Seelsorge

Militärseelsorge: Soldaten erzählen von ihren Problemen

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Wie wichtig ist die Militärseelsorge für die Bundeswehr? Ein Pfarrer erzählt, was die Soldatinnen und Soldaten beschäftigt.

Stephan Aupperle ist Teil der Truppe. Obwohl er selbst kein Soldat ist, ist er für die Menschen bei der Bundeswehr da. Egal ob im Einsatz oder in der Kaserne, bei Trauma oder alltäglichen Problemen – der evangelische Pfarrer unterstützt die Soldat:innen im Dienst.

Mitten im Auslandseinsatz: Beziehungsende mit tragischen Folgen

Jürgen G. hat in den 1990ern im Kosovo hautnah miterlebt, was passiert, wenn niemand zum Reden da ist. Ein Soldat, „ein Kamerad aus meiner Einheit“ hat sich das Leben genommen. Der Kamerad kommt vom Einsatz nach Hause und steht vor verschlossener Tür. Der Schlüssel passt nicht ins Schloss der gemeinsamen Wohnung.

Ein Feldlager in Masar-e Scharif in Afghanistan
Bundeswehr
Ein Feldlager in Masar-e Scharif in Afghanistan

Während der Soldat im Einsatz ist, zieht die Affäre seiner Frau in die Wohnung ein, das Schloss wird ausgetauscht. Der Soldat wird vor vollendete Tatsachen gestellt und kommt mit sich und seiner Situation nicht klar.

Diese Geschichte macht Jürgen G. tief betroffen. Er will so etwas nicht noch mal miterleben. Seither schickt er seine Kamerad:innen direkt zu Militärseelsorger Stephan Aupperle.

In der Kaserne Ansprechpartner sein

Zwischen den Gebäuden der Hermann-Köhl-Kaserne in Niederstetten stehen Hubschraubermodelle und ausgemusterte Geschütze. Soldat:innen in Dienstkleidung laufen über das Gelände. Hinter dem Schreibtisch von Pfarrer Stephan Aupperle steht eine kleine Sitzecke mit Couch und Sessel.

Militärpfarrer Stephan Aupperle in seinem Büro
Evangelisches Medienhaus Stuttgart

Hier sitzt er, hört er zu, gibt Ratschläge oder zitiert eine helfende Stelle aus der Bibel. Oft bei einer Tasse Kaffee, „das lockert die Atmosphäre“, erklärt der Seelsorger mit einem kleinen Schmunzeln.

Besonders im Berufsalltag der meisten Soldat:innen falle es schwer, sich zu öffnen. Das sei gerade dann der Fall, wenn sich zwei Menschen in Militärkleidung oder Uniform begegnen würden.

Als Zivilist zwischen Soldat:innen

Unter den Kamerad:innen werde wenig von der inneren Welt preisgegeben: „Da hilft es, wenn eine Vertrauensperson in Zivil vor Ort ist“, beschreibt Aupperle seine Beobachtung. „Die Soldaten sind eben auch Zivilisten. In dem Moment, wo sie ihre Uniform ausziehen, sind es die gleichen Probleme.

Evangelische Militärseelsorge in der Bundeswehr

1957 wird die evangelische Militärseelsorge ins Leben gerufen. Heute begleiten mehr als 100 Militärgeistliche die Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr bei ihren seelischen Problemen. Außerdem gibt es katholische und jüdische Angebote.

Der Seelsorger kennt das aus eigener Erfahrung. In schwierigen Lebenssituationen ist er dankbar, „wenn jemand da ist, mit dem ich darüber sprechen kann, wo ich mein Herz ausschütten kann, wo ich auch ein Wort des Zuspruchs erfahre.“

Stabsfeldwebel Jürgen G. betont: „Vor allem im Einsatz ist seelsorgerische Arbeit besonders wichtig.“ Deswegen ist die evangelische Militärseelsorge nicht nur in der Kaserne vor Ort, sondern begleitet die Bundeswehr auch im Einsatz. Für Stephan Aupperle ging es bisher nach Mali und in den Nord-Irak in die Nähe von Erbil.

Hubschrauber in der Hermann-Köhl-Kaserne
Evangelisches Medienhaus Stuttgart
Beim Transporthubschrauberregiment 30

Im Einsatz zu Hause

Hinter dem Gebäudekomplex, in dem Stephan Aupperle sein Büro hat, ragt der Tower des Heeresflugplatzes heraus. Beim Transporthubschrauberregiment 30 gehört der satte Klang von Rotorblättern zum Alltag. Hier sind in riesigen Wartungshallen Hubschrauber für Transporte, Suchaktionen und Rettungseinsätze untergebracht.

Im Gespräch mit der Militärseelsorge
Evangelisches Medienhaus Stuttgart
Im Gespräch mit der Militärseelsorge

Jürgen G. gehört der Fliegerstaffel an. Als junger Soldat war er für die Bundeswehr im Ausland. Sowohl während des Kosovokriegs als auch in Afghanistan. Gerade hier habe er die Militärseelsorge als wichtige Stütze erlebt. Sie sei nötig, um den Soldat:innen eine:n Ansprechpartner:in in Krisensituationen an die Hand zu geben, erklärt der Berufssoldat.

Worüber Soldatinnen und Soldaten mit der Militärseelsorge sprechen

Was wir Außenstehende meist nicht wissen: Oft gehe es bei den Soldat:innen um „Probleme in der Heimat“ und weniger um Traumata aus dem Kampfeinsatz.

  • Beziehungsprobleme
  • Tod eines Familienmitglieds oder eine:s gute:n Freund:in

Er erzählt: „Da hat die Freundin angerufen und hat dann die Beziehung beendet. Telefonisch. Im Einsatz.“ Was macht das mit Menschen, die gerade nicht zuhause sein können?

Zunächst haben die Kamerad:innen ihm die Waffe weggenommen. „Man weiß ja nie, wie der Soldat drauf ist. Wie er tickt. Und um da alles aus dem Weg zu räumen, erst mal die Waffe wegnehmen.“ In emotional-belastenden Situationen steht zunächst jemand aus der Einheit an der Seite des betroffenen Soldaten.

Soldat Jürgen ist bei der Fliegerstaffel
Evangelisches Medienhaus Stuttgart
Soldat Jürgen ist bei der Fliegerstaffel

Damit er „nicht auf irgendwelche dummen Gedanken“ kommt, erklärt Jürgen G. nüchtern. Er darf darüber mitentscheiden, ob die Person im Einsatz bleiben darf oder zurück muss. Als sogenannter „Spieß“ ist er im Ausland quasi die „Mutter der Kompanie“. Das bedeutet: Er ist der erste Ansprechpartner, auch bei tief emotionalen Belangen. Danach folgt ein Seelsorgegespräch beim Militärseelsorger Aupperle.

Spendenbox mit der Aufschrift „Für Einsatzgeschädigte und Einsatz-Hinterbliebenenfamilien“ - auf der Box sitzt eine Badeente
Bundeswehr
Spendenbox im irakischen Erbil für „Einsatzgeschädigte und Einsatz-Hinterbliebenenfamilien“

Emotionales Netz durch Bundeswehr und Militärseelsorge

Auch Jürgen G. spricht immer wieder mit dem Pfarrer. Es geht zum Beispiel um Einsatzerlebnisse oder um den frühen Tod eines Bruders, der ihn bis heute beschäftigt. Die beiden Männer sind befreundet, treffen sich regelmäßig auf einen Kaffee. Manchmal tauschen sie sich über die Belange der Soldat:innen aus.

Soldat und Pfarrer sitzen im Kirchencafé nach dem Gottesdienst bei einer Tasse Kaffee zusammen
Evangelisches Medienhaus Stuttgart
Soldat Jürgen G. und Pfarrer Stephan Aupperle nach dem Gottesdienst in der Kaserne

Stephan Aupperle ist nun seit knapp acht Jahren Militärpfarrer und Seelsorger in der Bundeswehr. Dabei war er in seiner Jugend Kriegsdienstverweigerer. „Mit Bundeswehr hatte ich nie was am Hut“, sagt er in Gedanken versunken. Sein Vater hatte im Zweiten Weltkrieg gekämpft und „dank Gottes Güte auch körperlich unversehrt überlebt“.

Seelische Belastung für Soldat:innen

Er hat großen Respekt vor der Arbeit der Menschen in der Bundeswehr. Sie seien bereit, „etwas zu bringen, was ich als Kriegsdienstverweigerer nicht bereit gewesen wäre“. Nämlich im Zweifelsfalle auch ein Menschenleben zu nehmen oder getötet zu werden. Mit dieser Belastung müssten die Soldat:innen „dann entsprechend auch umgehen“, erklärt er.

Pfarrer der predigt
Evangelisches Medienhaus Stuttgart

Für die Menschen da sein, und zwar überall. Das ist der Anspruch der Seelsorge. Was denkst du darüber? Erzähl uns deine Meinung, gerne via Social Media auf: 

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Für zwölf Jahre hat ihn die Evangelische Kirche an die Bundeswehr „ausgeliehen“. Bei ihm im Büro finden die Soldatinnen und Soldaten Infobroschüren, Militärbibeln und Gesangbücher. Auch in der Kaserne gibt es regelmäßig Gottesdienste mit anschließendem Frühstück.

„Ich spreche da dann immer von ‚Gartenzaun-Seelsorge‘“, sagt Aupperle. Vor allem bei und nach den Gottesdiensten könne er am besten in Kontakt mit den Soldat:innen kommen.

Das Wichtigste für Stephan Aupperle sei, dass die Kamerad:innen sich immer sicher sein können, dass das Gespräch mit einem Militärseelsorger ein sicherer Hafen sei. „Der Pfarrer untersteht dem Beichtgeheimnis.“ Damit können die Soldat:innen einfach mal Last loswerden oder ihre Probleme „bearbeiten“. Er betont, dass die Kamerad:innen wissen: „Da ist jemand da, wo ich auch wieder hinkommen kann.“