Doomscrolling zum Ukraine-Krieg

Doomscrolling: Gegen die Flut von schlechten Nachrichten

Auf der Suche nach schlechten Nachrichten
gettyimages / fizkes

Ukraine, Putin, Krieg: Du liest wahrscheinlich eine schlechte Nachricht nach der anderen. Du scrollst weiter: Doomscrolling. Was kannst du dagegen machen?

Negative News
privat
Überall nur schlechte Nachrichten. Ist das wirklich so?

Du kennst das bestimmt: Du scrollst von einer schlechten Nachricht zur nächsten: neue Nachrichten zum Ukraine-Krieg, zu Putin, zu Sanktionen auf... Aber auch Corona ist noch nicht vorbei und die Umweltkatastrophen oben drauf. Lauter „Bad News“ auf deinem Smartphone. 

Und deine Aufmerksamkeit ist viel Wert. Besonders in Social Media trittst du damit eine Lawine los. Denn du bist schließlich ganz gebannt und folgst dem Sog der schlechten Nachrichten. Ein ernüchternder Beitrag folgt auf den nächsten, und hinter jeder Verlinkung zu einem anderen Artikel versteckt sich ein neuer Angstmacher.

Das nennt sich: Doomscrolling.

Person im Bett starrt aufs Handy und hat massive Augenringe und miese Laune
gettyimages/Micah Watson

„‚Doom heißt so etwas wie ‚nahender Untergang‛ und Scrolling beschreibt die Wischbewegung, die wir machen, um unser Smartphone zu bedienen‟, erklärt die Technikethikerin und Sozialwissenschaftlerin Paula Helm von der Universität Tübingen.

Doomscrolling: Die ständige Suche nach Bad News

Zusammengenommen beschreiben die Wörter dann die ständige Suche nach und den konstanten Konsum von deprimierenden Medieninhalten. Die Wortneuschöpfung hat mit der Corona-Pandemie rasant Karriere gemacht. Aber auch jetzt zum Ukraine-Krieg zeigt sich das Phänomen sehr deutlich - eine angstmachende Nachricht folgt auf die Nächste.

Was mache ich gegen Doomscrolling & den Sog der schlechten Nachricht?

Smartphone-Regeln gegen das Doomscolling

Mach dir selbst Regeln für dein Smartphone-Verhalten. Das könnte zum Beispiel so aussehen:

  • Die erste halbe Stunde am Morgen nicht aufs Smartphone schauen. 
  • Gezielt positive Nachrichten suchen.
  • Nachrichten nur bei bestimmten Anbietern konsumieren.
  • Feste Zeiten für Nachrichten einplanen. 

Vielleicht ist es einen Versuch wert morgens das Gerät NICHT als erstes in die Hand zu nehmen, sondern mindestens eine Stunde Digital Detox, bevor der Tag startet? Und wenn dann das Smartphone an ist, überlege dir genau: Was tut dir gut?

Manchen Menschen hilft das sogenannte Gleefreshing (Englisch für: „Entzücken neu laden“). Dabei konsumierst du gezielt nur positive Nachrichten.

Ein weiterer Tipp: Begrenze die Nutzung bestimmter Apps zeitlich.

Nachrichten der Hoffnung zum Ukraine-Krieg

Gefährliche Entwicklungen im Kriegsgeschehen zugunsten der psychischen Gesundheit der Menschen zu verschweigen, gehe natürlich nicht, sagt Katzer. Gleichzeitig sei Angst aber kein guter Ratgeber“.

Warum wir es lieben, nach schlechten Nachrichten zu suchen

Doomscrolling ist laut der Kölner Cyberpsychologin Catarina Katzer kein neues Verhalten. „Es ist unser Instinkt, nach negativen Nachrichten zu suchen‟, erklärt sie. Nur wer wisse, welche Gefahren drohten, könne der Steinzeitlogik nach entsprechende Schutzmechanismen entwickeln.

Zu viele schlechte Nachrichten im Netz

Bei der großen Menge an bedrohlichen Nachrichten im Internet habe es heute aber einen gesundheitsschädlichen Effekt, diesem Instinkt zu folgen, erklärt Katzer. Weil die ganzen Informationen langfristig zu einer kognitiven Überlastung führten, habe sich eine „Häppchenmentalität“ entwickelt.

„Studien haben gezeigt, dass wir nur zehn bis fünfzehn Prozent der Inhalte im Internet überhaupt lesen", sagt sie. Dabei filtere das Gehirn ganz gezielt nach negativen Meldungen.

Schlechten Nachrichten bedeuten Stress

Dass der übermäßige Konsum schlechter Nachrichten Stress verursacht, zeigte schon eine Studie von Forscherinnen der University of California aus dem Jahr 2013. Darin untersuchten sie die Auswirkungen der Berichterstattung über den Anschlag auf den Boston-Marathon.

Ihr erstaunliches Ergebnis: Befragte, die sich in der Woche nach dem Angriff täglich sechs oder mehr Stunden der Berichterstattung über das Ereignis aussetzten, fühlten demnach sogar mehr akuten Stress als die Menschen, die den Anschlag direkt miterlebt hatten.

In einer weiteren Studie, organisiert unter anderem von der Harvard School of Public Health, berichtete etwa ein Viertel der mehr als 2.500 befragten US-Amerikanerinnen und -Amerikaner von großem Stress im vorhergegangenen Monat. Als einen der stärksten Verursacher dieses Stresses nannten sie den Konsum von Nachrichten.

Nur noch schlechte Nachrichten? Schreckensnachrichten fesseln uns ▶ Doomscrolling

Dass viele Menschen dennoch das Smartphone nicht aus der Hand legen können und keinen Weg aus der unendlichen Reihe der schlechten Nachrichten finden, hat verschiedene Gründe.

Zum einen sei die Wischbewegung beim Scrollen für die meisten Menschen eine routinierte und unterbewusste Tätigkeit geworden, sagt Sozialwissenschaftlerin Helm.

Suchtpotenzial von Social Media durch Empörung

Zum anderen programmierten Social-Media-Plattformen wie Facebook ihre Algorithmen so, dass die Nutzer:innen möglichst lange auf der Seite blieben. Erreichen lasse sich dies am besten durch „Hype und Empörung“: „Schreckensnachrichten und Polarisierung fesseln die Menschen am besten“, sagt sie.

Doomscolling wissenschaftlich

Obwohl uns die Nachrichten eher die Laune verderben, klicken wir dennoch auf sie. Doomscrolling ist nichts anderes als „das verdammte Scrollen“.  Die Studien über das Doomscrolling zum Weiterlesen:

Studie zum Doomscrolling Bosten

Doomscrolling-Studie von Harvard

Bloß keine Nachricht verpassen

Dazu komme der Druck, konstant informiert sein zu müssen, sagt Psychologin Katzer. „Es wird erwartet, dass jeder sofort auf Neues reagieren kann.“ Seien Menschen nicht auf Nachrichtenseiten unterwegs, hätten sie das Gefühl, etwas Wichtiges zu verpassen.

Gleichzeitig seien Neuigkeiten, die gerade noch aktuell waren, schnell wieder überholt. Daher verstärkte die Corona-Krisedas „Doomscrolling“: „Allein bei den ganzen Pressekonferenzen ist es unmöglich, alles mitzubekommen", sagt Katzer.

Doomscrolling beim Ulraine-Krieg

Ähnlich ist es nun auch im Ukraine-Krieg: Die Entwicklung vor Ort in Kiew oder anderen Städten in der Ukraine ändert sich beinahe minütlich. Auch nachts folgen neue Meldungen aus der ganzen Welt zum Krieg: Stellungnahmen, Konferenzen, Entwicklungen direkt im Kriegsgebiet mit teils erschreckenden Vorkommnissen. Eine Pause der Nachrichten gibt es nicht - die braucht es aber!

Hier sind nach Meinung der Expertin auch die Medien gefragt: „Es wäre schön, wenn auf den Titeln mal groß eine positive Nachricht steht, und die Leser sehen, dass auch noch Gutes passiert.“

Das ist angesichts der jetzigen Lage in der Ukraine sicher schwierig, aber dennoch gibt es auch hin und wieder etwas Positives zu berichten: Hilfslieferungen, Solidarität, die Aufnahme von Geflüchteten... In der Flut der Ukraine-Nachrichten gibt es auch solche, die Hoffnung machen.

Hoffnung auch in den sozialen Medien

Der Ukraine-Krieg ist auch Thema Nummer 1 in den sozialen Medien. Doch auch hier gibt es Nachrichten, die Hoffnung machen. Was macht dir Hoffnung? Welche Nachricht hat dich in den letzten Tagen positiv berührt? Und welche Erfahrung hast du bisher mit Doomscroling gemacht? Wir hören dir zu! Schreibe uns auf

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