Gesellschaft

Hoffnung heißt handeln: Israel vor der Wahl

Ofer Waldman im Büro in Tel Aviv
Florian Riesterer
Ofer Waldman beim Interview in Tel Aviv.

Israels Rechtsruck gefährdet die Demokratie, sagt Ofer Waldman. Im Interview spricht er über Netanjahu, Deutschlands Rolle und Wege zum Frieden.

Ofer Waldman leitet das Israel-Büro der Heinrich-Böll-Stiftung in Tel Aviv. Der Musiker, Autor und Journalist ist in Israel aufgewachsen und hat lange in Deutschland gelebt. Er setzt sich für die Versöhnung im Konflikt zwischen Israel und Palästina ein. 

Israels Rechtsruck seit dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 bereitet ihm Sorgen. Im Interview spricht er über die Zukunft der israelischen Demokratie, Deutschlands Verantwortung und die Frage, wie Frieden möglich werden kann. 

Israels Rechtsruck gefährdet die Demokratie

Herr Waldman, am 27. Oktober 2026 wählt Israel ein neues Parlament – die Knesset. Wie blicken Sie persönlich darauf?

Ofer Waldman: Seit dem 7. Oktober klaffen immer größere Lücken im Freundeskreis, in der WhatsApp-Gruppe der Kita, in der Nachbarschaft. Weil die Menschen das Land verlassen.

Und diejenigen, die das Land verlassen, sind gerade diejenigen, die das Land braucht. In jedem Gespräch, das ich zurzeit mit Freunden in diesem Land führe, fällt der Satz:

Wenn Netanjahu noch einmal die Wahlen hier gewinnt, dann gehen wir weg.

Dann müssen wir eine harte Entscheidung treffen für die Zukunft unserer Kinder. Für mich, der dieses Land sehr, sehr liebt, hier geboren und aufgewachsen ist, ist das sehr schmerzhaft.

Glauben Sie an einen Wahlsieg Netanjahus?

Ofer Waldman: Er hat eine reelle Chance.

Warum?

Ofer Waldman: Wegen des Rechtsrucks in Israel aufgrund des 7. Oktobers. Und dieser Rechtsruck spricht die gleiche Sprache wie der Rechtsruck, den wir in Europa sehen.

NGO-Besteuerungsgesetz

Das Gesetz sieht vor, eine Steuer von bis zu 80 Prozent auf Spenden ausländischer staatlicher Stellen an israelische Nichtregierungsorganisationen (NGOs) zu erheben. Dazu zählen etwa ausländische Regierungen, die EU oder die UN. Das Gesetz befindet sich nach einer ersten Lesung in der parlamentarischen Debatte.

Was meinen Sie damit genau?

Ofer Waldman: Die sogenannte Justizreform, die Angriffe auf die freien Medien in diesem Land, das NGO-Besteuerungsgesetz: All das ist eins zu eins übersetzt aus Ungarn, aus Polen, aus Russland, aus den USA. Das, was auf den Straßen von Minneapolis passiert, was in Budapest passiert, was wir in dem Wahlprogramm der AfD sehen, ist das, was wir hier sehen – natürlich übersetzt je nach Kontext. 

Warum stellt sich die Opposition nicht geschlossen gegen Netanjahu? 

Ofer Waldman: Die Opposition ist zersplittert. Die meisten Parteien in der Opposition wollen nicht mit arabischen Parteien koalieren. Und das, obwohl sich die arabischen Bürgerinnen und Bürger in Israel laut Umfragen zum Staat Israel bekennen. Sie wollen mitgestalten und akute Probleme angehen: Zum Beispiel die extrem hohe Rate organisierter Kriminalität in der palästinensisch-israelischen Bevölkerung.

Sollte die sogenannte Opposition nach den kommenden Wahlen nicht mit den arabischen Parteien koalieren, hat sie keine Mehrheit und Netanjahu bleibt Ministerpräsident. Das ist Mathematik, keine Politik.

Dann ist aber doch auch die Frage, ob die Allianz, die gerade das Fundament der israelischen Koalition bildet, bestehen bleibt…

Ofer Waldman: Sie ist extrem stabil. Denn sie hat klare Ziele. Die Ultraorthodoxen wollen vom Militärdienst befreit und weiter vom Staat subventioniert werden. 

Die Siedlerbewegung, also die sogenannten Nationalreligiösen, will die Annexion des Westjordanlandes. 

Die Likudpartei, die politische Klasse um Netanjahu, möchte einen Elitenwechsel in Israel herbeiführen nach dem Drehbuch von Trump, Orban und Co. 

Das Justizsystem ist ihr größter Gegner.

Deshalb setzen sie hier an. Ziele sind aber auch Gesetze, die die Arbeit von NGOs und der freien Presse einschränken.

Parteien demonstrieren in Tel Aviv
Florian Riesterer
Demonstration auf dem Habima-Platz Tel Aviv

Heinrich-Böll-Stiftung

Die Heinrich-Böll-Stiftung ist eine politische Stiftung, die der Partei Bündnis 90/DIE GRÜNEN nahesteht. Sie unterhält Büros in über 34 Ländern und arbeitet mit Partnerprojekten zusammen. In Israel setzt sie sich unter anderem für Demokratie, eine starke Zivilgesellschaft und einen konstruktiven Umgang mit dem Nahostkonflikt ein.

NGOs dokumentieren, was im Westjordanland passiert

Sie selbst unterstützen mit der Heinrich-Böll-Stiftung Initiativen und NGOs, die sich für die Versöhnung von Israelis und Palästinensern einsetzen. Etwa Combatants for Peace oder Parents Circle. Welche Folgen hat die von Ihnen geschilderte Politik Netanjahus hier?

Ofer Waldman: Wenn die NGOs und die freie Presse nicht mehr arbeiten können, dann wissen die israelischen Bürgerinnen und Bürger nicht, was im Westjordanland passiert. NGOs sind auch diejenigen, die die Informationen weiter nach Deutschland, nach Europa, in die Welt tragen. 

Wir sehen das im Gazastreifen.Nach wie vor dürfen ausländische Journalisten nicht ohne Begleitung des Militärs hinein. Aber in dem Moment, wo sie begleitet in den Gazastreifen fahren, bekommen sie ein sehr kontrolliertes Bild zu sehen.

Ursächlich bleibt die Katastrophe des 7. Oktober 2023. Wie haben Sie den Tag erlebt und sehen Sie eine Lösung, diesem Trauma anders zu begegnen als es aktuell politisch geschieht?

Ofer Waldman: Der 7. Oktober war der verlustreichste Tag für das jüdische Volk seit dem Ende des Holocaust. Dieses Trauma sitzt überall. Ich selbst saß mit meinen Kindern immer wieder im Bunker. 

Aus dieser Katastrophe schaffen es Israel und Palästina nicht aus eigenen Kräften, nicht mit der gegenwärtigen politischen Führung. Wenn die Rede von Staatsräson ernst gemeint ist und von der deutsch-israelischen Freundschaft, dann ist es jetzt die Zeit, gerade das demokratische Lager in Israel zu unterstützen, um dieses Land wieder zurück auf die Bahn der Demokratie zu bringen. 

Büro der Böll-Stiftung in Tel Aviv
Florian Riesterer
Israel-Büro der Böll-Stiftung

Antisemitismus-Debatten in Deutschland

Mehrere Debatten haben in Deutschland die Frage aufgeworfen, wo legitime Kritik an israelischer Politik endet und Antisemitismus beginnt. Documenta 15 (2022): Ein Banner der Künstlergruppe Taring Padi zeigte antisemitische Darstellungen. Es wurde nach Protesten entfernt. Nemi El-Hassan (2021): Wegen ihrer früheren Teilnahme am umstrittenen Al-Quds-Marsch und Kritik an älteren Äußerungen verzichtete der WDR darauf, sie als Moderatorin einzusetzen. Deutsche Welle (2022): Nach Antisemitismusvorwürfen gegen Mitarbeitende der arabischsprachigen Redaktion und einer externen Untersuchung trennte sich der Sender von mehreren Beschäftigten.

Kritik aus Deutschland an der Politik Netanjahus wird allerdings schnell als Antisemitismus ausgelegt. Warum ist es so schwer, sich von hier aus einzumischen? Sie haben ja lange in Deutschland gelebt.

Ofer Waldman: Ich glaube, wir zahlen jetzt den bitteren Preis für das Versagen in der Debatte bei der documenta 15, in der Debatte um Nemi El-Hassan, in der Debatte um die arabischsprachige Redaktion der Deutschen Welle oder während der Berlinale. 

Wir haben die Diskussion, was ist Antisemitismus, was ist legitime Israel-Kritik, nicht zu Ende geführt. Stattdessen hat sich jede Seite in ihren Positionen verschanzt, es ist oft ein Selbstgespräch.

Was könnte eine solche Debatte in Deutschland bewirken?

Ofer Waldman: Viele Menschen in Deutschland haben einen biografischen Bezug zu dem, was in Israel und Palästina geschieht. Nur wird es oft zweckentfremdet für innerpolitische Diskussionen, etwa in der Migrationsdebatte.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Ofer Waldman: Wenn ein palästinensisch-deutscher Junge, dessen Großeltern aus dem Südlibanon fliehen mussten und nach Deutschland kamen, nicht offen über seine Familiengeschichte, über sein Deutschsein und Palästinensischsein in Deutschland sprechen kann, dann hat er keinen gleichberechtigten Platz am Tisch, wenn es um Erinnerungskultur geht.

Wenn dieser Junge über die deutsch-jüdische Geschichte nicht nachdenken und offen diskutieren kann, dann finde ich jeglichen Vorwurf, dass er sich mit dem deutschen Grundgesetz oder mit der Leitkultur, wie der Kanzler sagt, nicht hundertprozentig identifiziert, verlogen. 

Alle Teile der deutschen Gesellschaft sollten offen darüber sprechen können.

Demonstration für Frieden im Gaza Konflikt in Berlin
Christian Ditsch/epd
Demonstration für Palästina und Frieden im Gazastreifen 2025 in Berlin.

Begegnungen können Vorurteile abbauen

Sie haben in Berlin gelebt. Wie ist ihr Familie mit ihrer jüdischen Identität umgegangen?

Ofer Waldman: Meine Kinder sind zum Teil in Neukölln aufgewachsen, meine Tochter ist in die Rütli-Schule gegangen. Klar waren die Diskussionen hart, aber wir haben sie geführt mit Organisationen wie der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus.

Und dann sieht man, dass Schülerinnen und Schüler und Lehrkräfte der Rütli-Schule nach Israel und Palästina kommen, diese Diskussion führen und dann einen Weg aus dieser Sackgasse finden.

Sie sprechen sich also für mehr Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit Vorurteilen und Rassismus aus…

Ofer Waldman: Es braucht den Mut, auch unangenehme Wahrheiten offen anzusprechen: Sonst haben wir irgendwann Politiker aus Deutschland, die sagen, wir müssen unsere jüdische Bevölkerung beschützen und deswegen brauchen wir eine Obergrenze für geflüchtete Menschen aus Syrien. 

Woraufhin ich bereits offen gesagt habe: Entschuldigung, wollt ihr Rassisten sein mit mir als koscherem Stempel? Das mache ich nicht mit.

Sie haben die Kreuzberger Initiative gegen Rassismus angesprochen. Was können zivilgesellschaftliche Organisationen in Deutschland leisten, auch die Kirchen?

Ofer Waldman: Es klingt vielleicht plump, aber Begegnungen sind wichtig. 

Ich bin nach Deutschland gekommen als Musiker des West-Eastern Divan Orchesters, saß im Orchester Schulter an Schulter mit arabischen Musikern aus dem gesamten Nahen Osten. 

Das Orchester oder die Barenboim-Said Akademie in Berlin haben enorme Signalwirkung. Es gibt eine Menge Organisationen, etwa „Parents Circle“, die in Deutschland immer mehr Zuspruch finden. Wer Begegnungen ermöglicht und das sichtbar macht, ermutigt, sich zu engagieren.

Wirken diese Projekte, erreichen sie die Menschen?

Ofer Waldman: Klar gibt es immer Menschen, die polarisieren, weil das ihre Natur ist oder sie politisch einen Nutzen daraus ziehen. Aber die große Mehrheit ist in der Lage, die Komplexität des Konflikts wahrzunehmen. Und sie braucht Ankerpunkte. 

Genau das sind diese Organisationen. Und es ist wichtig, dass Gruppen hierherkommen und sich sowohl in Israel als auch Palästina ein Bild davon machen, wie es den Menschen dort geht.

Hoffnung bedeutet, selbst zu handeln

Ein Buch über Frieden statt Rache

Im Buch „Die Zukunft ist Frieden“ plädieren der Israeli Maoz Inon und der Palästinenser Aziz Abu Sarah für Frieden statt Rache. Beide Autoren haben im Konflikt Angehörige verloren. 
Verlag Altneuland, 2026, 250 Seiten, 24 Euro

Was gibt Ihnen Hoffnung?

Ofer Waldman: Hannah Arendt sagt sinngemäß, Hoffnung ist ein Versprechen, das wir uns selbst geben. Wir setzen Punkte in der Zukunft. Wir wissen noch nicht wie, aber wir wissen, dass wir dorthin kommen müssen. 

Maoz Inon, der beide Eltern am 7. Oktober verloren hat, ist mit dem Buch „Die Zukunft ist Frieden“ ein gutes Beispiel. Er hat es mit seinem palästinensischen Freund Aziz Abu Sarah geschrieben.

Das heißt, Hoffnung beinhaltet eine Art Verpflichtung?

Ofer Waldman: Hoffnung ist nicht etwas, was Sie und ich einfach bekommen.

Hoffnung ist etwas, was Sie tun.

Ich male mit meinen Kindern Plakate. Wir gehen mit unserer Ortsgruppe von „Standing Together“ an eine Straßenkreuzung. Wir protestieren mit unseren palästinensischen oder beduinischen Nachbarn. 

Das ist gut und wichtig. Aber diese Suche nach Hoffnung darf nicht aus dem Bedürfnis nach Erleichterung kommen, sondern aus dem Bedürfnis nach Verständnis. Hoffnung heißt Handeln. 

Und ich bin sehr dankbar, dass ich diese Aufgabe hier, als Leiter der Heinrich-Böll-Stiftung in Tel Aviv machen kann. Weil hier tagein, tagaus Menschen arbeiten, die tatkräftig hoffen.

Das Interview entstand bei einer Delegationsreise der pfälzischen Landeskirche nach Israel und Palästina.