Gesellschaft

Erste Hilfe: Wenn jede Minute zählt

Das Lebensretter-Team für Maria
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Robert Hickmann (links) und Robert Wunderlich (rechts) haben die App „Region der Lebensretter“ in Tübingen eingeführt. Malte Steinmann, Inken Toellner und Stefanie Schneider (v.l.n.r.) kamen Maria Lonsdorfer (Mitte) zur Hilfe.

In einem Notfall kommt es auf jede Sekunde an. Auch du kannst was machen. Malte erzählt, wie er einer Frau das Leben retten konnte.

von Claudio Murmann

Sonntagabend, 23 Uhr: Malte Steinmann liegt bereits im Bett, ist fast eingeschlafen. Plötzlich geht auf seiner Smartwatch ein Alarm los. Der 22-Jährige springt auf, zieht sich ein Shirt über und hechtet ins Auto. Wenige Minuten später kniet er im Schlafzimmer seiner Nachbarin und leistet Erste Hilfe.

Denn an diesem Sonntag im März 2025 erlitt Maria Lonsdorfer einen Herzinfarkt. Stunden zuvor hatte die 68-jährige Tübingerin noch fröhlich mit der Familie die Firmung ihrer Enkelin gefeiert. Anzeichen für den Infarkt bemerkte sie keine. Als sie abends gemütlich mit ihrem Mann Werner fernsah, folgte es Schlag auf Schlag: Sie verlor das Bewusstsein, lief blau an, hatte Schaum vor dem Mund – ihr Herz blieb stehen. Werner wählte sofort den Notruf 112.

Wem nicht geholfen wird, stirbt

Die meisten solcher Notfälle enden tödlich: Nur etwa 10 bis 15 Prozent der Betroffenen überleben einen plötzlichen Herz-Kreislauf-Stillstand außerhalb eines Krankenhauses. Jedes Jahr enden in Deutschland 50.000 Leben auf diese Weise. In den meisten solcher Notfälle gibt es Umstehende, die eingreifen könnten.

Doch die sogenannte „Laienreanimation“, also Erste Hilfe ohne medizinisches Fachpersonal, wird zu selten geleistet. Das Bundesgesundheitsministerium schätzt: Würden sich mehr Menschen die nötige Herzdruckmassage zutrauen, könnten jedes Jahr 10.000 Leben zusätzlich gerettet werden.

Im Notfall zählt jede Minute

Maria hatte Glück: Sie überlebte ihren Herzinfarkt – und das ohne Folgeschäden. Denn schon zwei Minuten, nachdem ihr Mann den Notruf abgesetzt hatte, begann Malte mit der Reanimation

Diese ersten Minuten sind entscheidend. Nach vier Minuten ohne Sauerstoff beginnen Gehirnzellen unwiederbringlich abzusterben. Die Folgen sind schwere neurologische Schäden. Maria erklärt deswegen: Nach zehn Minuten ohne Sauerstoff möchte sie gar nicht erst wiederbelebt werden.

An diesem Abend stand nach sieben Minuten der Rettungswagen vor Marias Haus. Ab da übergab Malte die Wiederbelebung dem Einsatzteam. Diese Reaktionszeit ist für den Rettungsdienst schnell: Üblicherweise liegt der Richtwert bei zehn bis zwölf Minuten – und selbst das kann in den meisten Fällen nicht eingehalten werden. Genau deshalb ist schnelle Erste Hilfe so entscheidend: Sie überbrückt die Zeit, in der professionelle Hilfe noch unterwegs ist.

 

Maria in ihrem Krankenbett
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Maria Lonsdorfer hat kaum Erinnerungen an ihren Herzinfarkt. Erst im Krankenhaus kommt sie wieder zu Bewusstsein.

Schnellere Erste Hilfe – dank einer App

Malte war an diesem Abend nicht allein. Wenige Minuten nach ihm waren auch Inken Toellner und Stefanie Schneider vor Ort. Malte ist Notfallsanitäter in Ausbildung beim Deutschen Roten Kreuz, Inken und Stefanie arbeiten beim Uniklinikum Tübingen. Dass die drei so kurz nach dem Notruf Maria zur Seite stehen konnten, ist kein Zufall. Sie alle nutzen die App „Region der Lebensretter“ und wurden durch sie alarmiert.

Das Prinzip der App: Geht bei der Rettungsleitstelle ein Notruf ein, werden neben dem Rettungsdienst auch die vier nächstgelegenen User zum Einsatzort gerufen. Dafür braucht die App eine Anbindung an die jeweilige Leitstelle im Stadt- oder Landkreis. Gestartet wurde das Projekt 2017 in Freiburg. Mittlerweile sind die meisten Leitstellen in Baden-Württemberg ans System angebunden. Auch Marias Wohnort Tübingen wurde 2024 ins System aufgenommen.

Finanzierung der App auf der Kippe

Finanziell steht das Projekt allerdings auf wackeligen Beinen: Alles ist spendenfinanziert, die Anbindung an die Leitstelle kostet jährlich um die 30.000 Euro. Malte ärgert das: Er wünscht sich, dass sich die Krankenkassen bei der Finanzierung der App beteiligen.

Nutzen können die App aber nicht alle. Wer im Notfall alarmiert werden möchte, muss die nötigen Qualifikationen vorweisen können. In erster Linie richtet sich die App daher an medizinisches Fachpersonal wie Malte, Inken oder Stefanie, aber auch an alle mit erweiterter Erste-Hilfe-Ausbildung, wie die Polizei, Feuerwehr sowie Berg- und Wasserwacht.

Alle können Leben retten

Bei Erster Hilfe ist Malte aber eines besonders wichtig: Helfen können und sollten alle, nicht nur die Profis. Er schätzt: Was er an diesem Abend in Marias Schlafzimmer getan hat, hätte fast jeder oder jede tun können.

Denn die lebensrettende Herzdruckmassage ist Teil jedes Erste-Hilfe-Kurses, Pflicht für viele Jobs und für den Führerschein. Und wer wirklich gar keine Ahnung hat: Wenn du die 112 wählst, erklärt auch die Leitstelle am Telefon, was zu tun ist.

Richtig Erste Hilfe leisten

Trotzdem nimmt Malte im Notfall viel Unsicherheit wahr. Unbegründet, findet er: „Falsch Erste Hilfe leisten ist schwierig. Lieber drück ich einmal zu viel als einmal zu wenig.“ Aber was genau ist denn im Notfall zu tun, beispielsweise, wenn man eine Person am Boden liegend findet?

  • Lage checken: Bring dich durchs Helfen nie selbst in Gefahr!
  • Bewusstsein prüfen: Ist die Person ansprechbar? Reagiert sie auf Berührung?
  • Notruf absetzen: Reagiert die Person nicht, solltest du die 112 wählen.
  • Atmung checken: Halte dein Ohr über Mund und Nase der Person, schaue auf den Brustkorb und lege die Hand darauf. So kannst du hören, sehen und fühlen, ob jemand noch atmet.
  • Reanimation: Atmet die Person nicht, musst du reanimieren. Dazu 100-120 Mal pro Minute den Brustkorb zwischen den Nippeln ca. 5 cm tief eindrücken. So lange, bis die Person wieder aufwacht oder der Rettungsdienst dich ablöst.

Damit du das nicht alles allein machen musst, empfiehlt Malte, Umstehende mit ins Boot zu holen. So kann beispielsweise jemand den Notruf wählen, während du schon die Atmung prüfst, oder ihr könnt euch beim Reanimieren abwechseln – denn dabei kommt man schnell aus der Puste.

Um den Takt richtig zu halten, hilft es, im Kopf Lieder wie „Stayin‘ Alive“ von den Bee Gees, „Levitating“ von Dua Lipa oder „Dynamite“ von BTS mitzusingen.

Von der Mund-zu-Mund, oder auch der Mund-zu-Nase-Beatmung, wird mittlerweile meist abgeraten. Auch Malte ist nicht überzeugt: Gerade, wenn es um eine fremde Person gehe, könne die Beatmung für zusätzliche Hemmungen sorgen.

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Erste Hilfe geht alle etwas an

Mit dem richtigen Know-How ist es also gar nicht so schwer, ein Leben zu retten. Um fit in Erster Hilfe zu bleiben, rät Malte, regelmäßig sein Wissen in einem Kurs aufzufrischen. Er stellt aber fest: „Wie mit vielen Dingen im Leben, man beschäftigt sich erst damit, wenn es so weit ist, aber dann ist es zu spät.“ Denn Notfälle passieren nicht nur fremden Menschen in der Öffentlichkeit.

Gut 70 Prozent der Herz-Kreislauf-Stillstände treten zu Hause auf, wie auch im Fall von Maria Lonsdorfer. Mit Malte und ihren Lebensretterinnen Inken und Stefanie ist sie mittlerweile gut befreundet. Gemeinsam machen sie aufs Thema Erste Hilfe aufmerksam. Maria fällt es schwer, über das Ereignis zu sprechen. „Ob man das wirklich verarbeiten kann, weiß ich nicht“, erklärt sie. Wichtig ist es ihr aber trotzdem: „Ich bin froh, dass ich lebe und unglaublich dankbar.“