Spielen im Fahrzeug

Mit der rollenden Kita unterwegs

Bild von der rollenden Kita
epd/Thomas Lohnes
Vor der mobilen Kita basteln Studentin Jana Roth (im Uhrzeigersinn von links), Sozialarbeiterin Theresa Saup, Tiano, Sonny und Eleyna.

Der Betreuungsschlüssel ist hier kein Problem: In der mobilen Kita des Evangelischen Vereins für Innere Mission kommen mal zwei, mal acht Kinder auf zwei Erwachsene. Auch sonst ist manches anders. Die Kita hat kein Gebäude und keinen Garten. Die Kinder spielen in einem Fahrzeug oder draußen.

Auf dem großen asphaltierten Messplatz im hessischen Darmstadt stehen an diesem Tag ein Zirkuszelt, Wohnwagen und Tiergehege des „Circus Rolina“. Etwas abseits parken zwei weiße Kleintransporter mit Aufsatz. Auf den ersten Blick sehen sie aus wie Campingmobile.

Beim Näherkommen verrät die Aufschrift, dass es ein „Lernmobil“ und ein „Kitamobil“ ist. Fachkräfte des Evangelischen Vereins für Innere Mission (EVIM) in Wiesbaden unterrichten schon länger in dem mobilen Klassenzimmer die Kinder von beruflich reisenden Familien. Eine „rollende Kita“ gibt es seit September 2020.

Zweimal pro Woche in der Kita

Vor dem Fahrzeug sitzen drei Kinder auf kleinen Stühlen vor niedrigen Tischen, ihnen gegenüber Sozialarbeiterin Theresa Saup und Studentin Jana Roth. „Ich bin schon auf Seite 68“, erklärt Tiano stolz und zeigt sein Heft. Dort geht es um Mengen und Zahlen. „Wie viele Autos siehst du?“, fragt Roth. „Acht“, sagt Tiano und fügt hinzu, welches Geräusch ihm dazu einfällt: „Tüt, tüt.“ Der Sechsjährige kommt zweimal pro Woche für zwei bis drei Stunden in die Kita.

 

„Soweit wir wissen, sind wir die einzigen in Deutschland, die so etwas anbieten“, sagt Theresa Saup. Grundlage der Arbeit ist der Hessische Bildungs- und Erziehungsplan. Das Hessische Sozialministerium, die Diakonie Deutschland und die EVIM Bildung gGmbH finanzieren das für Eltern kostenlose Angebot.

Seit Februar hat Tianos Familie ihren Zirkus auf dem Messplatz aufgeschlagen, zunächst in der coronabedingten Pause, anschließend für die ersten Vorstellungen nach dem Lockdown. Der war für die jüngeren Kinder besonders langweilig. „Die Kinder wollten mit zum Unterricht ins Lernmobil kommen, weil wir die einzige Abwechslung für sie waren“, sagt Thomas Schulze, bei EVIM Fachberater im Bereich Kindertagesstätten und Mitinitiator des Projekts. Aus dieser Situation heraus entstand die Idee für das mobile vorschulische Angebot.

Angebot gibt es nur in Hessen

Im September des vergangenen Jahres hat EVIM das Team zusammengestellt. Dazu gehören Schulze, ehemaliger Leiter einer Kita, Theresa Saup und Jana Roth, die soziale Arbeit studiert. Zunächst fuhren sie einzeln oder zu zweit in einem Fahrzeug die Plätze an, darunter Frankfurt und Darmstadt, aber auch Schlitz im Vogelsberg und Groß-Bieberau am Rand des Odenwalds. „Wir sind nur in Hessen unterwegs“, sagt Saup. Die meisten Familien beschränkten sich wegen schulpflichtiger Kinder auf ein Bundesland.

Der siebenjährige Sonny vor der mobilen Kita
epd/Thomas Lohnes
Auch wenn Sonny mit seinen sieben Jahren schon zur Schule geht, so kommt er doch gerne bei der Kita vorbei.

Mit zwei weißen Sprintern ist das Kita-Team seit April unterwegs, dabei handelt es sich um umgebaute Lernmobile. Innen ist alles zweckmäßig, aber kindgerecht eingerichtet. Von einem hohen Regal blicken zwei große braune Bären, an den Wänden hängen Kinderzeichnungen und sind Tische montiert. „Es fehlt noch eine Erholungsecke“, sagt Saup, die wollten sie mit Sitzsäcken schaffen.

Tiano ist an diesem Vormittag mit seiner Cousine Eleyna (3) und seinem Cousin Sonny (7) gekommen, der eigentlich schon die mobile Schule besucht. Drei Kinder, zwei Erwachsene – ein Betreuungsschlüssel, von dem andere träumen. „Manchmal haben wir acht Kinder, mal sechs, mal drei“, erklärt Sozialarbeiterin Saup. Das hänge ganz davon ab, welches Ziel sie und ihre Kollegin ansteuern.

Fast keine Kontakte außerhalb der Familien

Die mobile Kita hat inzwischen elf Stationen, insgesamt 22 Kinder im Alter zwischen drei und sechs Jahren aus Schausteller- oder Zirkusfamilien sind angemeldet. Die Fachkräfte fahren täglich zwei bis drei Stationen an. Dort versuchen sie, mit den Kindern möglichst viel draußen zu unternehmen.

„Wir müssen mehr planen, weil es nur so wenige Kinder sind und die größere Gruppe fehlt“, sagt Saup. Vor allem die Vorschulkinder hätten fast keine Kontakte außerhalb ihrer Familien. Das Lernen von und mit anderen Kindern fällt weitgehend weg. Die Kinder seien deshalb stärker auf die Erwachsenen bezogen. „Es ist ein sehr intensiver Kontakt“, ergänzt Roth. Besonders Lesen und Basteln stünden bei den Kindern hoch im Kurs.

Logopädin hilft bei sprachlichen Problemen

Die Mädchen und Jungen haben unterschiedlichen Förderbedarf, einige brauchen Hilfe bei der sprachlichen Entwicklung. Das Kita-Team hat bereits Kontakt zu einer Logopädin aufgenommen, die Online-Sprachtherapie anbietet.

Die Eltern seien insgesamt sehr kooperativ, sagt Saup. Juliana Ortmann, die Mutter von Eleyna und Sonny, freut sich über das Angebot. „Es tut den Kindern gut“, betont sie. „Sie fragen ständig, wann die Kita wieder kommt und ob es noch Zettel für Hausaufgaben und zum Malen gibt.“ Ginge es nach ihren Kindern, „könnte die Kita öfter kommen“, fügt sie hinzu.

Im Zirkus ist Tiano ein Clown

Clown August in der Manege
epd/Thomas Lohnes
Tiano ist im „Circus Rolina“ der kleine Clown August, dessen Plüschlöwe durch einen Reifen springen soll.

Tiano malt inzwischen eine Maske auf einen Pappteller. Grüne Augen, grüner Mund, gelbe Haare. „Ein böser Zombie“, sagt er. Allerdings sieht das Gesicht gar nicht so furchterregend aus. Das mag daran liegen, dass Tiano auch schon ein kleiner, fröhlicher Clown ist. „Meinen August mache ich schon richtig lange“, erklärt der Sechsjährige stolz. Bei seinen Auftritten im Zirkus soll ein Spieltier-Löwedurch einen Reifen springen, was sich als nicht so einfach herausstellt.

Sonny hilft bei den Vorstellungen mit dem Licht. „Dann sehe ich ihn und kann gut auf ihn aufpassen“, sagt Mutter Juliana und lacht. Eleyna hilft beim Popcorn und läuft immer mal wieder mit einem Schild durch die Manege. Und die Kita? „Dort liebe ich das Spielzeug und höre gerne Geschichten. Und alle sind so lieb, das ist das Beste“, sagt Tiano.