Gesellschaft

Heidenau stoppt Stolpersteine: Gunter Demnig will digital erinnern

Zu sehen ist der Künstler Gunter Demnig. Er steht in einer Glastür, trägt einen braunen Hut und weißen Kinnbart. Neben ihm, an ihn geleht steht seine Ehefrau Katja. Sie trägt dunkles offenes Haar und eine rote Strickjacke, welche geöffnet ist. Freundlich blickt sie in die Kamera und hält ihren Mann am Arm.
Charlotte Mattes
Künstler und Initiator der Stolpersteine Gunter Demnig und seine Frau Katja. Die beiden arbeiten nun auch an virtuellen Stolpersteinen.

Was passiert, wenn eine Stadt Stolpersteine verbietet? Für Heidenau suchen Gunter und Katja Demnig nach neuen Wegen des Erinnerns.

In Heidenau in Sachsen sollen keine weiteren Stolpersteine mehr verlegt werden. Das hat der Gemeinderat mit Stimmen von AfD und CDU Ende September 2026 beschlossen. 

Für den Künstler und Initiator der Stolpersteine Gunter Demnig ist die politische Entscheidung von Seiten der AfD nicht verwunderlich. Dass sich jedoch eine christliche Partei mit den Rechten zusammentue erinnere ihn an die Weimarer Republik. „Ich hoffe, es wird keine Nachahmer finden”, sagt er. 

Erinnern an Opfer der NS-Zeit wird weitergehen

Für ihn ist dennoch klar: Die Erinnerung an die Menschen, die während der NS-Zeit verfolgt und ermordet wurden, soll in Heidenau trotzdem weitergehen. 

Seit dem Beschluss haben Demnigs zahlreiche Nachrichten, Briefe und Anrufe erhalten. Viele Menschen fragten, wie die Erinnerungskultur in der Gemeinde weitergehen könne.

Ich glaube, dass es in Heidenau nach hinten losgegangen ist.

Zwei Standorte in Heidenau

In Heidenau wurde bislang an zwei Stellen Stolpersteine verlegt. Sie erinnern an den früheren Bürgermeister Paul Gröger sowie an die jüdische Kaufmannsfamilie Reiner.

Die Vorschläge seien vielfältig: Manche wollten Stolpersteine mit einem 3D-Drucker herstellen und damit Rundgänge organisieren. Andere hätten vorgeschlagen, die ehemaligen Wohnhäuser mit Bildern der Menschen anzustrahlen oder Mahnwachen an den bereits verlegten Steinen abzuhalten.

Für Katja Demnig ist vor allem bemerkenswert, dass sich ganz viele Menschen plötzlich Gedanken machen.

Heidenau bekommt virtuelle Stolpersteine

Das Ehepaar Demnig hat einen Plan, wie die Erinnerung in Heidenau weitergehen soll: mit virtuellen Stolpersteinen. Ein digitales Datenbankprojekt, an dem bereits seit Jahren gearbeitet wird, stehe kurz vor dem Start.

„Ich werde Heidenau mit Stolpersteinen zupflastern, mit virtuellen Stolpersteinen“, erklärt Katja Demnig. „Dagegen kann sich keiner wehren.“

In der Datenbank sollen aber nicht nur die Stolpersteine zu sehen sein, die tatsächlich verlegt wurden. Auch jene, deren Verlegung ursprünglich geplant war, sollen dort einen Platz bekommen. Sie werden farblich anders markiert, damit sie von den tatsächlich vorhandenen Steinen unterschieden werden können.

Darüber hinaus will das Paar weitere Orte jüdischen Lebens in Heidenau dokumentieren. Dazu gehören beispielsweise ehemalige Synagogen, Mikwen und Plätze, an denen Menschen versteckt waren.

Genau wie bei den echten Stolpersteinen sollen auch bei den virtuellen Stolpersteinen die Angehörigen einbezogen werden. 

Für Demnig steht fest: 

Heidenau wird aus der Landkarte definitiv nicht verschwinden in unserem Stolperstein-Projekt, sondern hervorgehoben.

Stolpersteine

Stolpersteine sind Gedenksteine, die an die Menschen erinnern, die im Nationalsozialismus verfolgt, deportiert und ermordet wurden.

Bislang wurden etwa 116.000 Stolpersteine in mehr als 1.860 Kommunen und 31 Ländern verlegt. 

Doch warum sind die kleinen Messingplatten im Gehweg so wichtig? Eine Antwort darauf erlebt das Ehepaar Demnig immer wieder bei Begegnungen mit Kindern und Jugendlichen.

Zunächst seien viele erstaunt, wenn sie erfahren, dass die Menschen, an die mit den Steinen erinnert wird, direkt in ihrer Nachbarschaft gelebt haben. „Das war nicht irgendwo weit weg. Nein, das war bei uns um die Ecke“, beschreibt Gunter Demnig die Reaktion.

Manche Kinder beginnen dann zu rechnen: Wie alt waren die Menschen damals? Waren sie so alt wie ich heute? Sind sie vielleicht sogar auf dieselbe Schule gegangen?

Genau das mache für ihn einen Unterschied im Geschichtsunterricht. Die Zahl von sechs Millionen ermordeten Jüd*innen sei für Kinder kaum zu begreifen. Sie bleibe abstrakt. Ein Mensch, der einmal in der eigenen Straße gewohnt hat, lässt sich dagegen viel leichter mit dem eigenen Leben in Verbindung bringen.

Deshalb sei es wichtig, dass Schüler*innen nicht nur über Zahlen und historische Ereignisse lernen, sondern auch die persönlichen Lebensgeschichten kennenlernen.

Erst vom Leben sprechen

Doch wie beginnen Eltern am besten ein solches Gespräch mit Kindern? Katja Demnig findet es besonders wichtig, Kindern zunächst zu zeigen, wer die Menschen hinter den Stolpersteinen waren. „Man sollte nicht anfangen mit den Toten“, sagt sie.

Stattdessen sollten Eltern und Lehrkräfte erzählen, dass diese Menschen gelebt, gelacht, Feste gefeiert und Berufe ausgeübt haben. Sie sind kreativ gewesen und hätten etwas in der Gesellschaft bewirkt.

Als Beispiel nennt sie Levi Strauss, der mit seiner Erfindung der Jeans bis heute den Alltag vieler Menschen prägt.

Erst wenn Kinder eine Vorstellung davon bekommen, wie diese Menschen gelebt haben, sollte es darum gehen, was ihnen im Nationalsozialismus widerfahren ist: dass sie aus der Gesellschaft ausgeschlossen, verfolgt und ermordet wurden.

Wie wichtig dieser Zugang ist, zeigt für Katja Demnig eine Begegnung in einer siebten Klasse. Bei einem Zeitzeugengespräch habe ein Schüler überrascht gefragt, warum die jüdische Zeitzeugin keine Hörner habe. Zuvor waren im Unterricht Bilder von Jüd*innen gezeigt worden, wie sie auf historischen Plakaten und in Geschichtsbüchern aus der NS-Zeit dargestellt wurden.

Für Katja Demnig ist das ein grundsätzlich falscher Zugang zur Geschichte. Umso wichtiger seien persönliche Begegnungen zwischen Schüler*innen und den Angehörigen der Opfer.

Stolpersteine bringen die Namen zurück

Zu sehen sind mehrere goldene Stolpersteine, welche frisch in den Boden eingelassen wurden. Auf den Steinen liegen farbige Rosen.
Juergen Blume
Kleine Denkmäler im Gehweg erinnern an die Menschen, die dort lebten oder arbeiteten.

Für die Angehörigen haben die Steine noch eine ganz andere Bedeutung. Viele der Menschen, an die erinnert wird, haben kein Grab und keinen Grabstein. Sie wurden ermordet, ihre Körper verbrannt oder verscharrt.

Mit den Stolpersteinen kehren ihre Namen an die Orte zurück, an denen sie gelebt haben. Besonders bewegend beschreibt Gunter Demnig die Begegnung mit einem Mann. Dieser war als 14-Jähriger mit einem Kindertransport nach England gebracht worden. Seine Mutter und Großmutter blieben zurück, wurden später in Auschwitz ermordet.

Als Erwachsener kam er nach Deutschland, um an sie zu erinnern. Die Stolpersteine für seine Mutter und Großmutter bezeichnete er als „Schlusssteine“. Er habe nun einen Ort, an dem er ihrer gedenken könne. 

Solche Begegnungen zeigen dem Ehepaar Demnig, was die Erinnerungsarbeit bewirken kann. Auch wenn zunächst die Trauer im Mittelpunkt stehe, seien Angehörige oft bewegt davon, wie viele Menschen sich für die Lebensgeschichten ihrer Familien interessierten.

Die Erinnerung soll weitergehen

Die Arbeit rund um die Stolpersteine geht derweil weiter. Die Verlegeplanung sei bereits bis Dezember 2027 abgeschlossen, berichtet Gunter Demnig. „Da ist nichts mehr dazwischen zu kriegen". 

Auch für die Zukunft hat Gunter Demnig gesorgt: Sein Team ist auf zwölf feste und zehn freie Mitarbeitende angewachsen, die in die Arbeit eingebunden sind. Sie können Aufgaben übernehmen, wenn Gunter Demnig selbst nicht mehr unterwegs sein kann.

Und auch Gunter Demnig weiß schon heute, wo später einmal an ihn gedacht werden soll. Er möchte auf dem Künstlerfriedhof in Kassel beerdigt werden.