Soziales

Tierklinik im Ausnahmezustand: Wenn die Hitze Jungvögel aus dem Nest treibt

Drei Studierende (Frauen) sitzen um einen Tisch. Sie halten jeweils ein Vogelküken in ihrer Hand und füttern dieses.
Selina Groß
Studierende der Universität Gießen im Labor beim Füttern der Vogelküken.

Hitze kann nicht nur für Menschen lebensbedrohlich sein. Auch Wildtiere leiden unter den extremen Temperaturen. Besonders gefährdet: Wildvogelküken.

Hochbetrieb in der Vogelklinik Gießen: Täglich werden dort rund 180 Jungvögel aufgenommen, deutlich mehr als im Vorjahr. Hitze und der Verlust natürlicher Nistplätze bringen immer mehr Wildvögel in Lebensgefahr. Die Klinik arbeitet inzwischen am Limit.

Zum Vergleich: Im ersten Halbjahr 2025 nahm die Klinik nach eigenen Angaben etwas mehr als 1.000 Wildtiere auf. In diesem Jahr zählte sie allein im Frühsommer schon über 1.500 Tiere. Besonders häufig betroffen sind junge Schwalben und Mauersegler

Wenn das Nest zur Hitzefalle wird

Tierarzt Michael Lierz nennt zwei zentrale Gründe für die steigende Zahl an Jungvögeln in Not: den Verlust ihrer Nistmöglichkeiten und den Klimawandel.

Laut der Science Media Company führt der Klimawandel zu einer starken Zunahme von Hitzesommern und Tropennächten. Das hat wiederum ausschlaggebende Folgen für Ökosysteme und Biodiversität

Nach Angaben des Naturschutzbund Deutschland (NABU) nisteten ursprünglich viele Vogelarten in Felswänden oder Höhlen. Im Laufe der Zeit passten sie sich an den Menschen und seine Gebäude an und nutzten kühle Mauerlöcher als Brutplätze. In modernen Gebäuden fehlen diese jedoch häufig. Deshalb brüten viele Vögel heute direkt unter Dächern – durch die immer heißer werdenden Sommer kann das allerdings schnell lebensgefährlich werden.

„Die Jungvögel überhitzen in ihren Nestern und springen letztendlich heraus“, sagt der Veterinärmediziner.

Tierpflege im Stunden-Takt

Ehrenamtliche Helferinnen und Helfer übernehmen einen großen Teil der aufwendigen Pflege der Küken. Meist engagieren sich Tiermedizinstudierende der Universität. Bis die Jungtiere zwei, drei Wochen nach Ankunft in der Vogelklinik fliegen können, müssen sie gefüttert werden. Und das alle zwei Stunden am Tag.

Die Ehrenamtlichen arbeiten rund um die Uhr: Die kleinen Vogelbabys bekommen Wasser mit einer Pipette und werden mit Insekten gefüttert. Ist der eine Vogel versorgt, wird sich direkt um den nächsten gekümmert. 

„Ohne sie könnten wir die Arbeit hier nicht stemmen“, sagt Lierz.

Eine Frau im Labor hält auf einem Tuch ein geschwächtes Mauerseglerküken in die Kamera.
Selina Groß
Geschwächtes Mauerseglerküken.

Wenn Helfen an die Grenzen geht

Die hohe Zahl verletzter und geschwächter Tiere bringt das Team jedoch an seine Belastungsgrenze. „Aktuell ist die Vogelklinik so sehr ausgelastet, dass für zusätzliche Aufgaben kaum noch Kapazitäten bleiben“, sagt Michael Lierz.

„Die Arbeit kann für viele der Mitarbeitenden auch emotional eine Belastung sein.“ Nicht allen Tieren kann geholfen werden. Das erschwere die Lage um einiges. Gleichzeitig erleben die Helfenden oft auch belastende Situationen mit Menschen, die geschwächte Tiere bringen und nicht immer freundlich sind. 

Kontakt & Engagement

E-Mail für das Ehrenamt:wildtiermedizin(at)uni-giessen.de

Telefon (Wildtiere in Not):0151-55027088 (Erreichbarkeit: Mo–Fr 7:00 bis 22:00 Uhr)

Website der Gießener Tierklinik sowie Website des Vereins

Um die Arbeit der Versorgung langfristig zu sichern, hat Lierz den Verein zur Förderung der Vogelmedizin Gießen gegründet. Sein Ziel: Auch Menschen ohne tiermedizinische Erfahrung für die Versorgung und Rettung von Vögeln dazugewinnen

So können Ehrenamtliche die Klinik beispielsweise durch die Fütterung von hilfsbedürftigen Wildvögeln oder durch Fahrdienste für den Tiertransport unterstützen. 

So kann jede*r Vögeln helfen

  • heimische Blumen und Pflanzen säen
  • kleine Wildblumenflächen auf dem Balkon oder im Garten anlegen
  • Vogeltränken mit Ausstiegshilfe (z. B. einem Stein) aufstellen
  • Nistkästen und andere geeignete Nistmöglichkeiten anbieten
  • mehr Grün statt Beton 

Trotz der Vielzahl an aufgenommenen Jungvögeln geht die individuelle Fürsorge und die Liebe zum Tier nicht unter. „Das erlebe ich immer wieder – und das ist auch gut so“, betont Lierz. Jedes Tier erhalte die Aufmerksamkeit und Pflege, die es benötigt.

Auch wenn ein Tier nicht gerettet werden könne und eingeschläfert werden müsse, sei das ein wichtiger Beitrag zum Tierschutz. „Im Prinzip erleben wir jede Minute, dass unsere Arbeit sinnvoll ist.“, so Lierz.

Ein Herr hält ein Mauerseglerküken in der Hand und zeigt den Flügel.
Selina Groß
Ausgebreiteter Flügel eines Mauerseglerküken.

Jeder gerettete Jungvogel ist mehr als ein Einzelfall. Er steht stellvertretend für den Schutz heimischer Arten, deren Lebensräume zunehmend unter Druck geraten.