Du hast WhatsApp auf dem Handy? Wahrscheinlich: Die App ist praktisch, funktioniert auf allen Geräten gleichermaßen und Texten, Sprachnachrichten senden oder Videotelefonie gehört für viele zum Alltag.
Es sind vor allem Mädchen zwischen 11 und 15 Jahren, die solche Kanäle betreiben – oft nach dem Vorbild großer Influencer auf TikTok oder Instagram.
Was auf TikTok, Instagram oder YouTube längst bekannt und reguliert ist, findet auf WhatsApp weitgehend unbemerkt statt.
Soziologin und YouTuberin Jen K. Hügel kennt das Phänomen schon länger: 10- bis 15-Jährige betreiben Kanäle, auf denen sie ihr Privatleben teilen – teils mit mehreren zehntausend Abonnenten.
Bei den Reaktionen auf Kanal-Posts sind neben harmlosen Herzchen auch Emojis dabei, die eindeutig auch eine sexuelle Bedeutung haben: Das Auberginen-Emoji steht für das männliche Geschlechtsteil, drei Wassertropfen für Ejakulat, der Pfirsich für den Po und die Kirschen für die weibliche Brust.
Dass solche Reaktionen auf Fotos von 11- bis 14-Jährigen auftauchen, zeigt: Diese Kinder werden von Erwachsenen wahrgenommen – auf eine Art, die ihnen oft nicht bewusst ist.
Bevor WhatsApp eine eigene Frage-Funktion in die Kanäle eingebunden hat, haben viele Kinder externe Fragetools – zum Beispiel cloud.fun – eingebunden.
Während der indeon-Recherche ist eine weitere Gefahr aufgefallen: Einige Kinder posten in ihren Kanälen Einladungslinks zu WhatsApp-Chatgruppen – zum Beispiel, um sich über eine Lieblingsserie auszutauschen.
Warum betreiben Kinder solche Kanäle überhaupt? Ein Grund: Orientierung und Zugehörigkeit. Die Studie aus NRW zeigt, dass Jugendliche solche Kanäle auch nutzen, um sich mit anderen zu vergleichen und Teil einer Community zu sein.
Ein weiterer wichtiger Faktor ist der soziale Druck durch das Follower-System. Ab etwa 1.000 Abonnenten werden Kanäle von WhatsApp selbst vorgeschlagen. Um diesen Stellenwert zu erreichen, treten viele Kinder sogenannten Push-Gruppen bei.
Wer sichtbar bleiben will, muss regelmäßig posten – das kostet Zeit und Nerven, besonders während der Schulzeit und wenn Klassenarbeiten geschrieben werden.
Meta, der Mutterkonzern von WhatsApp, formuliert es so: Der Kanalbetreiber sei „gemeinsam mit allen Kanaladmins dafür verantwortlich, die Inhalte für Follower sicher, relevant und altersgerecht zu gestalten“. Die Verantwortung liege also beim Kind.
Dabei sind die Regeln eigentlich klar: WhatsApp ist offiziell erst ab 13 Jahren erlaubt, EU-weit brauchen Kinder und Jugendliche bis 16 Jahren die Zustimmung ihrer Eltern. Ein Problem daran: Es wird nicht kontrolliert.
In Australien wurde im Dezember 2025 Social Media für unter 16-Jährige per Gesetz verboten. Auch Bundeskanzler Friedrich Merz hatte sich zu möglichen Einschränkungen für Kinder auf Social Media geäußert.
Außer Acht bleibt dabei: WhatsApp gilt als Messenger-Dienst und fällt nicht automatisch unter solche Regelungen.
Fest steht: Technische Lösungen allein reichen nicht. Solange Jugendliche ab 13 Jahren ohne Einschränkung öffentliche Kanäle betreiben können und Eltern keine Möglichkeit haben, diese Funktion zu deaktivieren, liegt die wichtigste Schutzmaßnahme woanders – beispielsweise im Gespräch.