Laila al-Sheikh spricht ruhig, aber der Schmerz ist auch noch Jahre später da. Auch nach mehr als 20 Jahren.
Ihr Sohn stirbt im April 2002 – er ist nur sechs Monate alt. Ursache ist ein Tränengaseinsatz der israelischen Armee im Ort Battir nahe Bethlehem im Westjordanland.
Die Familie versucht auf verschiedenen Wegen mehrfach das Baby in umliegende Krankenhäuser in Bethlehem und Hebron zu bringen. Doch israelische Soldaten halten die Familie an den Checkpoints auf, lassen sie nicht passieren.
„Jede Minute war so kostbar, um sein Leben zu retten“, sagt Laila heute. „Er lag in meinen Armen, sterbend. Ich fühlte mich hoffnungslos“, berichtet die 48-Jährige.
Als sie schließlich im Krankenhaus ankommen, ist es zu spät. Wenige Stunden später ist Lailas Sohn tot.
In der Nacht danach träumt Laila von einer weißen Taube auf ihrer Schulter. Sie sagt zu ihr: „Mama, weine nicht. Ich bin glücklich.“
Für sie ist klar: Ihr Sohn spricht zu ihr, er ist bei Gott. Doch sie versteht das Bild der Taube nicht.
Das Treffen irritiert sie: „Sind die verrückt? Wie können die das tun?“ Israelis und Palästinenser umarmen sich gegenseitig.
Gleichzeitig wird sie neugierig: Warum ist das so?
Also hört sie zu. Die palästinensischen Geschichten kennt sie. Sie sind Teil ihres Alltags. Doch als die Israelis sprechen, bewegt sie das tief.
Es war das erste Mal, dass ich sie als Menschen gesehen habe.
Sie erkennt: „Wir teilen denselben Schmerz, dieselben Tränen, obwohl die Umstände ganz andere sind.“ Sie merkt: „Die meisten wissen nichts von der jeweils anderen Seite.“
Das liege nicht nur an den Mauern im Westjordanland, sondern auch an unsichtbaren Barrieren. Laila nennt diese „Mauern aus Wut und Hass“.
Beim Parents Circle spricht Laila zum ersten Mal über den Tod ihres Sohnes. 16 Jahre lang hat sie das vermieden. Sogar in ihrer Ehe: „Selbst zwischen meinem Mann und mir.“
„Es war, als würde ich ein Fenster öffnen, das die Trauer und den Schmerz wieder hereinlässt“, erinnert sie sich.
Eine israelische Mutter entschuldigt sich bei ihr. Nicht persönlich, sondern als Teil eines Systems: „Ich habe dich nicht verletzt, mein Volk war es. Ich bin auch Mutter, verstehe deinen Schmerz.“
Bis heute sind wir eingesperrt.
Sie beschreibt die Situation: „Alle Palästinenser, die in Israel gearbeitet haben, haben ihre Jobs verloren.“ Gleichzeitig berichtet sie von Gewalt durch jüdische Siedler: „Sie zünden ihre Häuser und Autos an, stehlen die Ernte.“
Trotz allem hält Laila an ihrer Haltung fest: „Wir haben Verantwortung für beide Seiten. Jede Seele ist kostbar. Gott hat uns erschaffen zum Leben und Lieben, nicht zum Töten.“
Für sie bekommt auch der Traum von der weißen Taube eine neue Bedeutung. „Ich glaube, das war eine Botschaft: Das ist meine Aufgabe. Die Taube steht für Frieden."
Mein Sohn sollte nicht umsonst gestorben sein.
Sie möchte, dass seine Geschichte „etwas“ bewirkt.
Menschen wie Laila und Ofer Lior gehen gemeinsam auf Bühnen oder in Klassenräume und erzählen ihre Geschichten nebeneinander. Ofer ist ebenfalls Mitglied im Family Forum.
Der jüdische Israeli lebt nahe der Grenze zum Libanon. Seine Familie war vor dem Holocaust aus Osteuropa eingewandert. 1989 verliert er seinen 23-jährigen Bruder. Er war Soldat, getötet an der jordanisch-israelischen Grenze. Ofer ist damals 15 Jahre alt.
„Es war ganz früh an einem Samstagmorgen. Ich bin aufgewacht und hab meine Eltern weinen gehört, wie ich es nie für möglich gehalten habe“, erinnert er sich.
Für seinen eigenen Schmerz bleibt kein Raum. Er spricht lange nicht darüber, wie sein Bruder gestorben ist.
Als Kind sieht Ofer Palästinenser nicht als Individuen. Er hinterfragt nicht was passiert ist, aber er spricht den Tätern jede Menschlichkeit ab.
Bereits als Kind stellt er die Fragen: „Warum wollen sie uns töten? Warum bekämpfen sie uns?“
Ich wusste nichts, außer dass es einen Krieg gab, den wir gewonnen hatten.
Über die Geschichte des Konflikts weiß er wenig, insbesondere mit Blick auf die Staatsgründung 1948. „Was mit den Menschen geschehen ist, die hier lebten“, was das für Palästinenser bedeutet, darüber spricht mit ihm niemand.
Kontakt hat er keinen. Begegnung findet nicht statt.
Auch für Ofer ist das Family Forum anfangs schwer vorstellbar.
„Gerade weil uns das passiert ist, unterstützen wir den Friedensprozess“, sagt er heute. Deswegen spricht er regelmäßig vor Schulklassen. Doch genau das wird schwieriger.
Seit dem 7. Oktober 2023 dürfen Forum-Mitglieder nicht mehr in Schulen auftreten. Ofer denkt, dass die Politik Angst vor Menschen hat, die miteinander sprechen und auf Dialog aus sind.
Der 52-Jährige sagt offen: Ich habe keine Lösung für den Konflikt. Aber er verschließt sich nicht: „Ich zeige, dass es möglich ist, Leid zu ertragen und trotzdem die Meinung der anderen zu hören.“ Er sei kein Heiliger oder Engel.
Ich tue es, weil ich mir so meine Menschlichkeit bewahre.
Die Stimmung sei aktuell in Israel stark von Angst geprägt. Für ihn ist es offensichtlich, wer Besatzer und Besetzte seien. Viele Israelis unterstützen die politischen Entscheidungen aus diesem Gefühl heraus: „Das Verhalten ist nicht rational, so handeln Menschen, wenn sie verletzt wurden.“