Glaube

Jugend, Glaube und Politik beim Evangelischen Jugendwerk in Württemberg

Anna Marten und Julia Hofer sind Mitte 20 und engagieren sich in der Jugendarbeit
Canva/Nicole Marten

Die Jugend ist politisch uninteressiert und schießt gegen Ältere? Anna Mader und Julia Hofer widersprechen. Beide sind Mitte 20 und wollen jungen Menschen Lust auf Politik machen.

von Nicole Marten

Junge Menschen engagieren sich immer stärker für Demokratie und gesellschaftliche Verantwortung. Im Evangelischen Jugendwerk Württemberg (EJW) zeigen Anna Mader und Julia Hofer, wie politische Bildung, Glaube und Generationendialog zusammengehören. Ihr Appell: „Wir sollten einander mehr zuhören.“

„Manche Politiker hören im persönlichen Gespräch zwar zu, aber die Perspektive junger Menschen hat oft wenig Relevanz in den politischen Debatten“, sagt Anna . „Es ist auch nicht so, dass jemand uns fragen würde, was helfen könnte“, kritisiert Julia. Genau deshalb engagieren sich beide im Arbeitskreis Jugendpolitik des EJW. Sie wollen junge Menschen für die Demokratie begeistern und ihren Anliegen ein Forum bieten.

Demokratie muss man lernen

sagt Julia Hofer. „Und wir lernen es weder in der Schule noch im Studium oder in der Ausbildung.“

Demokratie beginnt in der Jugend

Das EJW

Das Evangelische Jugendwerk in Württemberg (EJW) koordiniert, gestaltet und fördert die evangelische Jugendarbeit in Württemberg. Das EJW hat einen Arbeitskreis Jugendpolitik – gegründet unter anderem von Anna Mader und Julia Hofer.

In der Jugendarbeit können junge Menschen mitbestimmen – sie müssen das aber auch wollen. So gebe es im EJW zwar Basisdemokratie, „aber in der Delegiertenversammlung werden wenige Anträge eingereicht, und diese werden dann häufig ohne großes Nachfragen oder Diskutieren angenommen.“ Dabei brauche Demokratie den Austausch. „Das kostet Zeit und Geduld“; sagt Julia Hofer. „Und ja, es ist anstrengend. Das dürfen wir wieder lernen!“ Anna Mader ergänzt: „Deshalb muss man junge Menschen befähigen für demokratische Prozesse und bereit sein, da Energie reinzustecken.“

Julia will jungen Menschen Teilhabe ermöglichen – in Kirche und Gesellschaft. „Ich engagiere mich im Bereich Jugendarbeit und Kirche, weil das Engagement gesehen wird und Brücken gebaut werden. In der Kirche setzt man sich für Demokratie und Werte ein, man ist für und nicht gegen etwas.“

Glaube, Politik und Verantwortung

Anna Mader sieht Verbindungen zwischen Glauben und Politik, beides müsse zusammengedacht werden. Denn: „Glaube wird nur gesellschaftsrelevant, wenn wir ins Handeln kommen und als Christinnen und Christen der gesellschaftlichen Spaltung andere Erzählungen entgegensetzen.“ Bei politischen Entscheidungen könnten aus ihrer Sicht mehr junge Menschen beteiligt sein.

Konflikt in der Politik: Gen Z und Boomer

Da liegt das Thema Generationenkonflikt schon in der Luft. Der Generationenkonflikt, meint Anna Mader, entsteht dort, „wo sich die Generationen nicht mehr zuhören.“ Wenn es beispielsweise heißt „Die Generation Z ist faul“, helfe das nicht weiter. „Ähnlich ist es dort, wo junge Leute sagen ‚Die Boomer haben kein Verständnis.‘ Wir müssen miteinander ins Gespräch kommen.“

Julia Hofer führt den Gedanken noch ein Stückchen weiter: „Wir müssen zugeben: ‚Ja, wir haben endliche Ressourcen.‘“ Ihre Generation müsse sich fragen: „Wie schaffen wir es, dass Menschen, die älter sind als wir und ihr Leben lang gearbeitet haben, in Würde altern können?‘ Und gleichzeitig brauchen junge Menschen auch eine Perspektive für die Zukunft. „Konflikte gibt es also, die müssen wir aushalten.“ Die Frage sei: „Wie schaffen wir es, dass alle, Ältere und Jüngere, eine Perspektive haben?“ Die Lösung sei nicht, sich gegeneinander auszuspielen.

Generationendialog: Zuhören statt urteilen

Außerdem sei der Wunsch nach einem Kompromiss da: „Ältere haben Kinder, Enkel, Patenkinder, die sie lieben, für die sie das Beste wollen. Jüngere haben Eltern, Großeltern, Tanten und Onkel, die sie ebenfalls lieben.“ Das bedeutet: „Beide Seiten müssen Abstriche machen“, sagt Julia Hofer. Niemand benenne das, aber das sei wichtig. „Das wird schmerzvoll, aber es muss gehen. Der Anfang ist, dass wir einander mehr zuhören.“

Generell wünscht sich Julia Hofer, „dass alle Menschen so leben können, wie es ihnen entspricht.“ Im Gespräch mit anderen Menschen werde ihr immer wieder aufs Neue bewusst, dass in vielen politischen Feldern etwas passieren muss, um die Probleme zu bekämpfen. Dabei müsse es gerecht zugehen.

Fortschritt fühlt sich nur dann richtig an, wenn er niemanden zurücklässt.

Soziale Gerechtigkeit und Klimaschutz gehören zusammen

Mitmachen in der Jugendarbeit

Du willst dich in der Jugendarbeit deiner Landeskirche engagieren? Wende dich einfach an deinen Jugendverband:

Evangelisches Jugendwerk Würrtemberg

Evangelische Jugend in Hessen und Nassau

Evangelische Jugend der Pfalz

Es macht ihr Sorge, dass Klimaschutz oft als Luxusthema wahrgenommen wird, während Menschen mit wenig Besitz die Kosten tragen sollen. „Eine gute Zukunft ist nur dann lebenswert, wenn sie sozial gerecht gestaltet ist und die Lasten fair verteilt werden.“ Julia Hofer wünscht sich dafür nachhaltige Lösungen: „Oft werden Themen in den Medien plötzlich ganz groß und dann wird darauf schnell reagiert. Allerdings ohne langfristige Perspektiven.“

Ein Beispiel ist für sie das Thema Rente. Das war schon vor neun Jahren „supergroß“, als sie sich kommunalpolitisch engagierte. „Es wurde aber nicht gelöst, sondern nur verschoben. Die Langzeitperspektive fehlt.“ Häufig macht sie die Erfahrung: „Oft wird einfach nur etwas angenommen, was junge Leute und sogenannte Minderheiten wollen. Dabei werden scheinbare Bedürfnisse benannt, aber es wird zum Beispiel nichts getan für die Sicherheit von jungen Menschen.“

Offen bleiben für Veränderung

Anna Mader wünscht sich eine zukunftsfähige Gesellschaft. „Und zwar so, dass wir auch den Klimawandel angemessen berücksichtigen.“ Das bedeutet für sie auch, einen guten öffentlichen Nahverkehr für jeden Menschen zugänglich zu machen. Sie ist auch nicht gegen die Sozialstaatsreform, „wenn es einen guten, gerechten Output gibt“. Dabei seien wirtschaftliche Themen nicht irrelevant. „Wir müssen die Wirtschaft aber zukunftsfähig weiterentwickeln und offen für Veränderungen sein.“ In all den Transformationsprozessen spielt Frieden für sie eine große Rolle, denn „Wenn wir keinen Frieden haben, haben wir nichts.“