Umstrittene Miniserie

Cool, cooler, abgeloost: Miniserie "Ehrenpflegas" haut voll daneben

Portrait Carina Dobra
Kommentar von Carina Dobra

Das Bundesfamilienministerium will Werbung für die Pflege machen und setzt sich damit gehörig in die Nesseln. Es scheint, als haben die Macher hierbei in die Klischee-Büchse gegriffen und alle Vorurteile einmal auf den Tisch gelegt.

Der Wille war da: Nachwuchs locken für die Pflegebranche. Mit einer YouTube-Serie über junge Pflegerinnen und Pfleger will die Bundesregierung junge Menschen für eine Ausbildung in der Pflege begeistern. Mehr als nötig: Schließlich fehlen nach Angaben des Deutschen Pflegerats bis 2030 fast 500.000 Vollzeitkräfte, wenn sich die derzeitigen Trends fortsetzen.

Aber wenn es in der Beschreibung vom verantwortlichen Familienministerium schon heißt: „Wir wollen Jugendliche in ihrer Lebenswirklichkeit abholen“, dann heißt es: Obacht. „Lebenswirklichkeit“? Was ist das und vor allem wer bestimmt das? Die im Schnitt 50-jährigen Mitarbeitenden im Ministerium?

Kritik von allen Seiten

Nicht überraschend ist die YouTube-Miniserie „Ehrenpflegas“ also gefloppt. Da half wohl auch die Zusammenarbeit mit Constantin Film nichts.

Vielleicht kurz zur Handlung. Das geht nämlich schnell, weil es quasi keine gibt: Die Serie begleitet drei angehende Pflegerinnen und Pfleger in der neuen Generalisten-Ausbildung, die seit Anfang des Jahres alle Bereiche der Pflege lehrt. Schon in der ersten Folge macht Hauptfigur Boris den Zuschauerinnen und Zuschauern klar, dass er eigentlich kein Bock auf die Ausbildung hat, sondern nur scharf auf Cash ist.

Mal abgesehen von der vernichtenden Häme in den sozialen Netzwerken, distanziert sich auch der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) von der Darstellung des Berufs und der Ausbildung in der Serie. Sie verletze Selbstverständnis, Ethos und Pflegefachlichkeit der Berufsgruppe, heißt es in einer Stellungnahme.

Autsch. Geht noch weiter: Die Serie sei nicht realistisch und die klischeehafte Überzeichnung würde allenfalls die Vorurteile der Macherinnen und Macher widerspiegeln. Autsch, autsch, autsch.

Es reden nicht alle Jugendlichen wie Kollegah, Haftbefehl und Capital Bra.

Carina 

BMFSFJ
Die "Ehrenpflegas" werben für die neue Pflegeausbildung.

Unterschätzt junge Menschen nicht!

Und wer ist auf den grauenvollen Namen der Serie gekommen? „Ehrenpflegas“. Einige deutsche Rapper sagen vielleicht mal sowas wie „Chabos“ (… „wissen wo der Babo ist“). Aber es reden doch nicht alle Jugendlichen wie Kollegah, Haftbefehl und Capital Bra. Gott bewahre!

Gerade einmal fünf Folgen á circa 6 Minuten trauen die Ministeriumskollegen den jungen Menschen zu. Hallo? Von der Gefängnisserie „Orange is the new black“ gibt es inzwischen sieben Staffeln mit jeweils 91 Episoden und das Publikum feiert es.

Lasst es die Pflegenden selbst machen!

Das mit so einer Serie ist eine kluge Idee. Wenn jemand dabei ist, der oder die diese ominöse „Lebensrealität“ der jungen Menschen kennt. In diesem Fall hätte das Ministerium vielleicht mal Kontakt aufnehmen sollen zu Organisationen, die die Pflegeberufe vertreten oder Pflegerinnen und Pflegern selbst. Haben sie aber nicht, wie auch der Pflegeverband beklagt.

Wie sieht so ein Alltag als Alten- oder Krankenpfleger wirklich aus? Ein Blick auf Instagram und Co. hätte sich gelohnt: Da nehmen Pflegeinfluencer die Sache selbst in die Hand und werben für ihren Beruf. Jim alias jimboy27 zum Beispiel. Auf witzige Art und Weise lässt er seine zigtausend Follower auf TikTok und Instagram an seinem Altenpfleger-Alltag teilhaben.

Den hätte das Ministerium vielleicht mal anfragen können. Das wäre eine Direkt-Nachricht auf Instagram gewesen. Vermutlich ist von den Herrschaften aber niemand dort angemeldet. Das wäre natürlich ein erster Schritt. Mein Rat: Überlasst es den jungen Leuten, cool zu sein.