Interview

Wie steht die Kirche ein Jahr nach Corona da?

Kirche während der Corona-Krise
epd/Rolf Zoellner

Corona hat uns seit einem Jahr fest im Griff und hat so manchen Prozess in Gang gesetzt, der sonst wahrscheinlich länger gedauert hätte. Auch in der evangelischen Kirche.

Kleiner Rückblick: Am 18. März 2020 hat die Bundesregierung Zusammenkünfte in Kirchen verboten, am 22. März 2020 gelten bundesweit strenge Kontaktbeschränkungen. Wir sind im sogenannten erste Lockdown wegen der Corona-Krise.

Zur Person Volker Jung

Pfarrer Volker Jung ist seit 2009 Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN). Außerdem ist er Aufsichtsratsvorsitzender des Gemeinschaftswerks der Evangelischen Publizistik und der Medienbischof der EKD.

Seit einem Jahr hat uns das Virus fest im Griff, bestimmt das Leben ebenso wie das Nachrichtengeschehen. 

Egal ob Home-Schooling, Home-Office oder sogar der Home-Gottesdienst - der Umgang mit Corona hat in Deutschland Prozesse angestoßen, die viele von uns aus der Komfort-Zone herausgeholt hat. Ich habe mit Volker Jung darüber gesprochen, was Corona mit der Kirche gemacht hat. 

Wie hat sich die Kirche in diesem Corona-Jahr verändert?

Der hessen-nassauische Kirchenpräsident Volker Jung bei der EKD-Synode in Hannover
epd/Jonathan Haase
Der hessen-nassauische Kirchenpräsident Volker Jung bei der EKD-Synode in Hannover

Volker Jung: Die Kirche hat wie fast alle Bereiche des Lebens in der Corona-Krise einen kräftigen Digitalisierungsschub erhalten. Dass Gottesdienste heute vielerorts fast wie selbstverständlich ins Internet gestreamt werden und Kirchenvorstandssitzungen per Videokonferenz abgehalten werden, war vor einem Jahr kaum denkbar.

Gleichzeitig hat uns die Pandemie – besonders in der ersten Phase – sehr empfindlich getroffen, weil es schwer war, mit allen Kontaktbeschränkungen seelsorglich für Menschen da zu sein. Uns ist noch einmal ganz besonders bewusst geworden, wie stark wir auf physische Präsenz und persönliche Begegnung als Menschen und in der Kirche angewiesen sind.

Welche Veränderungen dürfen auch nach Corona in der Kirche noch bleiben?

Volker Jung: Mich hat es gefreut, mit welcher Energie in der Pandemie Gemeinden Wege zu den  Menschen suchten. Da wurden Predigten am Gartenzaun oder an der Kirchentür aufgehängt, es wurde mit dem Leierkasten am Sonntag durchs Dorf gezogen oder digital ein Videokonferenz-Gottesdienst gefeiert, bei dem alle auch mal in die Wohnzimmer der anderen gucken konnten.

Ich wünsche mir, dass von dieser Vielfalt,  ganz unkonventionell auf Menschen zuzugehen, einiges bleibt. Und dabei werden insbesondere neue digitale Formate eine wichtige Rolle spielen.

Was darf mit Corona auch wieder von der Bildfläche verschwinden?

Volker Jung: Das Abstandsgebot im Gottesdienst und die Masken, damit wir in der Kirche wieder singen können.

Volker Jung beim Reformationstagsgottesdienst 2020 in Mainz
EKHN.de/Volker Rahn
Volker Jung beim Reformationstagsgottesdienst 2020 in Mainz

Was sind aus Ihrer Sicht die Grenzen & Möglichkeiten eines digitalen Gottesdienstes?

Volker Jung: Zunächst habe ich gelernt, dass es nicht den einen digitalen Gottesdienst gibt. Es gibt zum Beispiel live übertragene Feiern, die die Gemeinde zuhause am Sonntagmorgen mitverfolgt. Manchmal sitzt da plötzlich auch die ganze Familie samt Kindern vor dem Bildschirm und sieht den Gottesdienst aus der heimischen Kirche.

Es gibt mittlerweile hervorragend aufgezeichnete Videoformate. Sie bestechen dadurch, dass ganz viele Menschen vor und hinter der Kamera an dem Film mitwirken.

Partizipation ist das Stichwort.

Ich habe selbst verschiedene Zoom-Gottesdienste gefeiert, bei denen Menschen rund um den Globus mitgemacht haben. Das hat eine weltweite Verbundenheit erzeugt, die ohne die digitale Technik nicht möglich gewesen wäre.

Die Grenzen liegen darin, dass die physische Begegnung unter Menschen und von Mensch zu Mensch nicht ersetzbar ist. Menschen sind und bleiben Beziehungswesen mit Leib und Seele.

Viele der neuen Aufgaben liegen nun in den einzelnen Kirchengemeinden. (Wie) sind die Pfarrer*innen auf diese Aufgaben vorbereitet?

Volker Jung: Digitalisierung bedeutet für uns alle, dass wir ständig Neues dazulernen. So gab es am Anfang viel Graswurzel-Arbeit. Kolleginnen und Kollegen haben sich intensiv ausgetauscht, was technisch machbar und nützlich ist. Bald kamen aber auch viele Lernangebote dazu.

Das Evangelische Medienhaus hat viele Kurse angeboten. Unser Digitaltag und das erste Barcamp für Pfarrerinnen und Pfarrer waren sehr gut besucht.

Mir ist sehr deutlich geworden: Eine gute Ausbildung kann und muss nicht dazu befähigen, alles zu können. Sie muss die Grundlagen schaffen, um sich immer wieder neu orientieren zu können. Und da sind wir als Evangelische Kirche in Hessen und Nassau gar nicht so schlecht. 

Ausgehend davon, dass viele digitale Angebote bleiben werden: Könnte man nicht jede zweite Kirchengemeinde vor Ort einsparen und die digitalen Kräfte so bündeln?

Volker Jung: Das ist für mich keine Alternative.

Was ist ekhn2030?

Unter dem Stichwort ekhn2030 geht es darum, was die Kirche noch machen will und was sie lassen muss.

In unserem Zukunftsprozess „ekhn2030“ denken wir viel darüber nach, wie wir Kooperation zwischen Gemeinden und auch mit anderen fördern können.

Gefragt sind kluge Modelle, wie das Zusammenspiel vor Ort besser gestaltet werden kann, um Gemeinschaft im Glauben und das Gemeinwesen zu stärken. Im Gemeindeleben und in der Zusammenarbeit wird die digitale Kommunikation in Zukunft sicher eine noch größere Rolle spielen.