Debatte um Dienstpflicht

Eine Dienstpflicht in Deutschland täte uns dreifach gut

Nils Sandrisser
Kommentar von Nils Sandrisser

Die Debatte um die Dienstpflicht sollte nicht nur ums Militärische kreisen. Im Kommentar schreibt Nils: So eine Dienstpflicht würde uns auf drei Ebenen gut tun.

Mit dem russischen Überfall auf die Ukraine wächst auch hierzulande die Kriegsangst. Nun wird auf einmal wieder über eine Dienstpflicht geredet. Dabei greift das rein Militärische zu kurz.

Wehrpflicht, Zivildienst und Dienstpflicht?

Denn schon beim alten Wehrdienst entschied sich die Mehrzahl der Wehrpflichtigen für den Zivildienst. Das wäre wohl auch bei einer neuen Dienstpflicht so, zumal wenn sie – das wäre aus Gerechtigkeitsgründen gar nicht anders denkbar – für Frauen wie für Männer gelten würde.

Wenn man nicht nur den militärischen Aspekt im Blick hat, ist der Gedanke einer Dienstpflicht auf drei Ebenen überlegenswert:

  • auf der individuellen (ja, tatsächlich!) 
  • auf der Ebene der Institutionen und
  • auf der Ebene der Gesamtgesellschaft.

Dienstpflicht für deine individuelle Entwicklung

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Auf der individuellen Ebene berichten viele, die einst Dienst tun mussten, bis heute davon als eine Zeit, die sie als Mensch weitergebracht hat. Arbeit mit hochbetagten Menschen oder mit Menschen mit Behinderungen oder auf einer Krebsstation führt heran an die ganz großen, existenziellen Fragen.

Leute, die so einen Dienst leisteten, setzten sich mit diesen Fragen gezwungenermaßen auseinander und reiften daran.

Davon profitieren sie ihr ganzes Leben lang.

Auch profanere Fertigkeiten entwickelten sich. Ehemalige Wehrdienstleistende können schwere Maschinen bedienen oder Lastwagen fahren, ehemalige Rettungsdienst-Zivis bis heute problemlos eine Herz-Lungen-Wiederbelebung durchführen.

Gar nicht mal so selten war der Zivil- oder Wehrdienst für viele ein entscheidender Schubs für ihren beruflichen Werdegang. Viele sind in den Berufen, mit denen sie während ihres Diensts in Berührung kamen, hängengeblieben. So mancher wurde anschließend Altenpfleger, Heilpädagoge oder Berufssoldat, und zwar oft ohne, dass er sich das vor seinem Dienst hatte vorstellen können.

Dienstpflicht auf der Ebene der Institutionen

Auf der Ebene der Institutionen würden die Anbieter von Dienstpflichtstellen profitieren. Sie bekämen zunächst gering bezahlte Arbeitskräfte. Vor allem aber bekämen sie überhaupt Arbeitskräfte.

Der gravierende Personalmangel, unter dem Gesundheitseinrichtungen und Bundeswehr leiden, ist ja bekannt. Natürlich können Zivis und Wehrpflichtige nicht die professionelle Arbeit leisten wie eine examinierte Pflegekraft oder ein Kampfjetpilot. Aber es muss ja eben auch jemand in den Kasernen Wache schieben.

Oder Bewohnerinnen und Bewohnern von Seniorheimen ein wenig menschliche Ansprache bieten. Mit ihnen Canasta spielen oder Fotoalben durchblättern zum Beispiel. Dafür haben Pflegekräfte in aller Regel nämlich null Zeit.

Nachwuchs für Pflegebranche und Bundeswehr

Auf mittlere und lange Sicht bekämen die Institutionen durch die Dienstpflicht auch mehr geeignete Bewerber. Daran mangelt es ihnen.

Beispiel Bundeswehr: Es ist sicher kein Zufall, dass dort schon mehrere rechtsextreme Netzwerke aufgeflogen sind, während man von linksextremen Zellen in den Streitkräften eher wenig hört. Waffen und Uniformen üben eben auf bestimmte Menschen starke Anziehungskraft aus. Damit soll um Gottes Willen nicht gesagt sein, dass unsere Soldaten alles Neonazis seien. Rechte sind auch in der Bundeswehr immer noch eine Minderheit.

Aber es wäre schon sehr verwunderlich, wenn diese Minderheit nicht größer geworden wäre, seit nur noch jene zur Bundeswehr gehen, die es dort ohnehin hinzieht. Andere kommen ja seltener mit dem Militär in Berührung, seit die Wehrpflicht ausgesetzt ist, und treten deshalb weniger oft Soldatenkarrieren an.

Sanitäterinnen auf dem Weg zu einem Unfall
gettyimages/huettenhoelscher

Auch der Rettungsdienst muss aus Personalmangel schon seit längerer Zeit Menschen einstellen, deren Motivation für den Beruf zweifelhaft ist. Sie interessiert der medizinische Aspekt eher wenig, ihnen geht es primär um sich selbst. Sie schlüpfen in die Rollen als heldenhafte Retter und steigern so ihr Selbstwertgefühl. Die medizinische Qualität ihrer Arbeit lässt oft zu wünschen übrig.

Zum Vergleich: Als es den Zivildienst noch gab, konnten die Rettungsdienste unter den geeignetsten Bewerberinnen und Bewerbern auswählen, weil es sehr viel mehr Rettungsassistentinnen und -assistenten als freie Stellen gab. Und das, obwohl die Rettungswachen damals so gut wie gar nicht ausbildeten. Wer in den Rettungsdienst wollte, musste seine Ausbildung selbst bezahlen.

Trotzdem taten das genügend Leute, und zwar meist – na klar – Ex-Zivis.

Dienstpflicht für die gesamtgesellschaftliche Ebene

Auf der ganz großen, der gesamtgesellschaftlichen Ebene würde eine Dienstpflicht kollektiv geteilte Erfahrungen schaffen. Die sind bitter nötig, da heute viele in den je eigenen Realitäten ihrer Milieus und Blasen leben.

Ein junger Mensch aus dem, sagen wir mal, alternativ-grünen Spektrum, der die industrielle Landwirtschaft für Teufelszeug hält, hätte die Gelegenheit, seine Ansichten zu überprüfen. Nämlich dann, wenn er im Rahmen seines Diensts mit Menschen aus einem sozialen Brennpunkt in Kontakt käme, die froh sind, wenn sie ihren Kindern überhaupt etwas auf den Tisch stellen können und sich keine Gedanken darum machen können, ob das Fleisch auch bio ist.

Auch Jugendliche aus dem konservativen Milieu, die der Meinung sind, Feminismus sei Gedöns und Rassismus heute kein Thema mehr, müssten ihre Einstellungen an der Realität messen. Vielleicht auf einer geriatrischen Station im Krankenhaus. Da bekämen sie mit, was an tiefsitzenden Ressentiments aus Menschen herausquillt, denen demenzbedingt die Impulskontrolle flöten geht.

Wir alle würden von einer Dienstpflicht profitieren

Wir alle würden von von einer Dienstpflicht profitieren, unser Gesundheitssystem menschlicher und mittelfristig qualitativ besser, unsere Streitkräfte stärker in der Bevölkerung verankert. Unsere Gesellschaft würde zusammenrücken. Und viele junge Menschen würden persönlich profitieren.

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