Gesellschaft

Mahnaz kämpft für die Freiheit afghanischer Frauen.

Mahnaz Mohammadi bei den 2022 Afghan Women's Championships
privat

Mit 16 Jahren ist Mahnaz aus Afghanistan geflohen. Die Schülerin erhebt ihre Stimme gegen die Unterdrückung afghanischer Frauen und Mädchen.

„Ich werde nicht ruhig bleiben, ich werde für die Freiheit afghanischer Frauen kämpfen“, sagt Mahnaz Mohammadi.

Die 20-jährige Schülerin lebt mit ihren Eltern und ihren Geschwistern in Kaiserslautern, besucht dort das Gymnasium. Ihr Ziel: Das Abitur. Anschließend will sie Jura studieren. „Ich will Anwältin werden für Migration und Flüchtlinge, weil ich das selbst erlebt habe und weiß, wie gut es ist, wenn jemand  die Kraft hat und das Wissen, anderen Menschen zu helfen.“

Ihre Kindheit verbringt Mahnaz in Bamyan im afghanischen Hochland. Ihre Familie gehört den Hazara an. „Wir hatten Freiheit, wir hatten die Schule und ich konnte mit meinen Nachbarinnen zwischen den Häusern spielen.“

Kindheit in Afghanistan

Mit vier Jahren bringt ihr der Vater das Radfahren bei. „Du musst nur nach vorne schauen, nicht auf die Pedale“, sagt ihr Vater. Und sie beherzigt das. „Dieser Wind in meinem Gesicht, das Gefühl von Freiheit, ich kann Fahrrad fahren wie ein Junge“, das geht ihr damals durch den Kopf.

An ihrem 12. Geburtstag steht ein weiß-pinkes Fahrrad vor ihrem Haus. Sie darf mit dem geschlechtergemischten Radteam „Salsal und Shamama“ ihres Onkels trainieren. Es ist benannt nach den riesigen Buddhastatuen aus dem 6. Jahrhundert im Bamyan-Tal, die die Taliban 2001 sprengen ließen.

Mahnaz Mohammadi in Kaiserslautern
Florian Riesterer

Kindheit ohne Krieg

„Als ich ein Kind war, wusste ich gar nicht, was Talibs sind, was Krieg ist“, blickt Mahnaz heute zurück. Bamyan ist damals eine der sichersten Städte in ganz Afghanistan. Alle paar Wochen macht die Familie Ausflüge mit dem Auto, etwa zu den Band-e-Amir-Seen am Hindukusch, seit 2009 erster Nationalpark Afghanistans. Sie treffen dort Touristen aus Europa, aus Amerika, Kanada. „Es war toll, mit ihnen zu reden“, sagt Mahnaz.

Hazara

  • Die Hazara stellen mit rund 9 bis 15 Prozent die drittgrößte Volksgruppe Afghanistans.
  • Sie bekennen sich anders als die Mehrheit der Afghanen zum schiitischen Islam.
  • Historisch wurden die Hazara immer wieder durch paschtunische Herrscher unterdrückt, aktuell durch die Taliban.
  • Schätzungen zufolge leben rund 350.000 Afghanische Flüchtlinge in Deutschland.

Machtergreifung der Taliban

Dann werden die Taliban stärker. Ein paar Monate vor dem geplanten Abzug der Amerikaner warnen Freunde, Nachbarn und Familienangehörige erstmals. „Wir hatten eine Notfalltasche für die Flucht gepackt“. Und dennoch will Mahnaz nicht so recht daran glauben. „Die Amerikaner schützen uns und die afghanischen Polizisten“, so denkt sie. Schließlich bricht die Familie in das Heimatdorf ihres Vaters auf, kehrt nach zwei Wochen aber wieder nach Bamyan zurück. 

Flucht vor den Taliban

Wenige Tage später flieht die Familie vor den Taliban aus der Stadt. Als Hazara werden sie von den Taliban verfolgt. „Außerdem hat mein Vater während Corona geholfen, Verordnungen durchzusetzen, Abstand zu halten, nicht in die Moschee zu gehen, wenn man krank ist.“ Damit macht er sich Feinde.

„Mein Herz hat gesagt, alles ist vorbei“, sagt Mahnaz. „Jetzt kannst du nicht mehr in der Schule, nicht mehr nach Bamyan.“ Unterwegs sieht sie acht Menschen am Straßenrand liegen, erschossen. Ältere Frauen und Männer.

Als die Familie eine Pause macht, besorgt Mahnaz im Restaurant etwas zu essen, die kleine Schwester ist bereits am Quengeln. Plötzlich betreten rund 40 Taliban das Gebäude. „Sie hatten Kalaschnikows über der Schulter, lange Bärte, das erste Mal, dass ich sie gesehen habe“, sagt Mahnaz.

Einer zeigt mit dem Finger auf Mahnaz. „Mädchen, warum hast du keine Burka an“, beschwert er sich und erklärt:

Ich nehme sie mit, sie ist jetzt meine Frau.

Mahnaz‘ Onkel versucht, zu beruhigen, bietet Geld an, doch umsonst. Nur, weil ihre kleine Schwester wieder anfängt zu weinen, ziehen die Taliban am Ende doch ab.

„Ich hatte große Angst, habe geweint“, erinnert sich Mahnaz. „Was ist meine Schuld, was ist falsch an dem Kleid, das ich trage“, fragt die 13-Jährige ihre Eltern. In Kabul findet die Familie Unterschlupf. „Hier sind wir sicher“, sagen ihre Eltern. Doch Mahnaz, die die Talib nur „Monster“ nennt, findet nur wenig Schlaf.

 Die Panik war immer da, es war wie ein Albtraum.

Der Weg nach Europa

Mit 16 Jahren verlässt Mahnaz Afghanistan. "Du musst stark sein, du musst mutig sein. Wir beten für dich“, geben ihr die Eltern mit auf den Weg. Mit sechs anderen Mädchen schafft sie es zu Fuß über die Grenze nach Pakistan, dann schlägt sie sich weiter nach Italien durch und landet Monate später in L‘ Aquila in den Abruzzen. Schon unterwegs lernt sie mithilfe einer App und Youtube Italienisch.

Radfahren für Frauenrechte

In Italien fährt sie wieder Rad, nimmt im Oktober 2022 an den afghanischen Straßenrad-Meisterschaften der Frauen teil. Diese hatte der Weltradsportverband UCI in Aigle in der Schweiz organisiert. Afghanische Frauen konnten so ihren Sport ausüben und gleichzeitig darauf aufmerksam machen, wie die Taliban die Rechte von Frauen und Mädchen beschneiden, denen Sport untersagt ist.

Im November 2022 kann Mahnaz ihre Eltern und Geschwister am Flughafen in Rom in Empfang nehmen, die sie ein ganzes Jahr nicht gesehen hat. Die Familie beantragt erfolgreich Asyl. Sie landen erst in Speyer, dann in Kaiserslautern. 

Religion ohne Verbote

Für uns Hazara sind zwei Dinge wichtig: Bildung und Religion“, sagt Mahnaz. „Wir glauben an Gott, aber wir benutzen nicht die Religion, um Verbote zu erteilen“, erklärt sie mit Blick auf die Taliban. „Lern was, mach dein Bestes und versuche ein guter Mensch zu werden“, das sei der Rat ihres Vaters. 

Ihren Weg zum Jurastudium hat Mahnaz fest vor Augen. Aber sie denkt an all die Mädchen und Frauen in Afghanistan, die nicht zur Schule gehen können. Mahnaz spricht über deren Unterdrückung, hält Reden beim Weltfrauentag in Speyer oder in Neidenfels im Beisein vom damaligen Noch-Ministerpräsidenten Alexander Schweitzer. „Ich fühle mich gut dabei. Weil ich eine Stimme sein kann für jemanden, der nicht träumen kann.“.

Auch auf Social Media ist sie unterwegs, postet unter den Hashtags #letafghangirlslearn oder #stophazaragenocide. Viele afghanische Frauen kommentieren ihre Beiträge, ermuntern sie, auch zum Thema Menschenrechte zu sprechen.

Ich kann mir vorstellen, später in die Politik zu gehen.

Mahnaz will aber nicht nur reden, sondern etwas tun. So bringt sie Frauen Deutsch bei und hat Pläne für eine Online-Lernplattform für afghanische Frauen. Auch ihre Mutter, die als Kind wegen der Taliban nicht zu Schule gehe durfte, lernt jetzt Deutsch. 

Deutschland als zweite Heimat 

Ihre Heimat trägt Mahnaz im Herzen, hält Kontakt zu Verwandten. „Ich liebe meine Stadt immer noch.“ Doch eine „Zeit ohne Taliban, wo wir Demokratie haben, wo Mädchen in die Schule gehen dürfen“ liegt für sie in weiter Ferne.

Kraft gibt Mahnaz ihr Glaube. “Als ich meine Familie verlassen musste und nicht wusste, was mich auf diesem Weg erwartet, habe ich auf Gott vertraut. Ihr Glaube, sagt Mahnaz, erinnere sie daran, ”dankbar zu sein und niemals die Hoffnung auf eine bessere Zukunft zu verlieren".

Die sieht Mahnaz in Deutschland. „Unsere zweite Heimat“, sagt sie über das Land, das ihr die Schule zurückgegeben habe. „Und das Gefühl von Freiheit.“ Wie damals, als sie mit vier Jahren auf dem Rad zum ersten Mal den Wind im Gesicht spürt. Eine Freiheit, für die sie kämpfen möchte - für alle Afghaninnen.