Kinderinfuencer auf WhatsApp

Meta, schäm dich. Und wir auch ein bisschen

Clarissa Weber
Kommentar von Clarissa Weber

Kinder, die auf WhatsApp ihr Leben teilen - für tausende Fremde. Was ich auf der Suche nach Pferdevideos fand, war ein Einblick in eine Welt, die es so nicht geben sollte.

„Wo bin ich denn hier gelandet?“ Das war mein erster Gedanke, als ich mich durch die WhatsApp-Kanäle geklickt habe. Ich hatte bereits Nachrichten-, Rezept- und Infokanäle abonniert und wollte mal schauen, was es da so zum Thema Reitsport gibt.

Gefunden habe ich Kanäle von Kindern und Jugendlichen, die neben Clips aus ihrem Reitunterricht noch SEHR viel mehr auf WhatsApp teilen.

Tausende Follower für Minderjährige

Ich scrolle durch die Kanäle. Ein Mädchen von vielleicht 12 oder 13 Jahren erklärt, wie man Lidschatten aufträgt, ein anderes zeigt, was sie in der Drogerie alles geshoppt hat und ein weiteres erzählt von einer Klassenarbeit, die nicht ganz so gelaufen ist wie erhofft. Solche Inhalte gehen täglich auf WhatsApp für tausende Follower online. Das ist kein harmloser Content mehr, das ist ein offenes Tagebuch - für völlig Fremde!

Ein Whatsapp-Kanal mit 45.000 Followern. Auf dem Vorschaubild fürs Video ein unkenntlich gemachtes Mädchen, dazu der Text: Ich hoffe ihr bekommt ganz bald eine super reine Haut. 3,2 tausend Reaktionen und 656 Weiterleitungen.
Screenshot/Clarissa Weber

Das Verstörende: Es ist alles so selbstverständlich

Mich schockiert dabei noch nichtmal, dass es diese Kanäle gibt. Aber es verstört mich, WIE selbstverständlich das alles funktioniert. Was die Kinder und Jugendlichen alles posten und dass sie anscheinend allein gelassen werden.

Ein Foto von einem Mädchen, welches gerade einen Überschlag in einer Turnhalle macht. Dazu der Text (Emojis rausgekürzt): Heyyyyy, mein Name ist ... ich bin 13 Jahre alt und komme aus Österreich. Ich war schon ... Landesmeisterin im Turnen. Im Verein Turne ich seit ich 6 bin. Nochmal dankiii, dass ich Admin sein darf. Bin halte eine von den 3 neuen Admins. Dazu 140 Reaktionen
Screenshot/Clarissa Weber

WhatsApp vermittelt einen „privaten“ Eindruck. Wenn du mit einer anderen Person chatten willst, brauchst du schließlich die Handynummer. Ende-zu-Ende-Verschlüsselung im Chat - das fühlt sich geschützt an. Spoiler: Ist es nicht.

Ich kann die WhatsApp-Kanäle einfach abonnieren, ohne dass meine Handynummer sichtbar wird. Und alles, was diese Kinder hochladen, landet direkt auf meinem Smartphone. Ich kann die Inhalte downloaden. Ich kann alles weiterleiten. Und davon bekommt niemand etwas mit - auch nicht der Kanalbetreiber.

Screenshot einer Übersicht von 13.422 Emoji-Reaktionen zu einem Beitrag. Darunter 15 Auberginen 2 Kirchen 2 Unterhosen
Screenshot/Clarissa Weber

In den Emoji-Reaktionen auf Inhalte tauchen zwischen Herzchen auch Symbole mit sexualisierten Bedeutungen auf. Wer weiß, was dieses Obst und Gemüse, wie Auberginen, Pfirsiche, Kirschen und Wassertropfen, noch bedeutet, versteht: Das sind keine harmlosen Grüße vom Gleichaltrigen.

Sollte das also einfach verboten werden? Schwierige Frage. Ich habe beobachtet, dass die Kinder dabei auch sehr viel lernen: wie Videos gedreht und geschnitten werden, wie regelmäßig Inhalte produziert werden, wie man sich seine Zeit einteilt und auch wie man mit Kritik umgeht.

Das sind alles nützliche Fähigkeiten! Ich bin daher zu dem Schluss gekommen, dass eine sinnvolle, empathische Begleitung durch Erwachsene das Beste ist. Die Kanäle sind oft auch eine Art „öffentliches Tagebuch“. Das ist wichtig, um mit Gleichaltrigen in Kontakt und Austausch zu bleiben.

Das Problem ist strukturell und sitzt bei Meta

Wie denkst du darüber? Wer ist verantwortlich? Hinterlasse deine Gedanken dazu auf Social-Media:

Instagram

Facebook

WhatsApp vermarktet sich als sicheren Messenger für alle. Offiziell liegt das Mindestalter bei 13 Jahren. In der Praxis kontrolliert das niemand. Kinder können problemlos öffentliche Kanäle erstellen und Reichweite von mehreren zehntausend Followern erzielen. Eltern haben die Möglichkeit, diese Funktion zu deaktivieren - sofern sie von den Tätigkeiten ihres Nachwuchses wissen.

Und Meta? Meta wälzt die Verantwortung auf die Kinder selbst ab (Abruf am 4. Mai 2026):

Kanaladmins sind selbst dafür verantwortlich, ihren Abonnent*innen eine sichere und altersgerechte Erfahrung zu bieten.

Kinder im Alter von 10 bis 15 Jahren. Verantwortlich. Für die Sicherheit ihres öffentlichen Auftritts. Gegenüber tausenden Unbekannten. Geht gar nicht! Das ist keine Aufgabe für ein Kind. Das ist eine Aufgabe für einen Konzern, der Milliarden verdient - und sich trotzdem wegduckt.

Erwachsene sind für digitale Umwelt mitverantwortlich

Ein weitergeleitetes Bild im WhatsApp-Kanal - auf dem Bild 3 verfremdete Jungs in einem Einkaufzentrum. Dazu der Text: Waren gestern in Koblenz 🔥. 77 Reaktionen. Dazu ein Link der zu "Kanal ansehen" führt.
Screenshot/Clarissa Weber

Ob die Eltern dieser Kinder von den Kanälen wissen? Manchmal ja. Manchmal begleiten sie ihre Kinder dabei sogar bewusst - und das ist gut. Aber in vielen Fällen dürfte die ehrliche Antwort sein: Sie ahnen es nicht einmal.

Und genau da liegt unsere Mitverantwortung, nicht nur als Gesetzgeber oder Konzern, sondern als Erwachsene. Wer weiß, dass es diese Kanäle gibt, ist verantwortlich darüber aufzuklären. Das Gespräch zu suchen - mit anderen Eltern, Erwachsenen, aber insbesondere auch den Kindern und Jugendlichen. 

Nachfragen

  • Hast du so einen Kanal?
  • Folgst du solchen Kanälen?
  • Wenn ja: Was wird da gepostet?
  • Wer schaut das?
  • Was könnte daran problematisch sein?
  • Wie fühlt es sich an, wenn jemand etwas Blödes schreibt?
  • Weißt du, was diese Emojis noch bedeuten?

Das Internet vergisst nichts. Und ein Kind oder Jugendlicher, der das noch nicht begriffen hat, braucht jemanden, der das erklärt. Am besten noch vor dem ersten Kontakt zu WhatsApp oder Social Media.