brauche, um wieder eine Perspektive zu bekommen“, beschreibt sie ein Beispiel. Diese Kraft spüre sie überall dort, wo Menschen wirklich lebendig seien.

Als ein jüngeres Beispiel dafür gilt ihr auch der Sohn von Freunden. Er habe sich am 26. Februar ins Auto gesetzt, um hin und her zu fahren zwischen der polnisch-ukrainischen Grenze und Frankfurt. Hin habe er Medikamente, Lebensmittel, Decken mitgenommen, auf dem Rückweg erschöpfte Mütter, Kinder, alte Leute. „Das ist Lebendigsein, da wirkt der Geist, da wachsen Glaube, Liebe, Hoffnung mitten in einer Welt, die alles andere als gut ist.“

Wo ist Gott in einer Welt, in der Gewissheiten zusammenbrechen?

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Wir sind gespannt auf deine Geschichte. 

 

Pfingsten gilt als Geburtsfest der Kirche, denn danach gingen die Jüngerinnen und Jünger in alle Welt, um beseelt von ihrem Glauben zu erzählen. Dieses Bild mag Henriette Crüwell gar nicht. Das sei so ein Kreisen der Kirche um sich selbst.

Was wäre eigentlich, wenn es die Kirche nicht mehr gäbe? „Dann gäbe es die Frage nach Gott nicht mehr“, antwortet sie. Denn die Aufgabe der Kirche sei es, die Frage nach Gott wachzuhalten, verbunden mit der Frage: „Wo bist du Gott jetzt hier und heute in dieser unerlösten Welt?“

Gerade jetzt, in einer Zeit, in der Gewissheiten zusammenbrechen, in der Menschen erfahren, dass sie verwundbar sind, sei Kirche aufgerufen, dem Ganzen einen Sinn zu geben.

Mit Corona hat Gott nichts zu tun? So einfach ist das nicht

Kirche sei ja ganz schnell bei Corona mit der These gekommen: Gott habe damit nichts zu tun. Aber so einfach sei das nicht. Wie es mit dem Leid und dem lieben Gott sei, gelte es als Frage zu formulieren und auszuhalten und sei es in der fragenden Klage: Wo bist du? „In dieser Zeit und mit dieser Kriegserfahrung, die uns so nahekommt, müssen wir als Kirche mutig sein und diese Frage stellen“, fordert die Pfarrerin.