Gottesdienste an Weihnachten

Wieso macht ihr Weihnachten nicht einfach mal den Laden dicht?

Porträt Esther Stosch
Kommentar von Esther Stosch

Dieses Corona-Weihnachten wird anders. Der Familienbesuch ist zusammengestrichen und die Autobahnen vermutlich endlich einmal frei. Aber nicht alles ist anders, denn die Gottesdienste finden statt. Natürlich nicht ganz so, wie in den vergangenen Jahren, aber es gibt sie! Unsere Redakteurin Esther appelliert: Bleib bitte trotzdem Zuhause.

Freie Bahnen für die Weihnachtsgottesdienste. Ganz klar, die Religionsfreiheit in unserem Land ist ein hohes Gut. Klar, wir feiern Weihnachten als hohes christliches Fest. Auch klar: wir wussten schon im Frühjahr, dass dieser Winter härter wird, als in den vergangenen Jahren. Die zweite Corona-Welle kam mit Ankündigung!

Ich wundere mich, warum irgendjemand geglaubt hat, dass wir das übliche Weihnachtsfest im Kreis unserer (großen) Familie verbringen werden und die Kirchenbänke voll wie immer sein werden. Hand aufs Herz:

Wie blind wart ihr eigentlich?

Ich will nicht ungerecht sein: Viele haben sich Gedanken gemacht: Krippenspiele im Sommer aufgezeichnet, Kamera-Equipment für den Heiligabend-Livestream organisiert und und und. Aber das ist so ähnlich wie mit den Schulen aktuell. Es gibt ein paar besonders Weitsichtige an entscheidenden Stellen, aber das Gros scheint im Sommer dann doch lieber in den Urlaub gefahren zu sein.

Muss ein Gottesdienst in der Kirche wirklich sein? 

Mich irritiert, warum gerade jetzt viele Gemeinden zu Präsenz-Gottesdiensten einladen: Kirchen offen halten, ist das eine, zu Gottesdiensten aufrufen das andere. Die Türen müssen offenbleiben, damit Seelsorge und das stille Gebet jedem einzelnen weiter möglich sind.

Die Einladung zu Gottesdiensten erscheint mir aber unverantwortlich. Denn hier setzen sich Menschen einem Risiko aus, das in diesem Jahr vermieden werden kann. Es wirft bittere Fragen auf: Warum müssen Läden schließen, warum dürfen Künstler*innen nicht auftreten – aber warum lädt die Kirche zu Gottesdiensten?

Klare Kante wäre wünschenswert, liebe Kirche

Da nutzt es auch nichts, wenn viele Kirchen jetzt das „einerseits und andererseits“ predigen: Einerseits halten viele Kirchen an öffentlichen Weihnachtsgottesdiensten fest und andererseits ermuntern sie, an digitalen Gottesdiensten teilzunehmen oder Gottesdienst in den Familien zu feiern.

Hinter dieser Strategie ist keine klare Linie zu erkennen, um vor dem Coronavirus zu schützen. Im Gegenteil: Die ständige wabernde Unklarheit treibt Menschen ins Risiko. Da hilft es auch nicht, an die Eigenverantwortung eines jeden Menschen zu appellieren – so sieht eher Flucht aus der Verantwortung aus.

Die Politik kann nicht alles regeln

„Gehen Sie Weihnachten nicht in die Kirche“ – dieser Aufruf von Sachsens Regierungschef Michael Kretschmer im Landtag hat viele irritiert. Ein Aufruf, der der Politik nicht gut zu Gesicht steht.

Er hätte vielmehr von den Kirchen kommen müssen, dann wäre er auch glaubwürdig und authentisch gewesen. So wirkt er vielmehr wie ein bitterer Appell, der letztlich wieder ungehört im Corona-Alltag in Deutschland verhallt.

Weihnachtsbotschaft ist kein Aufruf zum Leichtsinn

Christen brauchen keine besonderen Orte, um Gottesdienst zu feiern. Wie heißt es so schön: "Wo zwei oder drei in Jesu Namen versammelt sind, da wird auch der Heilige Geist unter ihnen sein." Fürchtet euch nicht – die Weihnachtsbotschaft in diesem Jahr ist kein Aufruf zum Leichtsinn. Weihnachten kann Trost spenden, auch in schweren Zeiten – gerade denjenigen, die in diesem Jahr zu Hause bleiben werden. So wie mein Mann und ich.