Buch-Tipp

Winterbienen – Von Angst und Mut, Elend und Glück

Dezember-Buch-Tipp von Renate
gettyimages/santypan

Seine Hauptfigur ist ein Antiheld. Weil der Imker sich selbst retten will, rettet er auch andere. Norbert Scheuers Buch „Winterbienen“ erzählt eine spannende Geschichte vom Ende des Zweiten Weltkrieges.

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Das hochkomplexe Leben in einem Bienenstock, die harte Zeit in Deutschland zwischen Januar 1944 und Mai 1945 und Ahnenforschung: In seinem Roman „Winterbienen“ bringt Norbert Scheuer Themen zusammen, die auf den ersten Blick wenig gemein haben.

Doch er schafft Verbindungen, erzählt eine anrührende, zutiefst menschliche Geschichte von der Angst und dem Mut eines Menschen, von verzweifeltem Überlebenswillen und der Freude an der Lust, von den Widersprüchen, die ein Leben aushalten muss.

Scheuer hat für sein Buch über Bienen und Menschen den Evangelischen Buchpreis 2020 bekommen, völlig zu recht.

Zum Retter der Juden wird er, weil er ihr Geld für Medikamente braucht

Winterbienen halten die Temperatur im Bienenstock während der kalten Monate konstant auf 20 Grad. Sie haben eine lebenserhaltende Funktion für ihr Volk.

Als Epileptiker lebt er in ständiger Angst

Lebensrettend sind auch die vom Protagonisten Egidius Arimond präparierten Bienstöcke. In ihnen versteckt er Juden, die er von der Eifel aus zur belgischen Grenze bringt. Arimond verachtet die Nazis und ihre Ideologie, doch zum Retter der Juden wird er, weil er ihr Geld für Medikamente braucht. Arimond ist Epileptiker, für Nazis „unwertes Leben“, das vernichtet gehört.

Infos

Norbert Scheuer: Winterbienen; C.H. Beck-Verlag; 2019; 319 Seiten; 22 Euro.

Wegen einer Frau muss er das Kloster verlassen

In Tagebuchform lässt Scheuer Arimond von seinem Alltag erzählen, von seiner Arbeit mit den Bienen, von der Übersetzung von Textfragmenten seines Urahns Ambrosius Arimond. Dieser musste im 15. Jahrhundert ein Benediktinerkloster verlassen, weil er sich mit einer Frau eingelassen hatte. Er war es, der die Bienenzucht in die Familie brachte.

Egidius Arimond hat von seinem Vorfahr die Liebe zu den Bienen geerbt und die zu den Frauen. In einer von Gewalt und Elend beherrschten Welt pflegt er wechselnde Beziehungen und trotzt so der sich wegen des Krieges zuspitzenden Situation ein wenig Glück ab.

Geschickt komponierte Parallelwelten

Je häufiger die Bomber der Alliierten zunächst über seine Kleinstadt hinwegfliegen und später auch ihre todbringende Fracht über ihr abwerfen, desto stärker werden die epileptischen Anfälle von Arimond. Ein Bild für Zerfall und Elend mit einem überraschenden Ende. Ein sehr lesenswertes Buch über Parallelwelten, klug und geschickt komponiert.