Ofer Waldman leitet das Israel-Büro der Heinrich-Böll-Stiftung in Tel Aviv. Der Musiker, Autor und Journalist ist in Israel aufgewachsen und hat lange in Deutschland gelebt. Er setzt sich für die Versöhnung im Konflikt zwischen Israel und Palästina ein.
Israels Rechtsruck seit dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 bereitet ihm Sorgen. Im Interview spricht er über die Zukunft der israelischen Demokratie, Deutschlands Verantwortung und die Frage, wie Frieden möglich werden kann.
Herr Waldman, am 27. Oktober 2026 wählt Israel ein neues Parlament – die Knesset. Wie blicken Sie persönlich darauf?
Ofer Waldman: Seit dem 7. Oktober klaffen immer größere Lücken im Freundeskreis, in der WhatsApp-Gruppe der Kita, in der Nachbarschaft. Weil die Menschen das Land verlassen.
Und diejenigen, die das Land verlassen, sind gerade diejenigen, die das Land braucht. In jedem Gespräch, das ich zurzeit mit Freunden in diesem Land führe, fällt der Satz:
Wenn Netanjahu noch einmal die Wahlen hier gewinnt, dann gehen wir weg.
Dann müssen wir eine harte Entscheidung treffen für die Zukunft unserer Kinder. Für mich, der dieses Land sehr, sehr liebt, hier geboren und aufgewachsen ist, ist das sehr schmerzhaft.
Glauben Sie an einen Wahlsieg Netanjahus?
Ofer Waldman: Er hat eine reelle Chance.
Warum?
Ofer Waldman: Wegen des Rechtsrucks in Israel aufgrund des 7. Oktobers. Und dieser Rechtsruck spricht die gleiche Sprache wie der Rechtsruck, den wir in Europa sehen.
Dann ist aber doch auch die Frage, ob die Allianz, die gerade das Fundament der israelischen Koalition bildet, bestehen bleibt…
Ofer Waldman: Sie ist extrem stabil. Denn sie hat klare Ziele. Die Ultraorthodoxen wollen vom Militärdienst befreit und weiter vom Staat subventioniert werden.
Die Siedlerbewegung, also die sogenannten Nationalreligiösen, will die Annexion des Westjordanlandes.
Die Likudpartei, die politische Klasse um Netanjahu, möchte einen Elitenwechsel in Israel herbeiführen nach dem Drehbuch von Trump, Orban und Co.
Das Justizsystem ist ihr größter Gegner.
Deshalb setzen sie hier an. Ziele sind aber auch Gesetze, die die Arbeit von NGOs und der freien Presse einschränken.
Ursächlich bleibt die Katastrophe des 7. Oktober 2023. Wie haben Sie den Tag erlebt und sehen Sie eine Lösung, diesem Trauma anders zu begegnen als es aktuell politisch geschieht?
Ofer Waldman: Der 7. Oktober war der verlustreichste Tag für das jüdische Volk seit dem Ende des Holocaust. Dieses Trauma sitzt überall. Ich selbst saß mit meinen Kindern immer wieder im Bunker.
Aus dieser Katastrophe schaffen es Israel und Palästina nicht aus eigenen Kräften, nicht mit der gegenwärtigen politischen Führung. Wenn die Rede von Staatsräson ernst gemeint ist und von der deutsch-israelischen Freundschaft, dann ist es jetzt die Zeit, gerade das demokratische Lager in Israel zu unterstützen, um dieses Land wieder zurück auf die Bahn der Demokratie zu bringen.
Was könnte eine solche Debatte in Deutschland bewirken?
Ofer Waldman: Viele Menschen in Deutschland haben einen biografischen Bezug zu dem, was in Israel und Palästina geschieht. Nur wird es oft zweckentfremdet für innerpolitische Diskussionen, etwa in der Migrationsdebatte.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Ofer Waldman: Wenn ein palästinensisch-deutscher Junge, dessen Großeltern aus dem Südlibanon fliehen mussten und nach Deutschland kamen, nicht offen über seine Familiengeschichte, über sein Deutschsein und Palästinensischsein in Deutschland sprechen kann, dann hat er keinen gleichberechtigten Platz am Tisch, wenn es um Erinnerungskultur geht.
Wenn dieser Junge über die deutsch-jüdische Geschichte nicht nachdenken und offen diskutieren kann, dann finde ich jeglichen Vorwurf, dass er sich mit dem deutschen Grundgesetz oder mit der Leitkultur, wie der Kanzler sagt, nicht hundertprozentig identifiziert, verlogen.
Alle Teile der deutschen Gesellschaft sollten offen darüber sprechen können.
Sie haben in Berlin gelebt. Wie ist ihr Familie mit ihrer jüdischen Identität umgegangen?
Ofer Waldman: Meine Kinder sind zum Teil in Neukölln aufgewachsen, meine Tochter ist in die Rütli-Schule gegangen. Klar waren die Diskussionen hart, aber wir haben sie geführt mit Organisationen wie der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus.
Und dann sieht man, dass Schülerinnen und Schüler und Lehrkräfte der Rütli-Schule nach Israel und Palästina kommen, diese Diskussion führen und dann einen Weg aus dieser Sackgasse finden.
Sie sprechen sich also für mehr Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit Vorurteilen und Rassismus aus…
Ofer Waldman: Es braucht den Mut, auch unangenehme Wahrheiten offen anzusprechen: Sonst haben wir irgendwann Politiker aus Deutschland, die sagen, wir müssen unsere jüdische Bevölkerung beschützen und deswegen brauchen wir eine Obergrenze für geflüchtete Menschen aus Syrien.
Woraufhin ich bereits offen gesagt habe: Entschuldigung, wollt ihr Rassisten sein mit mir als koscherem Stempel? Das mache ich nicht mit.
Sie haben die Kreuzberger Initiative gegen Rassismus angesprochen. Was können zivilgesellschaftliche Organisationen in Deutschland leisten, auch die Kirchen?
Ofer Waldman: Es klingt vielleicht plump, aber Begegnungen sind wichtig.
Ich bin nach Deutschland gekommen als Musiker des West-Eastern Divan Orchesters, saß im Orchester Schulter an Schulter mit arabischen Musikern aus dem gesamten Nahen Osten.
Das Orchester oder die Barenboim-Said Akademie in Berlin haben enorme Signalwirkung. Es gibt eine Menge Organisationen, etwa „Parents Circle“, die in Deutschland immer mehr Zuspruch finden. Wer Begegnungen ermöglicht und das sichtbar macht, ermutigt, sich zu engagieren.
Wirken diese Projekte, erreichen sie die Menschen?
Ofer Waldman: Klar gibt es immer Menschen, die polarisieren, weil das ihre Natur ist oder sie politisch einen Nutzen daraus ziehen. Aber die große Mehrheit ist in der Lage, die Komplexität des Konflikts wahrzunehmen. Und sie braucht Ankerpunkte.
Genau das sind diese Organisationen. Und es ist wichtig, dass Gruppen hierherkommen und sich sowohl in Israel als auch Palästina ein Bild davon machen, wie es den Menschen dort geht.