Soziales

Da kannst du hingehen, wenn du zu Hause rausgeworfen wirst!

Der bunte Bus von upstairs ist von der Seite abgebildet.
EVIM/Tamara Jung-König
Während der Öffnungszeiten bekommen Jugendliche und junge Erwachsene Hilfe in akuten Notsituationen.

Alex aus Wiesbaden hat Gewalt in der Familie erlebt. Mit 18 wurde er von zu Hause rausgeworfen und hat bei Upstairs Hilfe bekommen.

Als Alex das Studio betritt, fühle ich mich erst einmal underdressed. Im schwarzen Anzug kommt er rein. Auf mich wirkt er zurückhaltend und sehr höflich

Mit 18 plötzlich kein Zuhause mehr

Der 27-jährige Student der Sozialen Arbeit legt zwei Kalender aus 2017 und 2019 auf das Studiopult. Vorne drauf klebt ein Sticker mit „Expecto Patronum“, dem Zauberspruch aus Harry Potter, der den jungen Zauberer vor dunklen Mächten schützt. 

Irgendwie passend, als er mir im Podcast erzählt, dass er mit 18 Jahren von seiner Mutter vor die Tür gesetzt wurde – allein, mit einem Rucksack und einem Jutebeutel. 

Charlotte Mattes
Alex erzählt über seine Zeit der Wohnungslosigkeit in Wiesbaden und wie upstairs ihm geholfen hat.

Das war im Oktober 2017. Als die Ämter ihm morgens erstmal nicht weiterhelfen können, geht er nachmittags zur Anlaufstelle Upstairs in Wiesbaden. Sie hilft jungen Menschen in Notsituationen. 

Hier bekommt Alex direkt Hilfe. Er schläft zwei Nächte im Hotel, um runterzukommen. Es folgen zwei Jahre der Wohnungslosigkeit. In dieser Zeit lebt er in Notunterkünften, bis er nach 170 Bewerbungen endlich seine erste „sehr kleine, aber feine“ Wohnung beziehen kann.

Upstairs in Wiesbaden

Bei Upstairs kannst du dir Hilfe holen, wenn du in einer akuten Notsituation bist. Du kannst Tag und Nacht anrufen: 0800 101 30 30und vier Mal die Woche zum Bus an den Reisinger Anlagen gehen. Montag bis Mittwoch 15 - 17 Uhr und Freitag 12 - 14 Uhr. 
Upstairs ist zu 100% spendenfinanziert und hilft seit 25 Jahren jungen Menschen. Träger ist der Evangelische Verein für Innere Mission. 

Der bunte Bus von Upstairs steht an der Reisinger Anlage, der Parkanlage gegenüber vom Wiesbadener Hauptbahnhof. Für Alex war es in dieser Zeit besonders wichtig, mit Erwachsenen sprechen zu können, die verlässliche Antworten geben und ihn ernst nehmen. 

In dieser Zeit hat er eine Angststörung und Panikattacken entwickelt. Aber auch in nächtlichen Notsituationen waren die Sozialarbeiter*innen von Upstairs für ihn da.

Der Bereitschaftsdienst hat Alex stark geholfen. Während unserer Aufnahme betont er aber immer wieder, dass er sich anfangs geschämt hat, überhaupt Hilfe zu holen.

Ich habe teilweise Hemden getragen, um besonders bürgerlich zu wirken. 

Was Gewalt in der Familie bedeutet

Als Mama von zwei kleinen Töchtern muss ich schlucken, wenn Alex im Podcast von seiner Kindheit erzählt. Er berichtet von Gewalt, fehlender Liebe und sehr brenzligen Situationen, bei denen auch mal die Polizei kommen musste. 

Er ist mit einer großen Schwester, einem gewalttätigen Stiefvater und einer spielsüchtigen Mutter aufgewachsen. Der leibliche Vater, alkoholkrank und drogensüchtig, ist schon früh kein Teil mehr von Alex´ Leben. 

Während andere Kinder geschmierte Schulbrote bekommen und gekuschelt werden, übernimmt Alex früh Verantwortung für sich und seine große Schwester. Mit sieben Jahren übernimmt er häufig den Wocheneinkauf für die Familie und kocht. 

Mit 14 Jahren stellt er schließlich einen Antrag auf Abzweigung vom Kindergeld, damit er und seine Schwester genug Geld für Lebensmittel haben. Denn durch die Spielsucht seiner Mutter ist das Geld häufig sehr knapp.

Es gab mehrere Tage in meinem Leben, da hatten wir nur Cornflakes zu essen. 

 

Hund „Dodo" gibt Liebe und Georgenheit

Ein Anker ist der Familienhund Frodo, der wegen Alex´ Aussprache als Dreijähriger in „Dodo“ umgetauft wird. Dieser Hund schenkt ihm Trost und Alex hat jemanden zum Kuscheln. 

Als ich ihm im Studio zuhöre, merke ich, wie sehr mich das berührt. Neben seiner Schwester war wenigstens der kuschelige Hund für ihn da und gab ihm die Nähe, die ihm seine Eltern nicht geben konnten.

Alex lebt in seiner eigene Wohnung, studiert und trotzdem bleiben Narben

Alex hat es geschafft: Er hat sich einen Alltag aufgebaut und verdient sein eigenes Geld. Er hat eine Ausbildung zum Kinderpfleger gemacht und studiert heute Soziale Arbeit. 

Vielleicht war Upstairs dafür ein Grund, denn dort hat er Menschen kennengelernt, die drogensüchtig und kriminell geworden sind. Geschützt habe ihn dabei seine Angst, wieder wohnungslos zu werden. 

In unserem Gespräch beschreibt Alex all die brenzligen Situationen, die er erlebt hat, wie Schnitte. Sie sind zwar inzwischen zugewachsen, haben aber Narben hinterlassen. Bis heute habe er große Existenzängste und Sorge vor dem Leben auf der Straße. Auch wenn es dafür keinen konkreten Anlass gibt. 

Diese Ängste stehen ihm auch manchmal im Weg. Etwa dann, wenn es darum geht, seine großen Träume zu verfolgen. Welche das sind und was Alex heute über seine Zeit ohne eigene Wohnung denkt, hörst du oben im Podcast „Echt gefragt - der Talk mit Lotte“.

Wie geht es dir mit der Geschichte von Alex?

Für mich war diese Podcast-Aufnahme sehr berührend. Ich habe mir beim Zuhören immer wieder vorgestellt, wie sich so eine Kindheit wohl anfühlt und was sie mit Alex gemacht hat.

Gleichzeitig hat mir das Gespräch auch gezeigt: Wir können uns verändern. Wir können uns auch aus sehr schlechten Situationen heraustrampeln, dürfen Hilfe annehmen und sollten nie vergessen, an uns und unsere Träume zu glauben.

Wenn du Alex selbst erzählen hören möchtest, hör dir die ganze Podcastfolge an. Mich interessiert danach besonders: Was ist dir aus unserem Gespräch im Kopf geblieben? Wie geht es dir mit seiner Geschichte? Ich freue mich auf deinen Kommentar.

Instagram

Facebook