„Ich werde nicht ruhig bleiben, ich werde für die Freiheit afghanischer Frauen kämpfen“, sagt Mahnaz Mohammadi.
Die 20-jährige Schülerin lebt mit ihren Eltern und ihren Geschwistern in Kaiserslautern, besucht dort das Gymnasium. Ihr Ziel: Das Abitur. Anschließend will sie Jura studieren. „Ich will Anwältin werden für Migration und Flüchtlinge, weil ich das selbst erlebt habe und weiß, wie gut es ist, wenn jemand die Kraft hat und das Wissen, anderen Menschen zu helfen.“
Ihre Kindheit verbringt Mahnaz in Bamyan im afghanischen Hochland. Ihre Familie gehört den Hazara an. „Wir hatten Freiheit, wir hatten die Schule und ich konnte mit meinen Nachbarinnen zwischen den Häusern spielen.“
Mit vier Jahren bringt ihr der Vater das Radfahren bei. „Du musst nur nach vorne schauen, nicht auf die Pedale“, sagt ihr Vater. Und sie beherzigt das. „Dieser Wind in meinem Gesicht, das Gefühl von Freiheit, ich kann Fahrrad fahren wie ein Junge“, das geht ihr damals durch den Kopf.
An ihrem 12. Geburtstag steht ein weiß-pinkes Fahrrad vor ihrem Haus. Sie darf mit dem geschlechtergemischten Radteam „Salsal und Shamama“ ihres Onkels trainieren. Es ist benannt nach den riesigen Buddhastatuen aus dem 6. Jahrhundert im Bamyan-Tal, die die Taliban 2001 sprengen ließen.
„Als ich ein Kind war, wusste ich gar nicht, was Talibs sind, was Krieg ist“, blickt Mahnaz heute zurück. Bamyan ist damals eine der sichersten Städte in ganz Afghanistan. Alle paar Wochen macht die Familie Ausflüge mit dem Auto, etwa zu den Band-e-Amir-Seen am Hindukusch, seit 2009 erster Nationalpark Afghanistans. Sie treffen dort Touristen aus Europa, aus Amerika, Kanada. „Es war toll, mit ihnen zu reden“, sagt Mahnaz.
Mit 16 Jahren verlässt Mahnaz Afghanistan. "Du musst stark sein, du musst mutig sein. Wir beten für dich“, geben ihr die Eltern mit auf den Weg. Mit sechs anderen Mädchen schafft sie es zu Fuß über die Grenze nach Pakistan, dann schlägt sie sich weiter nach Italien durch und landet Monate später in L‘ Aquila in den Abruzzen. Schon unterwegs lernt sie mithilfe einer App und Youtube Italienisch.
In Italien fährt sie wieder Rad, nimmt im Oktober 2022 an den afghanischen Straßenrad-Meisterschaften der Frauen teil. Diese hatte der Weltradsportverband UCI in Aigle in der Schweiz organisiert. Afghanische Frauen konnten so ihren Sport ausüben und gleichzeitig darauf aufmerksam machen, wie die Taliban die Rechte von Frauen und Mädchen beschneiden, denen Sport untersagt ist.
Im November 2022 kann Mahnaz ihre Eltern und Geschwister am Flughafen in Rom in Empfang nehmen, die sie ein ganzes Jahr nicht gesehen hat. Die Familie beantragt erfolgreich Asyl. Sie landen erst in Speyer, dann in Kaiserslautern.
„Für uns Hazara sind zwei Dinge wichtig: Bildung und Religion“, sagt Mahnaz. „Wir glauben an Gott, aber wir benutzen nicht die Religion, um Verbote zu erteilen“, erklärt sie mit Blick auf die Taliban. „Lern was, mach dein Bestes und versuche ein guter Mensch zu werden“, das sei der Rat ihres Vaters.
Ihren Weg zum Jurastudium hat Mahnaz fest vor Augen. Aber sie denkt an all die Mädchen und Frauen in Afghanistan, die nicht zur Schule gehen können. Mahnaz spricht über deren Unterdrückung, hält Reden beim Weltfrauentag in Speyer oder in Neidenfels im Beisein vom damaligen Noch-Ministerpräsidenten Alexander Schweitzer. „Ich fühle mich gut dabei. Weil ich eine Stimme sein kann für jemanden, der nicht träumen kann.“.