Neu in Deutschland

Fremdes Land, neue Chance: Drei Einwanderer:innen berichten von ihrem Neuanfang

Amin (v.l.) Kati und Mehari haben in Deutschland einen Neuanfang gewagt.
privat
Amin (v.l.) Kati und Mehari haben in Deutschland einen Neuanfang gewagt.

Nach Deutschland kommen und neu anfangen. Diesen mutigen Schritt haben Amin, Kati und Mehari hinter sich. Was sie dabei erlebt haben und was für sie am schwierigsten war, hat unser Reporter Christopher Hamich für dich aufgeschrieben. Einen Tipp für deinen persönlichen Neuanfang gibt’s auch!

von Christopher Hamich

Hast du im Urlaub schon mal gedacht: Ich bleibe einfach hier, wandere aus? Was hat dich aufgehalten? Ein Neuanfang in einem neuen Land ist aufregend, aber auch ganz schön anstrengend. Amin aus dem Iran, Kati aus Venezuela und Mehari aus Eritrea haben es dennoch gemacht: Sie sind nach Deutschland gekommen und haben sich hier ein neues Leben aufgebaut.

Amin stammt aus dem Iran. Er macht gerade die Ausbildung zum Elektriker.
privat
Amin stammt aus dem Iran. Er macht gerade die Ausbildung zum Elektriker.

Kindheitstraum Elektriker: Amin (27)

Amin mag Strom! Das sagt er auch so. „Mit Strom spielen macht mir Spaß”, sagt er über seine Arbeit und lacht. Er macht eine Ausbildung als Elektriker für Betriebstechnik bei der VGF in Frankfurt. Seit August 2020 ist er dabei. War es ein Neuanfang für ihn? „Auf jeden Fall”, sagt er, „und es war nicht einfach”.

Zwei Jahre hat er gewartet, um einen Ausbildungsplatz zu bekommen. „Ich habe sehr viele Bewerbungen geschrieben”, sagt er. Eher im dreistelligen als im zweistelligen Bereich.

Schon als Kind Leidenschaft für Elektronik entdeckt

In seiner Jugend wollte er eigentlich Ringer werden, den Kampfsport hat er in Teheran im Iran ausgeübt. Aber er verletzte sich am Kreuzband und brauchte eine Operation. „Ja, dann war ich kein Ringer mehr”, sagt er dazu trocken. Schon damals habe er sich nebenbei in einem kleinen Spielzeugladen um die Elektronik gekümmert

„Das Interesse an allem mit Elektronik habe ich seit meiner Kindheit”, sagt er. Jetzt, im Beruf, ist dann vieles nochmal anders: „Es gibt neue Begriffe“, vieles ist anders als im Iran, zum Beispiel die Volt-Spannung. „Klar, ein bisschen Wissen war da, aber vieles ist auch neu.”

Amin hatte nach seiner Ankunft 2018 Angst, auch weil er gar nichts verstanden hat. „Ich habe schon einige Wochen gebraucht, bevor ich realisiert habe, dass jetzt alles anders ist, bevor ich auch vom Kopf her angekommen bin”, so Amin. Aber „als ich in dem Denken, dass das jetzt alels anders ist, drin war, dann lief es auch, dann wurde es gut”.

Auf einmal ist vieles möglich!

Die Ausbildung gibt ihm eine Perspektive: „Klar, ich habe gerade erst angefangen, aber es kommt ja auch was danach. Vielleicht mache ich meinen Meister, vielleicht noch ein duales Studium“, teilt er seine Überlegungen. „Aber das kann sich alles noch ändern.“ Eines ist für ihn klar: „Ich habe jetzt Chancen.“

Kati stammt aus Venezuela. Nach ihrem Job in der Tourismus-Branche wird sie nun Erzieherin.
privat
Kati stammt aus Venezuela. Nach ihrem Job in der Tourismus-Branche wird sie nun Erzieherin.

Erzieherin in Ausbildung: Kati (37)

Kati ist geübt darin, sich in einem neuen Land ein Leben aufzubauen. Nach Deutschland zu kommen, war schon ihr zweiter Neuanfang.

Geboren wurde sie in Venezuela. Dort hat sie eine Ausbildung zur Tourismuskauffrau gemacht und ging danach nach Spanien. „Eigentlich wollten wir nur für zwei Jahre weggehen, aber dann kam die wirtschaftliche Krise in Venezuela. Es war besser für mich, in Spanien zu bleiben“, berichtet sie, „zumal ich dort Verwandte hatte.“

Nach der Wirtschaftskrise in Venezuela Finanzkrise in Spanien

Aber auch in Spanien wurde das Leben schwieriger. Vor allem Arbeit zu finden wurde, wegen der Finanzkrise ab 2008, zum Problem. „Mich hat dann eine Tante darauf gebracht, nach Deutschland zu gehen.“

Kati orientierte sich also wieder neu, dieses Mal auch beruflich. „Die Arbeit im Tourismus ist hart, die Arbeitszeiten sind schlecht. Ich habe darin keine Zukunft gesehen“, sagt sie, „zumal ich dann auch eine kleine Tochter hatte“.

In Deutschland fand sie eine Hilfsstelle in einem Kindergarten. „Ich finde Kindergärten in Deutschland toll, ganz anders als in Spanien. Hier haben die Kinder Zeit zum Spielen, das ist mega“, freut sie sich.

Ich hatte kaum Ahnung von Erziehung, aber ich hatte die Erfahrung mit meiner Tochter!

Sie wollte also mehr als die Hilfsstelle. Deshalb macht sie seit August 2020 ihre Ausbildung zur Erzieherin. Für die Zeit danach sieht sie dieses Mal gute Chancen, Arbeit zu finden: „Vielleicht sogar direkt hier in Bad Vilbel.“ Erzieherinnen und Erzieher sind begehrt.

Das Schicksal selbst in der Hand

Kati weiß also aus Erfahrung, wie schwierig ein Neuanfang ist. Sie weiß deshalb aber auch gut, wie er funktioniert. „Ich hatte jedes Mal Angst“, beschreibt sie, „aber ich habe mir gesagt: Ich kann das! Und ich konnte es auch. Aber ich musste wirklich alles geben, jedes Mal!“

Sie habe schnell angefangen, die Sprache gelernt und sich nach Jobs, nach Beschäftigung umgeguckt. „Man darf nicht warten”, warnt sie jede:n Neuanfänger:in: „Bloß nicht abwarten, dass etwas passiert. Machen!”

Meharia aus Eritrea hat keine Angst vor Neuem: Er ist jetzt gelernter Koch.
privat
Meharia aus Eritrea hat keine Angst vor Neuem: Er ist jetzt gelernter Koch.

Vom Schreibtisch in die Küche: Mehari (31)

Neues Land, ganz neuer Beruf – davon kann auch Mehari erzählen. Eigentlich hatte er einen Schreibtischjob bei einer Behörde in Eritrea, hat dort Buchhaltung und Controlling gemacht. In der Kantine hat er höchstens mal ausgeholfen. Und jetzt ist er Koch, hat im August 2020 seine Ausbildung abgeschlossen.

Der Weg zum Job ging für ihn über die Sprache. Als er herkam, im Oktober 2016, hat er sich vor allem auf die konzentriert. Nebenher hat er Qualifikationen gesammelt, wo er konnte. Nach einer langen Flucht über den Sudan, Libyen und Italien war ihm bei seiner Ankunft klar: „Ich will so schnell es geht auf eigenen Beinen stehen können”.

Unterstützung durch Organisationen vor Ort wichtig

Eine Perspektive fand er durch das BIFF-Projekt (Berufliche Integration von Flüchtlingen in Frankfurt), an dem unter anderen die Stadt Frankfurt beteiligt ist. Dort gab es Workshops und Hilfe für ihn. „Das war sehr wichtig”, betont er, „es braucht solche Projekte, zu denen Geflüchtete oder Neuanfänger:innen hingehen können und Orientierung und Hilfe bekommen.”

Nach der abgeschlossenen Ausbildung ist Mehari jetzt Jungkoch – offizieller Titel: Commis de Cuisine – in einem Hotel in der Frankfurter Innenstadt. In der Küche sind etwa 40 Menschen beschäftigt, normalerweise. „Jetzt gerade sind es ein paar weniger, Kurzarbeit, wegen Corona eben”.

Küche ist Kunst!

Er liebt den Job: „Wir machen eine sehr gute internationale Küche, also gibt es viel verschiedenes Essen aus vielen Kulturen”, sagt er. Das Kochen fasziniert ihn: „Wenn ein Gericht auf dem Teller ist, das ist Kunst, wie eine neue Welt.“

„Der Neuanfang war gut und richtig, aber auch schwer.“ Vor allem die Sprache zu lernen sei eine Herausforderung gewesen. „Wenn man Leute nicht versteht, ist alles so viel schwerer”, sagt er. Auch jetzt, nach der Ausbildung, sei es damit nicht vorbei: „Ich habe jetzt mehr Verantwortung, und es ist wieder ein bisschen anders, es gibt neue Begriffe”.

Mehari hat für die Zukunft seinen Meister vor Augen. Vielleicht will er auch nochmal die Richtung wechseln, zur industriellen Herstellung. Aber eins nach dem Anderen.