Unbeugsame Rebellin

Die Theologin und Kirchenkritikerin Uta Ranke-Heinemann ist gestorben

epd-bild / Bertold Fernkorn

Von der Vorzeige-Katholikin zur leidenschaftlichen Kämpferin gegen Dogma und Frauenfeindlichkeit: Uta Ranke-Heinemann war jahrzehntelang eine einzige Provokation für die katholische Kirche. Jetzt ist die Ausnahme-Theologin mit 93 Jahren gestorben.

Brav war Uta Ranke-Heinemann nie. "Ich sah immer schon das Haar in der Suppe, bevor es überhaupt reingefallen ist", sagte die streitbare Theologin einmal über sich selbst. Ihr Vater, der frühere Bundespräsident Gustav Heinemann, attestierte ihr bereits als Kind Rebellenblut. Als erste Frau der Welt wurde Ranke-Heinemann 1970 Professorin für katholische Theologie. Als sie jedoch 1987 das Dogma der Jungfrauengeburt öffentlich anzweifelte und nicht klein beigab, wurde ihr die Lehrerlaubnis entzogen.

Geboren wird Uta Heinemann 1927 in Essen. Ihr brillanter Geist zeigt sich bereits, als sie im Essener Burggymnasium ihr Abitur ablegt - mit Auszeichnung und als einziges Mädchen neben 800 Jungen. Uta wird evangelisch erzogen und studiert ab evangelische Theologie, bevor sie 1953 zum katholischen Glauben übertritt - aus Liebe zum katholischen Religionslehrer Edmund Ranke, mit dem sie sich schon in der Schule verlobt. Er ist das Glück ihres Lebens.

Ich sah immer schon das Haar in der Suppe, bevor es überhaupt reingefallen ist

Nach ihrer Konversion legt Ranke-Heinemann zunächst eine Bilderbuchkarriere als Vorzeige-Katholikin hin: Sie studiert im Eiltempo in München gemeinsam mit dem späteren Papst Joseph Ratzinger katholische Theologie, promoviert 1954, habilitiert sich 1969 und wird ein Jahr später die erste katholische Theologieprofessorin der Welt. Zunächst lehrt sie an der Pädagogischen Hochschule in Neuss, dann an der Uni Duisburg und später in Essen.

In der Folge entwickelt sich Ranke-Heinemann jedoch zur schärfsten Kritikerin von Papst und katholischer Kirche. Sie verliert 1987 ihren Lehrstuhl für Neues Testament und Alte Kirchengeschichte, weil sie in einer Fernsehsendung aus dem Marienwallfahrtsort Kevelaer kurz vor dem Deutschland-Besuch von Papst Johannes Paul II. offen sagt, dass sie nicht an die Jungfrauengeburt glaubt.

Uta Ranke-Heinemann: "Eunuchen für das Himmelreich"; Heyne Verlag; 592 Seiten; € 11,99.

Ein Paukenschlag ist ein Jahr später das Erscheinen ihres Hauptwerks "Eunuchen für das Himmelreich", in dem sie mit "der 2.000-jährigen Geschichte der Sexualitätsfeindlichkeit der katholischen Kirche" abrechnet. Das scharfzüngig und provokant geschriebene Buch wird schnell zum Bestseller.

Ranke-Heinemann kritisiert auch den theologischen und kirchlichen Antijudaismus und tritt für Gerechtigkeit ein. Während des Vietnamkriegs reist die Pazifistin in den kommunistischen Norden und setzt sich für ein Ende der Kämpfe ein, in den 1980er Jahren engagiert sie sich für die Friedensbewegung.

Nach dem Verlust ihrer Professur richtet die Uni Essen Ende 1987 für die Beamtin auf Lebenszeit einen Lehrstuhl für Religionsgeschichte ein. Getrieben von ihrer Ablehnung einer deutschen Beteiligung am Kosovo-Krieg, kandidiert Ranke-Heinemann 1999 für die PDS für das Amt der Bundespräsidentin. Bei der Abstimmung verliert die parteilose Kandidatin erwartungsgemäß klar gegen Johannes Rau, den Ehemann ihrer Nichte Christina.

Auch wenn sich Ranke-Heinemann jahrzehntelang wie kaum jemand sonst an der katholischen Kirche reibt - ein Austritt kommt für sie nicht infrage. Sie sei "ein bleibender Protest" und wolle die Kirche nicht dem "herrschsüchtigen, kalten vatikanischen Machtapparat überlassen", sagt sie zu ihrem 85. Geburtstag. Unter Papst Benedikt XVI. - ihrem Intimfeind Ratzinger, der ihr im Streit um die Jungfrauengeburt nicht beistehen wollte - habe die katholische Kirche einen Tiefpunkt erreicht.

Über den Nachfolger Franziskus sagt Ranke-Heinemann nichts Negatives, echte Reformen erwartet sie aber nicht. "Die Unfehlbarkeit der  Vorgängerpäpste behindert das selbstständige Denken der Nachfolgerpäpste", kritisiert sie 2014 mit Blick auf die vatikanische Familiensynode. Die Hoffnungen auf mehr Offenheit und eine andere Haltung zu Frauen seien "vergeblich in einer Kirche, in der alle Hirten Männer und alle Frauen Schafe sind".