Gesellschaft

5 Jahre Ahrflut: Wie Notfallseelsorger in Schulen helfen konnten

Thomas Stephan und Anke Lind
Florian Riesterer

Die Flutkatastrophe im Ahrtal hat immense Zerstörungen und traumatisierte Menschen hinterlassen. Damals haben Notfallseelsorger in Schulen geholfen.

136 Menschenleben fordert die Flutkatastrophe 2021 im Ahrtal. Anke Lind und Thomas Stephan helfen als Notfallseelsorger mit einem ökumenischen Team der Evangelischen Kirche der Pfalz und des Bistums Speyer Schülerinnen und Schülern sowie Lehrkräften. Ihre Erfahrungen legen den Grundstein zu einer regional vernetzten Krisenintervention in Schulen.

Als Thomas Stephan als Teil des DRK-Kriseninterventionsteams Bellheim am 15. Juli im Ahrtal eintrifft, ist er fassungslos ob der Zerstörungen. „So was hatten wir noch nie gesehen“, sagt der Pastoralreferent. Er ist im Bistum für Schulseelsorge zuständig.

Schulen zerstört

Was machen wir mit den Schülern? Diese Frage drängt sich Stephan auf. „Es war gerade das Ende des Schuljahrs, die Sommerferien standen kurz bevor.“ Knapp 30 Schulen im Ahrtal sind zerstört oder stark beschädigt. Schülerinnen und Schüler sowie Lehrerinnen und Lehrer haben Angehörige verloren oder ihr Hab und Gut. 

Thomas Stephan vernetzt sich mit Oliver Klauk, damaliger Leiter des Arbeitsbereichs Krisenmanagement der Schulpsychologie in Rheinland-Pfalz. Außerdem sucht er den Schulterschluss mit anderen Bistümern und evangelischen Landeskirchen. Aus der Evangelischen Kirche der Pfalz unterstützt ihn Pfarrerin Anke Lind, zuständig für Schulseelsorge. Rund 25 Schulen melden Bedarfe an, aus ganz Deutschland kommen Schulpsychologen in die Region.

Häuser sind durch die Ahrflut zerstört
Frank Schultze/epd
Viele Menschen hat die Flut obdachlos gemacht.

Vom Wasser eingeschlossen

In ökumenischen Zweierteams sind die Seelsorger unterwegs. Anke Lind besucht vormittags mit einem katholischen Kollegen die Grundschule Dernau, die fast komplett zerstört ist. In dem 1800-Einwohner Ort sind 90 Prozent der Gebäude beschädigt. Die Klassen sind auf drei Standorte verteilt. „Und dann sind wir immer gependelt.“

Nachmittags ist sie mit Thomas Stephan im Schulzentrum Calvarienberg ansprechbar, das aufgrund seiner Lage an einem Hang von der Flut verschont blieb. Dorthin kommen die Schüler des Peter-Jörres-Gymnasium Ahrweiler zu Besuch, das vom Wasser eingeschlossen war.

Uhr zeigt, wann die Flut kam

Thomas Stephan und Anke Lind begleiten mit einem ökumenischen Team die Klassen vom Calvarienberg hinunter in ihr altes Gymnasium, das direkt an der Ahr liegt. Zum ersten Mal nach der Flutnacht betreten die Schülerinnen und Schüler das Gebäude. „Im unteren Stockwerk konnte man noch am Vertretungsplan sehen, wie hoch das Wasser stand“, sagt Lind.

In der Turnhalle im Erdgeschoss ist die Uhr genau zu dem Zeitpunkt stehengeblieben, als die Flut kam, der Strom unterbrochen war. „Das waren Situation, die auch für uns, die wir von außen kamen, unter die Haut gegangen sind“, erinnert sich Thomas Stephan.

Die Ahrflut hat den Vertretungsplan der Schule verfärbt.
Thomas Stephan
Wie hoch das Wasser stand, ist am Vertretungsplan der Schule zu erkennen.

Gebete in der Schule

Im ersten Obergeschoss, wo das Wasser nicht hinkam, sind die Pfarrerin und ihr Kollege beim Ausräumen der Schließfächer dabei. „Es gab total rührende Szenen“, erinnert sich Anke Lind. Eine Lehrerin betet mit ihrem Kurs Psalm 23. Und ein Sport-Leistungskurs findet irgendwo einen verdreckten Ball. „Sie haben dann in der völlig zerstörten Turnhalle, wo der Boden bereits rausgeschlagen war, angefangen, Fußball zu spielen.“

Erinnerungen an die Flutnacht

Aber es gibt auch Schüler, die das Gebäude nicht betreten können, weil sie die Katastrophe so sehr mitnimmt. „Wir haben sie in einigem Abstand betreut, so dass sie die Schule nicht sehen müssen.“ Immer wieder merken die beiden, welche Auswirkungen die Katastrophe auf den Schulalltag hat.

 „Wir hatten Schüler, die den Stundenplan fürs neue Schuljahr bekommen haben und gesagt haben: In diesem Raum war ich in der Flutnacht ausquartiert, und da soll ich jetzt Französisch lernen?“ Also sorgen die beiden dafür, dass Räume getauscht werden.

Scheiben am Peter-Jörres-Gymnasium sind zersplittert
Thomas Stephan
Von der Flut gezeichnet: Zerstörte Schule.

Heizöl im Wasser

Vor allem in den Grundschulen versuchen beide, Bezugspersonen fit zu machen für die erlittenen Traumata, sprechen mit Lehrerinnen und Lehrern, Hortmitarbeitern und Eltern. „Es gab bei vielen typische Trigger“, erinnert sich Stephan.

Einige konnten die Ahr nicht mehr rauschen hören.

Vielen macht der Geruch von Heizöl zu schaffen. Das gelangt aus den Öltanks der Häuser in der Flutnacht in die Ahr, während Menschen um ihr Leben schwimmen.

Und dann hören beide die vielen Geschichten von Menschen, die in Kellern eingeschlossen sind und „die Not einfach groß war“, sagt Thomas Stephan. An einem Freitag kreisen plötzlich Hubschrauber über der Schulturnhalle, weil Kanzlerin Angela Merkel ins Ahrtal kommt. „Wir haben die Lehrerinnen und Lehrer gewarnt, dass das triggern kann“, sagt Anke Lind.

Lila Jacken der Notfallseelsorge als Türöffner

Die Kollegien der Schulen sind ebenfalls betroffen, ganz unterschiedlich. „Die einen waren im Urlaub in den Sommerferien und die anderen haben ihr Haus aufgeräumt“, sagt Lind. Eine schwierige Situation.  

Gleichzeitig war Schule für viele auch Rückhalt.

Thomas Stephan wünscht sich die Tage und Wochen nach dem Unglück als etwas „hoffentlich einmaliges“ nicht zurück. „Dennoch war es eine Zeit unfassbarer Nähe zwischen Menschen in Not.“ 

Die lila Seelsorgejacken erlebt er als „unheimlichen Türöffner. Weil die Betreuungsangebote der Notfallseelsorge omnipräsent waren, das hatte eine irrsinnig hohe Akzeptanz.“

Für ihn ist der Beitrag der Schulseelsorge dennoch „nur ein kleiner Puzzlestein von einem riesigen Etwas, was ineinandergreifen hat müssen und auch ineinander gegriffen hat an vielen Stellen“.

Helfer schippen in Odendorf Schlamm
Meike Böschemeyer/epd
Aus ganz Deutschland helfen Freiwillige nach der Flut im Ahrtal, hier in Odendorf.

Der Teamgedanke dieser Tage prägt Anke Lind und Thomas Stephan. Und so wird das Ahrtalunglück Initialzündung für die Notfallseelsorge in der Schule, die beide aus der Taufe heben. Auch zuvor schon kommen Notfallseelsorger in Krisenfällen an Schulen. Jetzt aber bauen sie ein ökumenisches Team auf, das auf dem Gebiet des Bistums und der Landeskirche in Krisenfällen unterstützt. 

Notfallseelsorge und DRK-Kriseninterventionsdienst betreuen in der Regel einen überschaubaren Kreis von Menschen. „Wir klingeln an der Tür, haben ein, zwei Betroffene, mit denen wir reden“, sagt Thomas Stephan. „In der Schule haben wir eigentlich immer Minimum Klassenstärke oder je nach Situation eine ganze Schulgemeinschaft.“ 

Und die Schulen nehmen das Angebot dankend an, fragen immer häufiger an. Mehr als 100 Einsatztage hat das mittlerweile siebenköpfige Team bereits absolviert, ob infolge von Amokdrohungen, Gewalt an der Schule oder Todesfällen im Kollegium oder der Schülerschaft.

Aufnäher "Notfallseelsorge in der Schule" auf einer lila Notfallseelsorge-Jacke
Thomas Stephan

Kontakt zu den Betroffenen der Ahrtalflut halten beide nicht. „Ich habe ganz, ganz selten ab und zu über jemanden noch Kontakt“, sagt Lind, die zur Eröffnung einer Turnhalle eingeladen war. Thomas Stephan erinnert sich an einen Fall, wo er noch einmal telefonisch angefragt wurde.

Notfallseelsorge

Du willst ehrenamtlich helfen als Notfallseelsorger? Hier findest du weitere Informationen für deine Region.

Ziel sei ohnehin, die Leute vor Ort zu stärken. „Wir wollen keine Abhängigkeiten schaffen. Das gilt weit über Ahrweiler hinaus“, sagt Stephan. „Ich bin bei einem Notfall einen oder zwei Tage an der Schule, vielleicht auch mal drei, vier, fünf ´, wenn’s hart auf hart kommt. Aber wir können ja nicht langfristig dorthin“, sagt Anke Lind.

Krisenfälle haben halt leider nun mal keinen Ausschaltknopf.

Selbst ein halbes Jahr später sei es wichtig, dass es noch Leute vor Ort gibt, die wissen: „Stimmt, da war was. Das hat den damals ziemlich getroffen. Könnte das Verhalten jetzt damit zusammenhängen?“

Ausbildung nachgefragt

Für die ökumenische Notfallseelsorge-Ausbildung haben beide das Modul „Einsatzraum Schule“ entwickelt. Darüber hinaus gibt es spezielle Fortbildungen für Lehrerinnen und Lehrer oder Sozialarbeiter

Und auch damit treffen sie offenbar einen Nerv. Für den im November startenden ökumenischen Ausbildungskurs „Trauer- und Krisenseelsorge in der Schule“ stehen jetzt schon mehr als 20 Personen auf der Warteliste.