von Katrin von Bechtolsheim
„Lassen Sie sich den Abend schmecken.“ Der Satz klingt freundlich. Doch in diesem Moment fühlt er sich merkwürdig an. Der Kellner stellt meinem Tischnachbarn einen silbernen Platzteller hin. Er richtet das Besteck sorgfältig aus, schenkt Wasser und Wein ein. Dazu trägt er weiße Handschuhe. Kurz darauf folgt die Vorspeise, Gazpacho, ein kleiner Salat, Brot und verschiedene Dips, kunstvoll angerichtet. Vor mir bleibt die Tischdecke leer. Ich schaue kurz nach links und rechts. Vielleicht hat der Kellner mich übersehen. Doch nein. Auch meinem Gegenüber wird nichts serviert. Der Kellner geht einfach weiter zum nächsten Tisch und stellt dort den nächsten Teller ab. So beginnt das sogenannte Risky Dinner der Kinderhilfsorganisation Mary's Meals.
Als ich den Saal betrete, ahne ich noch nicht, wie schnell sich die Stimmung verändern wird. Rund 25 Menschen sitzen an den Tischen in dem Kellergewölbe. Es wird gelacht, Gläser klirren, mancher kennt sich schon, einige machen sich miteinander bekannt. Es fühlt sich an wie viele Benefizveranstaltungen, freundlich, entspannt, erwartungsvoll. Wir sitzen zu acht an unserem Tisch. Man stellt sich vor, spricht darüber, woher man kommt und was man über Mary's Meals weiß. Wir wissen ungefähr, was uns erwartet. Heute Abend soll Hunger erfahrbar werden.
Vor jedem Platz liegt eine gefaltete Serviette. Darunter verbirgt sich ein kleiner Zettel. Als alle sitzen, werden wir gebeten, ihn umzudrehen. Das ist der große Moment. Auf meinem Zettel steht eine Drei. Mein linker Tischnachbar zieht eine Eins. Der Mann gegenüber eine Zwei.
Das sagt uns erst einmal gar nichts. Wenige Minuten später tritt Christian nach vorne. Eigentlich arbeitet er als Orthopäde am Frankfurter Opernplatz. Aber heute engagiert er sich ehrenamtlich für Mary's Meals. „Die Zahlen entscheiden darüber, wie Ihr Abend aussieht“, erklärt er. Die Eins steht für die Menschen, denen es an nichts fehlt. Die Zwei für diejenigen, die einigermaßen versorgt sind. Die Drei für die größte Gruppe der Weltbevölkerung. Menschen, die mit sehr wenig auskommen müssen.