Interview

Lügenforscher klärt auf: Lügen ist nicht immer schlecht

Holzfiguren mit rotem Hut und langer Nase.
Getty Images/Luckyraccoon
Der Kinderbuchfigur Pinocchio wächst die Nase, wenn sie lügt.

Du kannst niemandem an der Nasenspitze ansehen, ob er lügt. Aber die Wahrheit ist nicht immer so gut wie ihr Ruf. Ein Interview mit dem Psychologen Gamer.

Gesellschaftlich und moralisch verpönt, dennoch passiert es jeden Tag:

Die Menschheit lügt.

Matthias Gamer, Psychologie-Professor an der Universität Würzburg, findet das nicht immer schlimm. Ohne die Lüge wäre unsere Gesellschaft nicht unbedingt besser dran, sagt er im Gespräch mit indeon.de.

Herr Gamer, Sie beschäftigen sich wissenschaftlich mit der Lüge, warum sind wir nicht immer ehrlich?

Matthias Gamer: Die Menschen lügen aus zwei unterschiedlichen Gründen:

  • Einmal aus egoistischen Motiven.

Die gehen mit dem eigenen Wohlergehen und den eigenen Interessen ein, wenn sie sich etwa selber einen Vorteil verschaffen wollen.

  • Es gibt aber auch sogenannte altruistische Motive.

Man spricht dann von der prosozialen Lüge, das heißt, ich möchte meinen Mitmenschen durch die Lüge einen Gefallen tun, ich möchte sie nicht vor den Kopf stoßen oder ihnen einen Vorteil verschaffen.

Was sind Lügen überhaupt?

Es ist immer wieder zu lesen, dass jeder Mensch im Schnitt täglich 200 Mal lügt. Das ist sehr viel ...

Matthias Gamer: Leider ist diese Zahl nicht aus der Welt zu schaffen. Zuerst hat das einmal ein amerikanischer Sozialwissenschaftler behauptet, ohne empirische Daten dafür vorgelegt zu haben.

Die Zahl 200 Lügen pro Tag, ist durch seriöse Forschung in keiner Weise aufrecht zu erhalten.

Wissenschaftlich hochwertige Studien kommen auf eine Schätzung von zwei Lügen pro Tag. Das Kernproblem ist, dass wir erst einmal definieren müssen, was man überhaupt unter einer Lüge versteht.

Definition der Lüge

Und was genau ist eine Lüge?

Matthias Gamer: In der Wissenschaft gibt es die einhellige Meinung, dass eine Lüge eine wissentliche Falschaussage ist, die mit einer gewissen Intention geäußert wird, dann kommt man auf die genannte Zahl zwei.

Auf 200 Lügen kommt man vielleicht – aber auch da bin ich skeptisch – wenn man jegliche Aussage, die man tätigt, dahingehend bewertet, was gemeint war, beispielsweise wenn ich Ihnen „Guten Tag“ wünsche, obwohl es mir völlig egal ist, ob Sie einen guten Tag haben oder nicht.

Ich persönlich halte das nicht für eine Lüge, das ist eine gesellschaftliche Konvention, an die man sich hält. Sie kommt aber nicht mit einer wohlüberlegten Absicht daher.

Lüge ich, wenn ich auf die Frage „Wie geht es Ihnen“, „Gut“ antworte, obwohl es mir schlecht geht?

Matthias Gamer: Wenn es eine reflexhafte Antwort ist, weil das in dieser Situation erwartet wird, ist es keine Lüge. Wenn ich aber kurz reflektiere und mir klarmache, es geht mir nicht gut, aber ich möchte das nicht sagen und antworte „mir geht es gut“, dann ist das eine Lüge.

Typische Lügner:innen?

Porträt eines Mannes mit schulterlangen dunkelblonden Haaren.
Foto: Mattias Gamer
Matthias Gamer forscht zum Thema Lüge. Die Menschen seien nicht sehr gut darin, die Lügen ihrer Mitmenschen zu erkennen, sagt er.

Gibt es Persönlichkeiten oder Charaktere, die häufiger lügen als andere, also spezifische Persönlichkeitsmerkmale eines „Lügners“?

Matthias Gamer: Wahrscheinlich nicht in der normalen Variation der klassischen Persönlichkeitsmerkmale wie etwa Ängstlichkeit, Extraversion oder Gewissenhaftigkeit. Die haben wenig Zusammenhang mit der Häufigkeit von Lügen.

Das einzige, was einen gewissen Zusammenhang hat, sind klinische Ausprägungen in Richtung psychischer Störungen. Wahrscheinlich hat die sogenannte Psychopathie die relevanteste Auffälligkeit.

Das sind Personen, wie man sie in Filmen zu sehen bekommt, zum Beispiel Hannibal Lector in „Das Schweigen der Lämmer“. Diesen Menschen sind ihre Mitmenschen relativ egal. Sie beuten andere Menschen entsprechend aus, manipulieren sie systematisch und haben kein Problem damit, auch häufiger egoistisch zu lügen.

Solche Auffälligkeiten sind aber selten.

Ist das krank?

Matthias Gamer: Im gewissen Sinne ja, aber man rückt in der klinischen Forschung ein wenig ab von der klaren binären Einteilung, das ist krank und das ist gesund. Es gibt in der Regel eine graduelle Entwicklung. Es könnten auch Personen sein, die man nicht per se als krank bezeichnet, die aber sehr hoch liegen auf der Skala der Psychopathie.

Wer lügt mehr: Frauen oder Männer?

Gibt es bei Art und Häufigkeit der Lüge Unterschiede zwischen Frauen und Männern?

Matthias Gamer: Wenn überhaupt, sind die Unterschiede minimal. In der Häufigkeit gibt es Beschreibungen in beide Richtungen, deshalb gehe ich davon aus, dass es keine systematischen Unterschiede gibt.

Es gibt einen kleinen Hinweis, dass Frauen ein bisschen mehr prosozial lügen und Männer ein bisschen mehr egoistisch.

Lebenslang lügen: Je nach Alter unterschiedlich

Das sind aber sehr kleine Unterschiede. Meist ist die Variation innerhalb der Geschlechter viel größer. Kleine Kinder lügen noch wenig, dann nimmt die Häufigkeit zu bis zur Adoleszenz und dem frühen Erwachsenenalter. Mit zunehmendem Alter sinkt sie wieder ein bisschen ab. Die Spanne reicht etwa von 1,6 Lügen pro Tag bis 2,8.

Das kann auch damit zusammenhängen, dass in der Adoleszenz mehr soziale Kontakte gepflegt werden, als im hohen Alter. Wenn man mehr Gelegenheit dazu hat, kann man auch mehr lügen.

Eine bessere Welt ohne Lügen?

Kann man sich das Lügen abgewöhnen?

Matthias Gamer: Letztlich ist die Lüge eine persönliche Entscheidung, sie ist etwas überlegtes. Ich kann mich ja auch für die Wahrheit entscheiden. Lügen gehört aber auch natürlicherweise zum Menschsein dazu. Ich denke auch nicht, dass eine Welt ohne Lügen unbedingt eine bessere wäre. Man kann sich also fragen, ob es ein sinnvolles Vorhaben ist, auf jeden Fall weniger zu lügen.

Manche Lügen retten Menschenleben

Mit der prosozialen Lüge lügt man ja, um anderen Menschen einen Vorteil zu verschaffen oder um sie nicht zu verletzten. Damit opfere ich mich – überzogen formuliert – für andere Menschen auf. Ich mute ihnen nicht die Wahrheit zu.

Es gibt dramatische Situationen, in denen die Lüge die moralisch einzig richtige Verhaltensweise ist, etwa bei Menschen, die im Nationalsozialismus Juden versteckt haben. Oder das ganz einfache Beispiel, wenn man jemandem, dem es nicht gut geht, sagt, dass man ihm das nicht ansieht. Das gibt der Person ein besseres Gefühl.

Wenn Kinder lügen…

Wann und warum fangen Kinder an zu lügen?

Matthias Gamer: Kinder müsse erst einmal in der Lage sein, sich in andere Menschen hineinzuversetzen, das nennen wir „Perspektivübernahme“ oder auch „theory of mind“.

Kleine Kinder, die noch nicht differenzieren können zwischen der eigenen Weltsicht und der anderer Menschen, halten sich beim Versteckspiel die Augen zu und denken, sie wären versteckt. Erst wenn sie verstehen, dass sie exklusives Wissen haben, dass sie nicht mit anderen teilen müssen, können sie lügen.

Grundschulkinder können lügen

Das ist eine Entwicklung, die sich nach und nach in einem Altersbereich zwischen etwa drei und sechs Jahren ereignet. Ab dem Grundschulalter kann man davon ausgehen, dass alle Kinder lügen können und das auch strategisch einsetzen.

Wie sollten Eltern damit umgehen?

Matthias Gamer: Gelassen, denn es ist ein wichtiger Entwicklungsschritt. Außerdem ist es fragwürdig, wenn Kinder gesagt bekommen, „du sollst nicht lügen“, aber erleben, dass die Erwachsenen es durchaus tun. Aussagen wie „In diesem Haus wird nicht gelogenkann man gar nicht aufrechthalten. Es ist auch nicht sinnvoll das zu tun.

Aber man muss unterscheiden, wenn es um eine Situation geht, die für das Wohl des Kindes oder anderer Menschen essenziell ist. Wenn es bei Jugendlichen etwa um die Fragen geht, „Hast du Drogen genommen“ oder „Bist du betrunken Auto gefahren“ sollte man ernsthaft reagieren und klar machen, dass man die Wahrheit hören möchte, weil man sich verantwortlich fühlt und unterstützen möchte.

Gibt es etwas, was das Lügen bei Kindern begünstigt?

Matthias Gamer: Kinder brauchen einen sinnvollen Grund, um zu lügen und entwickeln ein Verständnis dafür, für welche Ziele es sich lohnt.

Es gibt Experimente mit Kindern, deren Mutter mutmaßlich ein Spielzeug kaputt gemacht hat. Selbst sehr kleine Kinder fangen in dieser Situation schon an zu lügen, um ihre Mutter zu beschützen. Sie behaupten, das Spielzeug wäre schon kaputt gewesen.

Wie kann ich erkennen, ob mein Gegenüber die Wahrheit sagt?

Matthias Gamer: Wir sind sehr schlecht darin, Lügen zu erkennen. Studien zeigen, dass Menschen mit etwas über 50 Prozent beim Erkennen der Lüge nur knapp über dem Zufallsniveau liegen.

Wir sind also in der Wahrscheinlichkeit nicht besser, als wenn wir eine Münze werfen.

Das trifft sogar auf diejenigen zu, die oft mit Lügen zu tun haben, etwa Justizvollzugsbeamte, Richter, Polizistinnen und Polizisten.

Das ist nicht überraschend, wenn man sich klar macht, dass die Lüge sich evolutionär entwickelt hat. Irgendwie ist sie in die Welt gekommen, wenn alle sie erkennen könnten, gäbe es die Lüge nicht, dann hätte sie keinen Zweck mehr.

Was ist mit dem Lügendetektor?

Matthias Gamer: Es gibt Techniken, mit denen es leichter ist, eine Lüge aufzudecken. Beim inhaltsanalytischen Ansatz schaut man sich genau an, was die Person erzählt und versucht herauszufinden, mit welcher Wahrscheinlichkeit das Erzählte auf eigenem Erleben basiert. Das wird etwa bei der Begutachtung von Zeugenaussagen gemacht.

Es gibt aber auch apparative Techniken wie den klassischen Lügendetektor. Hier geht es um Körperreaktionen. Um sinnvolle Schlussfolgerungen ziehen zu können, braucht man allerdings sehr aufwendige und elaborierte Befragungstechniken. Denn das Gerät erfasst im Prinzip lediglich die körperliche Aufregung, die aber nicht spezifisch für Lügen ist.

Auch ein Unschuldiger kann extrem aufgeregt sein, weil er Sorge hat, weiter unter Verdacht zu geraten oder gar verurteilt zu werden.

Eine spezifische Lügenreaktion nennt man Pinocchio-Reaktion, nach der Kinderbuchfigur. Pinocchios Nase wächst immer dann, wenn er lügt, vor allem aber auch nur dann. Eine solche spezifische Reaktion wurde bei Menschen noch nicht entdeckt. Und ich habe große Zweifel, dass das jemals passiert.

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