Soziales

Trümmer und Träume: Unterwegs im Gazastreifen

Zwei Mitarbeiter von HEKS gehen durch den zerstörten Gazastreifen
Suhail Youssef Fouad Nassar/HEKS
Zwei Mitarbeiter von HEKS gehen durch den zerstörten Gazastreifen

Zeltstädte und Trümmerwüsten prägen den Gazastreifen. Dazwischen öffnen Restaurants und Geschäfte in Provisorien. Was fehlt, ist Brenn- und Baumaterial. Eindrücke aus einem zerstörten Landstrich.

HEKS-Mitarbeiter Sebastian Zug im Gazastreifen
Suhail Youssef Fouad Nassar/HEKS
Sebastian Zug

Erstmals seit Beginn des Konflikts zwischen Israel und Gaza konnte Sebastian Zug in den Gazastreifen reisen. Im Interview schildert der 45-Jährige, der für das Hilfswerk der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (HEKS) arbeitet, seine Eindrücke.

Wie ist die Gruppe eingereist ?

Sebastian Zug: Mit einem UN-Konvoi ab Amman durch das Westjordanland und Israel bis zum Gazastreifen. Ab der Grenze sind wir zu Fuß weiter und dann in Busse umgestiegen.

Was war Ihr erster Eindruck?

Sebastian Zug: Der Grenzzaun war einschüchternd. Wir sind am Grenzzaun zwischen dem Gazastreifen und Ägypten entlanggefahren, rechts von uns hätte also eigentlich Rafah sein müssen.

Der Anblick war frustrierend.

Die Stadt ist im Grunde komplett dem Erdboden gleichgemacht worden. Von der Straße aus sieht man nichts mehr, nicht mal Häusergerippe, wie man sie aus Kriegsgebieten kennt. Nur noch Schutthaufen. Vereinzelt israelische Soldaten und Panzer.

Wie ist die Versorgungslage in Gaza?

Sebastian Zug: Ich habe viele Geschäfte am Straßenrand gesehen. Obstläden mit Pappschachteln voller Äpfeln und Birnen und Bananen und Mangos. Im Grunde genommen nicht groß anders als ein Gemüsehändler hierzulande, außer dass das in Zelten untergebracht ist. Das hatte ich so nicht erwartet. Es hängt damit zusammen, dass der private Sektor jetzt mehr Waren importieren kann. Wir haben viele LKWs gesehen, die Richtung Grenze fahren oder von dort kommen.

Ist das ein gutes Zeichen für die Bevölkerung?

Sebastian Zug: Dass es Waren gibt, heißt leider nicht, dass alle davon profitieren. Die Nahrungsmittelpreise sind immer noch deutlich höher als vor den Krieg, auch wenn ich keine genauen Zahlen kenne. Restaurants werden in Provisorien eröffnet. Dort gibt es sogar Fleisch. Aber die Preise in diesen Restaurants sind höher als in Zürich. Das ist für die meisten einfach nicht bezahlbar.

Nahost: Suche nach Brennstoff

Zerstörte Wohnung vor weiteren Trümmern im Gazastreifen
Suhail Youssef Fouad Nassar/HEKS
Zerstörte Wohnung

Wie werden die Menschen also versorgt?

Sebastian Zug: Überwiegend über große Suppenküchen die von NGOs betrieben werden. Das Problem ist, dass viele Grundnahrungsmittel, die verteilt werden, ja erst gekocht werden müssen. Etwa Reis. Aber in Gaza hast du eigentlich fast keine Möglichkeit, zu kochen

Alles, das irgendwie brennbar ist, haben die Leute bereits genutzt, um Feuer zu machen. Und Gas und Benzin sind schwer zu importieren und sehr teuer. An mehreren Orten habe ich Menschen gesehen, die durch das Verbrennen von Plastik unter gesundheitsschädlichen Bedingungen eine Art Diesel produzieren.

Wie ist die Wohnsituation?

Sebastian Zug: Es gibt Gebiete, wo niemand wohnt, etwa im von Israel militärisch kontrollierten Bereich, und auch in die Nähe der Yellow Line (Waffenstillstandslinie) trauen sich die wenigsten.  

Aus meiner subjektiven Sicht kann die Bewohnbarkeit der für Palästinenser noch zugänglichen Siedlingsflächen in drei Kategorien eingeteilt werden: Es gibt Familien, die weiterhin in unbeschädigten Häusern leben können, beispielsweise in Teilen von Deir al-Balah, wo es keine flächendeckenden militärische Angriffe gab, sondern einzelne Häuser gezielt zerstört wurden. Das sind die wenigsten.

In anderen Orten ist kein Haus mehr bewohnbar

Man fährt über Kilometer an Ruinen vorbei. 

Und es gibt die Mischform, in denen einzelne gute Häuser neben völlig zerstörten stehen. Problematisch sind solche, die zwar noch stehen, aber eigentlich zu gefährlich zum Bewohnen sind. Es kommen immer wieder Menschen ums Leben, wenn diese beispielsweise bei Regen in sich zusammenbrechen.

Wer nicht in einem mehr oder weniger sichern Gebäude unterkommt, der baut sich aus verteilten Planen eine provisorische Unterkunft mit einer einfachen Holzkonstruktion. Die wenigsten haben gute Zelte erhalten. Es gibt kilometerlange Camps wie in Al Mawasi, oder kleine Camps auf landwirtschaftlichen oder sonstigen offenen Flächen. Vereinzelt wagen sich Menschen auf zurück in totalzerstörte Gebiete und man sieht Zelte inmitten von Trümmern.  

Zwei Menschen radeln im Gazastreifen vor Trümmern
Sebastian Zug/HEKS
Die Trümmerwüsten reichen kilometerweit.

Wie nehmen die Menschen die Situation wahr?

Sebastian Zug: Bei unseren Mitarbeitern war ich überrascht über die positive Stimmung. Das hängt vielleicht auch damit zusammen, dass sie zuvor eine noch schwere Zeit hatten. Sie können jetzt etwas durchatmen, wenn auch mit einer enormen Unsicherheit, was die Zukunft bringt.

Wir haben mit einer Familie gesprochen, die wir mit psychosozialen Aktivitäten unterstützen. Die Kinder haben uns ganz stolz Bilder gezeigt, die sie an ihre Zimmerwand gemalt haben. Die Familie würde eigentlich gern gehen, der Vater arbeitet in einem Golfstaat, aber sie kommen nicht raus aus dem Gazastreifen.

Die Menschen sind wie gefangen.

Hilfe in Gaza leisten

Suhail Youssef Fouad Nassar/HEKS

Wie unterstützt HEKS die Menschen vor Ort?

Sebastian Zug: Unter anderem mit Landwirtschaftsprojekten. Bei zwei unserer Projekte geht es aus unterschiedlichen Perspektiven um Saatgut. So bauen die Bauern Gemüse in Gewächshäusern an. Wegen der Blockade kamen über Monate keine Samen nach Gaza und die verfügbaren waren häufig nicht mehr keimfähig. Statt Samen hat unser Partner MA‘AN deshalb Tomaten, Gurken und Chilisetzlinge produzieren lassen, von welchen jeder Bauer 1.000 erhalten hat. Damit hat sich die Erfolgschancen auf eine Ernte der Bauern gegenüber der Verwendung von Samen, die mit großer Wahrscheinlichkeit nicht gekeimt hätten, deutlich verbessert. 

Dünger ist Mangelware

In einem zweiten Projekt hat unser Partner GUPAP Kleinbauern unterstützt, auf kleinen Flächen während des Kriegs weiter zu produzieren und das ausschließlich mit lokalem Saatgut gearbeitet. Die Bauern liefern Samen, die sie selbst produziert haben an eine Saatgutbank und können dort andere Samen beziehen. Durch dieses System werden nicht nur lokal angepasste Gemüsesorten erhalten, die Landwirtschaft sichert sich eine Unabhängigkeit von den globalen Saatgutkonzernen. Die Projekte konnten das Nahrungsmittelproblem in Gaza nicht lösen, aber sie waren ein kleiner Beitrag zur Ernährungssicherheit

Schwierig zu bekommen sind Düngemittel, deren Einfuhr bereits vor dem Krieg von Israel verboten war, weil daraus Sprengstoff hergestellt werden kann, und sie somit zu den sogenannten Dual-Use-Gütern gehören. Biologische landwirtschaftliche Produktion ist in Gaza deshalb weniger aus Nachhaltigkeitsinteresse, sondern aufgrund von Mangel an konventionellen Alternativen wichtig.

Gemüse wächst auf Feld im Gazastreifen
Suhail Youssef Fouad Nassar/HEKS
Gemüse wächst auf einem Feld vor provisorischen Behausungen.

Hilfe im Gazastreifen

Was bedeuten diese Einfuhrrestriktionen für die Menschen?

Sebastian Zug: Aktuell ist noch nicht an den Wiederaufbau von Häusern zu denken, da dafür die Bedingungen und Verantwortungen in Gaza noch geklärt werden müssen. 

Auch wenn nun wieder Güter nach Gaza kommen, fehlen zentrale Baumaterialien, insbesondere Zement, dessen Einfuhr konsequent von Israel unterbunden wird. Deshalb können beschädigte, aber sichere Gebäude aktuell nur provisorisch repariert werden. Dazu werden zerbrochene Fenster und sogar komplette Wände durch Planen ersetzt. Komfortabel ist das nicht.

Wir gehen davon aus, dass Menschen noch lange in diesen Bedingungen leben müssen. Deshalb ist es unser Ziel, die Menschen in den kommenden Monaten bestmöglich technisch und finanziell zu unterstützen, dass sie beispielsweise mit gebrauchten Mauersteinen und Lehm Löcher in Wänden schließen, oder mit gebrauchtem Wellblech kaputte Dächer reparieren oder ersetzen. Durch Verwendung von Materialien aus dem Schutt der Häuser kann die Wohnsituation eines Teils der Menschen deutlich verbessert werden. 

Wohnung im Gazastreifen ohne Fensterfront
Suhail Youssef Fouad Nassar/HEKS
Zerstörte Wohnung.

Gruppensitzungen und Gymnastik

Das eine sind die Grundbedürfnisse wie Wohnen und Essen. Die Menschen sind aber doch sicher traumatisiert vom Krieg, oder?

Sebastian Zug: Ja, im Bereich psychische Gesundheit ist das Bedürfnis riesig. Die Menschen haben unglaubliches erlebt. Unser Partner PWWSD (Palestinian Working Woman Society for Development) berät stark betroffene Kinder und Frauen individuell, aber bietet auch Gruppensitzungen an, in denen sich Betroffene unter fachkundiger Leitung austauschen können. 

Es bleibt ein Tropfen auf den heißen Stein. Wir begrüßen jegliche Aktivitäten, die die Menschen aus dem täglichen Trott bringen. Eine befreundete lokale Organisation bietet Gymnastikunterricht für Frauen. Solche Angebote können für einige sehr hilfreich sein.

Die Würde im Krisengebiet bewahren  

Spüren Sie so etwas wie Hoffnung?

Sebastian Zug: Schwierige Frage. Ich habe vor allem das Gefühl, dass die Leute sich viel Würde erhalten, nach vorne blicken. Das mache ich an zwei symbolischen Elementen fest. Das eine ist die Sauberkeit in den Camps. Die Menschen putzen die Wege, es liegt fast kein Müll herum.

Die Gemeinschaft funktioniert.

Und das andere ist die Kleidung. Ich hatte immer das Gefühl, dass ich der war, der die dreckigsten Schuhe anhatte.

Wie blicken Sie in die Zukunft?

Sebastian Zug: Natürlich wäre das ein Traum, dass sich die Situation stabilisiert, dass Israel sich zurückzieht, Gaza wiederaufgebaut wird und, dass Israelis und Palästinenser daraus gelernt haben und jetzt in Frieden miteinander leben

Jedoch ist all dies in noch weitere Ferne gerückt. HEKS wird weiterhin stark in die Arbeit zur Konflikttransformation mit zivilgesellschaftlichen Organisationen in Israel und Palästina eingebunden sein, um zumindest einen kleinen Beitrag zu dieser Vision leisten zu können.

Mitarbeiterin von HEKS bringt Plane an zerstörtem haus im Gazastreifen an
Suhail Youssef Fouad Nassar/HEKS
Ein kleines bisschen Schutz: Mangels Zement müssen Planen als Wand herhalten.