Gesellschaft

Fürchten oder Hoffen? So reagieren Exil-Iraner auf den Krieg

Portrait von Parisa Omidi
Foto Studio Hirch/W. Schenk GmbH
Die Iranerin Parisa Omidi lebt seit 1999 in Hessen. Die Lage in ihrer Heimat beschäftigt sie täglich.

Krieg im Nahen Osten: Welche Ängste und Hoffnungen bewegen Menschen aus dem Iran? Ein Interview zeigt ihre Perspektive.

Nach massiven Militärschlägen von USA und Israel gegen den Iran gehen Tausende in Deutschland auf die Straße. In Frankfurt versammelten sich am 1. März rund 2.000 Menschen. Sie hoffen auf einen politischen Umbruch und das Ende der jahrzehntelangen Unterdrückung. 

Innerhalb von vier Tagen haben nach Angaben des US-Militärs die Streitkräfte fast 2.000 Ziele angegriffen. Währenddessen herrscht bei vielen Exil-Iraner*innen tiefe Sorge um ihre Angehörigen in der Heimat. Der Kontakt ist vielerorts abgebrochen. So geht es auch Parisa Omidi. Im Interview mit Katrin von Bechtolsheim für evangelisch.de berichtet sie von Angst, Verzweiflung und ihrer Hoffnung. Dank unserer inhaltlichen Partnerschaft mit evangelisch.de können wir dir das Interview hier zur Verfügung stellen.

Verzweiflung führt zu Akzeptanz des Krieges

Hast du Nachrichten von deiner Familie im Iran? Wer von ihnen lebt dort?

Parisa Omidi: Seit Sonntag ist der Kontakt komplett abgebrochen. Ich höre gar nichts mehr. Davor haben wir über WhatsApp oder in kurzen Telefonaten gesprochen. Ein großer Teil meiner Familie lebt noch im Iran, im Westen des Landes, wo ich geboren bin und wo mein Vater herkommt, außerdem am Kaspischen Meer und in Teheran. In diesen drei Regionen hatte ich Kontakte.

Was die Stimmung betrifft: Fast alle Menschen, außer überzeugte Regimeanhänger, sind schon sehr lange unzufrieden. Das Brutale ist: Wenn Menschen keinerlei Perspektive mehr sehen, sind sie sogar mit einem Krieg einverstanden. Viele haben sich tatsächlich einen Eingriff der USA gewünscht. 

Das ist traurig, aber es zeigt, wie verzweifelt die Lage ist.

Krieg in Nahost

Seit dem 28. Februar läuft ein militärischer Konflikt zwischen USA/Israel und Iran. Das US-Militär meldet nach vier Tagen Krieg fast 2.000 Angriffe auf Ziele im Iran binnen weniger als 100 Stunden. Israel meldet seit Kriegsbeginn über 1.600 Einsätze der Luftwaffe und den Einsatz von rund 4.000 Geschossen. Als Vergeltung habe Iran laut US-Militär mehr als 500 ballistische Raketen und mehr als 2.000 Drohnen abgefeuert. Israel meldet zudem Raketenbeschuss, der abgefangen wurde. Außerdem weiten sich die Angriffe auf den Nahen Osten aus. Ein wichtiges strategisches Ziel für die Schifffahrt und die Weltwirtschaft ist die Straße von Hormus. Iran drohte mit Blockade der Straße von Hormus, US-Präsident Donald Trump kündigte an, die Route notfalls mit der US-Marine zu sichern und Tanker zu eskortieren.

Was war das Letzte, was du konkret von deiner Familie im Iran gehört hast?

Parisa Omidi: Mein Cousin in Teheran hat sich zuletzt gemeldet. Er lebt in einem Stadtteil mit vielen Armeniern und hat große Angst. Er sagte, es könne sein, dass das Regime selbst diesen Bereich nun bombardiert und es dann Amerika oder Israel zuschreibt. Aus Sorge hat er eine kleine Wohnung in einem Dorf in Nordiran gemietet, um vorübergehend dorthin zu ziehen.

Wie ist die Stimmung bei deinen anderen Verwandten?

Parisa Omidi: Sie leben in Angst. In Ungewissheit. In einem dauerhaften Wartezustand. Alle haben auf „etwas“ gewartet, ohne genau zu wissen, worauf. Das Regime geht ja nicht freiwillig. Viele haben regelrecht auf diesen Krieg gewartet

Manche kontaktieren Verwandte in Europa und sprechen über ihr Testament. Sie sagen: „Falls etwas passiert, kümmert euch bitte um unsere Kinder.“

Sie werden versuchen, möglichst viel Unruhe zu stiften, auch in Nachbarstaaten. Und es gibt die Sorge vor weltweiten Attentaten

 

Wie groß ist die Gefahr, dass deine Familie tatsächlich Opfer von Bombardierungen wird?

Parisa Omidi: Die Gefahr ist da. Natürlich wissen die Menschen, dass weder Amerika noch Israel gezielt Zivilisten bombardieren wollen. Aber man kann nicht sagen: „Wasch mich, aber mach mich nicht nass.“ Die Wahrscheinlichkeit, dass Zivilisten betroffen sind, besteht immer.

Die Menschen sind so müde, dass sie sagen: Auch wenn wir sterben, unsere Kinder sollen in Freiheit leben

Es ist ja schon lange so: Wenn sie ihre Unzufriedenheit offen äußern, werden sie verhaftet, erschossen oder gehängt. Ob durch das eigene Regime oder durch Bomben, das Risiko ist immer da.

Wie lange wird dieser Krieg deiner Meinung nach dauern?

Parisa Omidi: Ich glaube nicht, dass er jahrelang oder monatelang dauern wird. So stark die iranischen Abwehrkräfte auch sind, wenn militärische Stützpunkte zerschlagen sind, bleibt ihnen nicht viel Handlungsspielraum. Und wer kann sich ernsthaft gegen das amerikanische Militär wehren? 

Aber sie werden versuchen, möglichst viel Unruhe zu stiften, auch in Nachbarstaaten. Und es gibt die Sorge vor weltweiten Attentaten. Die Islamische Republik hat internationale Netzwerke. Europa, Amerika, überall.

Iran

  • System: seit 1979 Islamische Republik  - eine Theokratie unter religiöser Führung
  • Machtzentrum: Der Revolutionsführer steht über Präsident und Parlament, kontrolliert Militär, Justiz und Medien - seit 1989 war das Ali Chamenei. Nach seinem Tod übernimmt vorerst Ali Laridschani.
  • Kernkonzept: „Rechtsgelehrtenherrschaft“ - nur systemloyale Kandidaten werden zu Wahlen zugelassen.
  • Lage: Wiederkehrende Protestwellen (zuletzt Ende 2025) werden vom Regime mit massiver Gewalt und Repression beantwortet.

Quelle: bpb

Sind wir uns dieser Gefahr in Deutschland ausreichend bewusst?

Parisa Omidi: Nein, jahrelang waren wir das nicht. Man hat Politiker immer wieder davor gewarnt, dass dieser politische Islam eine Gefahr für Europa und unsere Demokratie ist. Aber man wollte es nicht glauben.

Schau Dir die Debatte um die Blaue Moschee in Hamburg an. Wie lange wurde darauf hingewiesen, dass dort Dinge gelehrt werden, die unserer Demokratie widersprechen? Natürlich ist Religionsfreiheit ein hohes Gut. Aber es gibt eine rote Linie.

Vorwürfe gegenüber der Weltpolitik

Meiner Meinung nach sind wir alle hier blauäugig. Jetzt sprechen viele vom Völkerrecht, wenn es um militärische Eingriffe geht. Aber wo waren diese Stimmen, als im Iran junge Menschen erschossen wurden? Innerhalb von zwei Tagen über 30.000 Menschen, junge und alte. Sie wurden erschossen, weil sie demonstriert haben. Es gibt im Iran keine Freiheit. Null. Du bist nicht selbstbestimmt.

Das Regime hat nicht daran geglaubt, dass Amerika oder Israel wirklich eingreifen. Sie haben gepokert.

Politik im Iran durch Augen der Bevölkerung

Was wäre der Worst Case?

Parisa Omidi: Dass die Regierung und die verschiedenen Militärgruppen gegen die eigene Bevölkerung vorgehen

Das Beste wäre, wenn sie kapitulieren würden. Aber allein die Ideologie lässt das nicht zu. Sie kämpfen bis zum Ende und wollen alle anderen mit ins Grab nehmen.

Wie habt ihr die Verhandlungen in den vergangenen Wochen erlebt? 

Parisa Omidi: Es war natürlich ein Fehler, dass man sich nicht geeinigt hat, etwa in der nuklearen Frage. Ich hatte das bis zum letzten Tag gehofft

Man hätte hier sagen können: Wir stoppen alles. Aber mein Cousin war überzeugt, dass sich das Regime nicht einigen will. Sie werden nicht zugeben, dass sie Raketen bauen. Und sie werden auf gar keinen Fall zurücktreten. Das Regime hat nicht daran geglaubt, dass Amerika oder Israel wirklich eingreifen. Sie haben gepokert.

Wenn das Regime gestürzt würde, was erhoffen sich die Menschen?

Parisa Omidi: Demokratie. Viele setzen Hoffnung in Reza Pahlavi. Das bedeutet nicht, dass sie eine Monarchie zurückwollen. Diese Zeiten sind vorbei. Er wird eher als Symbolfigur für Freiheit gesehen, als mögliche Brücke in eine Übergangsphase in die Demokratie.

Eine Bekannte fragte mich zu meiner Überraschung, ob Iraner überhaupt mit Demokratie umgehen könnten. Natürlich können sie mit Demokratie umgehen. Wir haben Millionen Iraner im Ausland, die sich integriert haben, Sprachen gelernt, studiert, gearbeitet haben. Warum sollten wir das im eigenen Land nicht können?

Wie viele stehen noch hinter dem Regime?

Parisa Omidi: Überzeugte Ideologie-Anhänger, das sind vielleicht zehn Prozent. Dann gibt es eine graue Schicht, die vom Regime profitiert hat. Die zittern jetzt. Diese Menschen haben viel Geld verdient, waren ständig in Europa, ihre Kinder haben hier studiert und Immobilien gekauft. Es ist ein Netzsystem. Man kommt kaum weiter, wenn man nicht mitmacht. Ein Mafia-System. Man lebt ständig in Angst.

Eine Bekannte, die bei der Deutschen Bank gearbeitet hat, wollte ihre Familie im Iran besuchen. Am Flughafen wurde ihr der Pass abgenommen. Später setzte man sie unter Druck, Kundendaten weiterzugeben. Sonst würde ihr Vater keine Rente mehr bekommen. Sie hatte überhaupt keinen Zugang zu solchen Daten, aber der Druck war groß. 

Wenn sie zehn Leute erpressen und einer macht mit, reicht das.

Was ist jetzt deine Hoffnung?

Parisa Omidi: Dass der Krieg bald endet. Ja, es wird zunächst Chaos geben. Aber es gibt im Iran viele gut ausgebildete Menschen. Und viele leben im Exil. Wenn nur ein Drittel zurückkehren würde, könnte man das Land wieder aufbauen

Gestern war ich joggen, über eineinhalb Stunden. Ich hatte das Gefühl, ich könnte bis nach Teheran weiter laufen. Ich hatte plötzlich Hoffnung. Als wir die Nachricht hörten, dass Chamenei tot ist, war das ein sehr gutes Gefühl. Er hat so viele Menschen umbringen lassen. Er hat viele Familien zerrissen. Es geht nicht um Rache. Es geht um Gerechtigkeit.