Selbstversorger

"Besser als aus dem Supermarkt"

Pfarrerin Anne Daur-Lyrhammer mit Huhn
privat
Pfarrerin Anne Daur-Lyrhammer mit Huhn

Basilikum und Schnittlauch auf dem Balkon oder Tomaten aus dem eigenen Garten haben viele. Aber was die Selbstversorgung mit Lebensmitteln betrifft, gehen einige Menschen noch weiter.

Ob Kräuter auf der Fensterbank, Obst und Gemüse aus dem eigenen Garten, aber auch Hühner sind derzeit beliebt: Seit einigen Jahren schon ist Selbstversorgung ein Trend, der sich durch Corona noch einmal verstärkt hat. Die eigenständige Herstellung von Lebensmitteln ist für viele ein Gegenentwurf zur Globalisierung und Anonymisierung des Ernährungssystems

Der Bischof schlachtet selbst

Bischof Ralf Meister mit seinen Hühnern
epdbild/JensSchulze
Bischof Ralf Meister mit seinen Hühnern

Hinter der Bischofskanzlei gackert es. In Hannover zumindest. Denn der Hannoveraner Bischof Ralf Meister hält dort eine Hühnerschar. „Das geht auf ein Schulprojekt meines Sohnes zurück. Wir haben zusammen einen Hühnerstall gebaut. Als der dann fertig war, mussten eben auch Hühner rein“, erzählt er. Vier Hennen laufen seitdem durch den Garten hinter seiner Bischofskanzlei, in dem Ralf Meister auch Salat, Kürbisse, Zucchini, Himbeeren, Stachelbeeren und Johannisbeeren angepflanzt hat. Zwei Bienenstöcke stehen ebenfalls dort.

Mit den frischen Eiern versorgt Bischof Meister seine Familie, Büromitarbeiter und Nachbarn Und er schlachtet selbst, wenn ein Huhn alt geworden ist. „Ich kann das, weil ich mit Hühnern groß geworden bin“, sagt er. Doch Tiere allein des Fleischkonsums wegen zu halten, das komme für ihn nicht in Frage. „Allein schon des Tierwohls wegen ist es wichtig, dass wir signifikant weniger Fleisch essen, als wir es derzeit tun. Deswegen sehe ich Massentierhaltung in der jetzigen Form auch kritisch. Wenn ich Fleisch esse, dann steht für mich das Tierwohl und eine artgerechte Haltung an erster Stelle.“

Die Hühner dürfen frei scharren und picken

Anne Daur-Lyrhammer mit Huhn
privat
Anne Daur-Lyrhammer mit Huhn

Damit liegt Bischof Meister voll im Trend. Gerade Hühner sind derzeit beliebt. Platz für sie ist auch im Garten der Frankfurter Pfarrerin und Leiterin des Evangelischen Frauenbegegnungszentrums EVA Anne Daur-Lyrhammer. „Meine Frau ist mit Hühnern großgeworden. Durch ihre Erzählungen wollten wir dann auch welche haben“, erzählt sie. Drei Zwerghühner und fünf Küken hält sie nun. Es sei schön zu sehen, wie viel Freude die Kinder an den Hühnern hätten und auch Verantwortung übernehmen, etwa beim Füttern. „Mir ist es wichtig, dass unsere Hühner frei scharren und picken dürfen und wir zur Fütterung auch Essensreste verwenden. Ein Highlight sind übriggebliebene Spaghetti! Und wir füttern sie neben Getreide auch mit Kräutern, Karotten und Brennnesseln.“ Das wirke sich auch auf den Geschmack der Eier aus. Der Eidotter sei viel gelber als bei herkömmlichen Eiern.

Über die youtube-Serie "Happy Huhn" informiert sich Anne Daur-Lyrhammer, was beim Halten von Hühnern zu beachten ist. 

Antwort auf die Globalisierung des Ernährungssystems

"Do-it-yourself-" sowie "Local-food" seien schon seit einigen Jahren in Mode, bestätigt die österreichische Ernährungswissenschaftlerin und Trendforscherin Hanni Rützler in ihrem Food-Report 2021. Das sei „die Antwort auf die Globalisierung des Ernährungssystems und der damit einhergehenden Anonymisierung der aus aller Welt stammenden Nahrungsmittel.“

Das ist kein biedermeierlicher Backlash, sondern es waren und sind die hippen, jungen Großstädter, die auch den Schrebergarten für sich neu entdecken.

(Hanni Rützler)

Seit Corona habe es noch einmal einen Anstieg gegeben. Vermehrt werde zu Hause gekocht, damit einher gehe der Anbau von Kräutern, Salaten und Gemüsen auf Balkonen, Fensterbänken oder in Gärten. „Das ist kein biedermeierlicher Backlash, sondern es waren und sind die hippen, jungen Großstädter, die auch den Schrebergarten für sich neu entdecken, im urbanen Raum Nutzgartenprojekte initiieren und Fenchel statt Geranien, Tomaten statt Petunien auf ihren Terrassen pflegen.“  Denn sich selbst als Macher zu erleben und kleine Erfolge zu feiern, motiviere viele Menschen, begründet Rützler

Fleischkonsum sollte ethisch vertretbar sein

Schulpfarrer Hubertus Naumann auf seiner Schafswiese
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Schulpfarrer Hubertus Naumann auf seiner Schafswiese

Der Schulpfarrer Hubertus Naumann aus dem Odenwald hält Schafe. „Meine Frau hat einen landwirtschaftlichen Betrieb geerbt, wir wollten die Grünflächen aber nicht mähen“, erzählt er. Zwölf Mutterschafe, einen Zuchtbock und 15 bis 20 Lämmer nutzt er, um den Rasen kurz zu halten und vier Hektar Wiesenland zu beweiden. „Die Schafsmilch und damit auch der Käse und der Joghurt schmecken besser als die Produkte aus dem Supermarkt. Das hat damit zu tun, dass die Schafe im Freien auf der Wiese leben und kein Mastfutter bekommen. Das ist ein erheblicher Unterschied“, sagt Naumann.

Geschlachtet werden einige der Lämmer auch. „Wenn ich nicht schlachte, muss ich die Schafe sterilisieren lassen, und lebende Schafe kann ich nicht verkaufen. Dennoch tut mir das Schlachten in der Seele weh“, schildert er. Naumann ist wichtig, dass die Tiere auf dem Weg zur Schlachtbank wenigstens keine weiten Transportwege haben, deshalb bringt er sie zu einer nahe gelegenen Metzgerei. Anschließend verkauft er halbe oder ganze Lämmer an Freunde, Bekannte oder Kollegen. „Wenn wir schon Fleisch essen, dann sollte es auch ethisch vertretbar sein und wir sollten wissen, wo es herkommt. Und ich kann den Leuten zeigen, wo und wie die Lämmer aufgewachsen sind“, sagt er.

Naturwabenbau ist tiergerechter für Bienen

Pfarrer und Imker Andreas Ortlieb
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Pfarrer und Imker Andreas Ortlieb

Seine Tiere nicht töten muss Andreas Ortlieb. Der Mecklenburger Pfarrer ist Herr über zehn Bienenvölker. Die Bienenstöcke stehen im eigenen Pfarrgarten sowie im Klostergarten Rehna. In der Sommerzeit umfasst ein einzelnes Volk gut 50.000 der kleinen Insekten. „Auf diese Weise ernte ich etliche Gläser Honig im Jahr“, sagt Ortlieb. Neben der Eigenversorgung von sich selbst und seiner Familie verschenkt oder verkauft Ortlieb den Honig an Gemeindemitglieder oder Gästehäuser im Ort.

„Ich halte meine Bienen im Naturwabenbau. Das bedeutet, dass die Bienen ihr Wabenwerk komplett selbst bauen dürfen.“ In anderen Imkereien sei es üblich, das Wachs der Mittelwände im Bienenstock immer wieder einzuschmelzen und weiterzuverkaufen. Ortliebs Haltungsform, die aus der Bioimkerei kommt, sei für die Bienen tiergerechter und der Honig dadurch besonders rein.

Seltene Kartoffelsorten vor dem Aussterben bewahren

Ernte Kartoffelaktion 2021
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Ernte Kartoffelaktion 2021

Der Pfälzerin Beate Schierstein geht es um das Pflanzenwohl. Sie nimmt an der Kartoffelaktion 2021 teil, einem Gemeinschaftsprojekt der Evangelischen Landeskirchen in Baden und der Pfalz sowie verschiedenen katholischen Diözesen. Ziel der Aktion ist es, seltene Kartoffelsorten vor dem Aussterben zu bewahren. „Ich habe einen großen Garten und viel Gemüse angepflanzt: Bohnen, Tomaten, Zucchini, Möhren und Rote Beete. Aber noch keine Kartoffeln. Auch deshalb wollte ich bei der Aktion mitmachen“, erzählt sie. Am Eigenanbau schätzt Schierstein, dass die weiß, wo ihr Gemüse herkommt. „Auch geschmacklich merke ich einen Unterschied. Meine eigenen Tomaten schmecken viel süßer als die aus dem Supermarkt.“

Fünf kleine Setzlinge – einen pro Sorte – hat sie im Frühjahr bekommen und so kürzlich neuneinhalb Kilo Kartoffeln geerntet. „Das hat gut funktioniert. Die Kartoffeln sind sehr pflegeleicht im Anbau – ich musste sie noch nicht einmal düngen.“ Nun möchte sich Schierstein auch vom Geschmack überzeugen: Sie freut sich auf Pell-, Brat- und Rosmarinkartoffeln für sich und ihre Familie.