In Heidenau in Sachsen sollen keine weiteren Stolpersteine mehr verlegt werden. Das hat der Gemeinderat mit Stimmen von AfD und CDU Ende September 2026 beschlossen.
Für den Künstler und Initiator der Stolpersteine Gunter Demnig ist die politische Entscheidung von Seiten der AfD nicht verwunderlich. Dass sich jedoch eine christliche Partei mit den Rechten zusammentue erinnere ihn an die Weimarer Republik. „Ich hoffe, es wird keine Nachahmer finden”, sagt er.
Für ihn ist dennoch klar: Die Erinnerung an die Menschen, die während der NS-Zeit verfolgt und ermordet wurden, soll in Heidenau trotzdem weitergehen.
Seit dem Beschluss haben Demnigs zahlreiche Nachrichten, Briefe und Anrufe erhalten. Viele Menschen fragten, wie die Erinnerungskultur in der Gemeinde weitergehen könne.
Ich glaube, dass es in Heidenau nach hinten losgegangen ist.
Das Ehepaar Demnig hat einen Plan, wie die Erinnerung in Heidenau weitergehen soll: mit virtuellen Stolpersteinen. Ein digitales Datenbankprojekt, an dem bereits seit Jahren gearbeitet wird, stehe kurz vor dem Start.
„Ich werde Heidenau mit Stolpersteinen zupflastern, mit virtuellen Stolpersteinen“, erklärt Katja Demnig. „Dagegen kann sich keiner wehren.“
In der Datenbank sollen aber nicht nur die Stolpersteine zu sehen sein, die tatsächlich verlegt wurden. Auch jene, deren Verlegung ursprünglich geplant war, sollen dort einen Platz bekommen. Sie werden farblich anders markiert, damit sie von den tatsächlich vorhandenen Steinen unterschieden werden können.
Darüber hinaus will das Paar weitere Orte jüdischen Lebens in Heidenau dokumentieren. Dazu gehören beispielsweise ehemalige Synagogen, Mikwen und Plätze, an denen Menschen versteckt waren.
Genau wie bei den echten Stolpersteinen sollen auch bei den virtuellen Stolpersteinen die Angehörigen einbezogen werden.
Für Demnig steht fest:
Heidenau wird aus der Landkarte definitiv nicht verschwinden in unserem Stolperstein-Projekt, sondern hervorgehoben.
Doch wie beginnen Eltern am besten ein solches Gespräch mit Kindern? Katja Demnig findet es besonders wichtig, Kindern zunächst zu zeigen, wer die Menschen hinter den Stolpersteinen waren. „Man sollte nicht anfangen mit den Toten“, sagt sie.
Stattdessen sollten Eltern und Lehrkräfte erzählen, dass diese Menschen gelebt, gelacht, Feste gefeiert und Berufe ausgeübt haben. Sie sind kreativ gewesen und hätten etwas in der Gesellschaft bewirkt.
Als Beispiel nennt sie Levi Strauss, der mit seiner Erfindung der Jeans bis heute den Alltag vieler Menschen prägt.
Erst wenn Kinder eine Vorstellung davon bekommen, wie diese Menschen gelebt haben, sollte es darum gehen, was ihnen im Nationalsozialismus widerfahren ist: dass sie aus der Gesellschaft ausgeschlossen, verfolgt und ermordet wurden.
Wie wichtig dieser Zugang ist, zeigt für Katja Demnig eine Begegnung in einer siebten Klasse. Bei einem Zeitzeugengespräch habe ein Schüler überrascht gefragt, warum die jüdische Zeitzeugin keine Hörner habe. Zuvor waren im Unterricht Bilder von Jüd*innen gezeigt worden, wie sie auf historischen Plakaten und in Geschichtsbüchern aus der NS-Zeit dargestellt wurden.
Für Katja Demnig ist das ein grundsätzlich falscher Zugang zur Geschichte. Umso wichtiger seien persönliche Begegnungen zwischen Schüler*innen und den Angehörigen der Opfer.
Die Arbeit rund um die Stolpersteine geht derweil weiter. Die Verlegeplanung sei bereits bis Dezember 2027 abgeschlossen, berichtet Gunter Demnig. „Da ist nichts mehr dazwischen zu kriegen".
Auch für die Zukunft hat Gunter Demnig gesorgt: Sein Team ist auf zwölf feste und zehn freie Mitarbeitende angewachsen, die in die Arbeit eingebunden sind. Sie können Aufgaben übernehmen, wenn Gunter Demnig selbst nicht mehr unterwegs sein kann.
Und auch Gunter Demnig weiß schon heute, wo später einmal an ihn gedacht werden soll. Er möchte auf dem Künstlerfriedhof in Kassel beerdigt werden.