Gesellschaft

Mit Hoffnung gegen Rechts: Ein Pfarrer im Wahlkampf

Pfarrer Andreas Tschurn
Lara Sturm

Pfarrer Andreas Tschurn war parteiloser Direktkandidat bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Wir haben ihn beim Wahlkampf begleitet.

Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt ist Pfarrer Andreas Tschurn gegen Hans-Thomas Tillschneider angetreten, einen der bekanntesten Vertreter des extrem rechten AfD-Flügels. Seine Chancen auf das Direktmandat schätze Andreas Tschurn von Anfang als „gering“ ein.

Am Ende setzte sich Tillschneider im Wahlkreis Querfurt mit 54,9 Prozent der Stimmen durch. Landesweit wurde die AfD mit 43,8 Prozent deutlich stärkste Kraft. Mit seiner Kandidatur als parteiloser Kandidat für die Partei “Die Linke” wollte Tschurn dem Rechtsruck etwas entgegensetzen: Hoffnung machen und Haltung zeigen.

Eine Botschaft, die nach der Wahl noch einmal an Gewicht gewonnen hat. Wir haben den 41-Jährigen in den letzten Wahlkampf-Tagen begleitet.

Andreas Tschurn steht in Querfurt vor seinem Wahlstand und verteilt rote Papiertütchen mit der Aufschrift „Die Linke“ an Passantinnen und Passanten. Immer wieder fragt er höflich: „Darf ich ihnen etwas mitgeben?“

Nicht alle reagieren freundlich. Manchmal wird ihm auch ein „Nein!“ oder „Nur die AfD“ entgegengerufen. Auf die Frage, ob er seit der Bekanntgabe seiner Kandidatur häufig Anfeindungen erlebt habe, schüttelt der 41-Jährige lächelnd den Kopf. „Mal wird mir was aus dem Auto zugerufen, aber im direkten Gespräch bekomme ich meist positive Reaktionen.“

Wahlkampf in Sachsen-Anhalt

Für seine Kandidatur nimmt Andreas Tschurn einiges in Kauf. Während des zweimonatigen Wahlkampfs ist er von seinem Pfarrdienst beurlaubt und erhält keine Bezüge, so sehen es die Regeln des Pfarrerdienstgesetzes vor.

Einen Platz auf der Landesliste hat der Pfarrer nicht angestrebt und seine Chancen auf das Direktmandat schätzt er selbst als „eher unwahrscheinlich“ ein. Trotzdem steckt er Zeit und Energie in den Wahlkampf: Seit Stunden ist er unterwegs, verteilt Material und sucht das Gespräch mit den Menschen. Was treibt ihn an?

Pfarrer gegen den Rechtsruck

Sachsen-Anhalt ist zu schön, um es den Rechtsextremisten zu überlassen“, sagt Tschurn. Mit seiner Kandidatur wolle er vor allem eins: Hoffnung machen. Ganz bewusst trete er für Die Linke an: „Sie stellt sich wie keine andere Partei dem Rechtsruck entgegen.“ Zwischen christlichen und linken Werten sieht der Pfarrer große Überschneidungen, „wir kommen aufs gleiche Ergebnis, leiten es nur unterschiedlich her.“ 

Wahlkampfhelfer Gerrit Schmeißer
Lara Sturm
Gerrit Schmeißer hilft am Wahlkampfstand.

Wie das aussehen kann, zeigt sich auch am Wahlkampfstand. Dort unterstützt ihn an diesem Tag der 21-jährige Gerrit Schmeißer. Mit Kirche hatte er lange wenig zu tun, erzählt er. „Ich bin nicht gläubig, aber dass ein Pfarrer für Die Linke kandidiert find ich richtig cool.“

Neuer Blick auf Kirche

Die Gespräche mit Tschurn hätten seinen Blick auf Kirche verändert, gerade bei Themen wie Flucht und Migration erkennt Schmeißer Übereinstimmungen: „Nächstenliebe und dass alle Menschen gleich sind, das sind Werte, nach denen wir in der ganzen Debatte um Geflüchtete handeln sollten“, so Schmeißer. 

Faire Chance für Flüchtlinge

Für Tschurn ist diese Verbindung kein Widerspruch

Das Evangelium ist für mich immer auch politisch.

"Es geht im Kern um Menschlichkeit und dass wir auch Fremde, die zu uns kommen, willkommen heißen, aufnehmen und ihnen eine faire Chance geben sich hier zu verwirklichen. Daher sei für ihn klar: „Christ sein, Christin sein und die AfD wählen passt nicht zusammen.“

Wahlkampfunterstützung aus Nürnberg

Extra aus Nürnberg angereist sind Mechthild (70) und Oswald Greim (72) von der Bundesarbeitsgemeinschaft Linke Christinnen und Christen. „Wir wollen Andreas im Wahlkampf unterstützen und ein Zeichen gegen Rechts setzen“, sagt die 70-Jährige. Dafür fahren sich mit einem mit Flaggen geschmückten Fahrrad samt Anhänger durch die Straßen und verteilen Tschurns Flyer. 

Oswald und Mechthild Greim
Lara Sturm
Oswald und Mechthild Grein

Herz statt Hetze

So offensiv politisch positionieren sich aus Tschurns Sicht längst nicht alle in der Kirche. „Das Banner Herz statt Hetze unserer Landeskirche könnte meinetwegen jede Kirche schmücken“, sagt Andreas Tschurn. In seinem Kirchenkreis seien es jedoch nur seine Friedenskirche und eine Nachbarkirche, die das Banger aufgehängt haben.

Pfarrern Mut machen

Der 41-Jährige hofft er könne mit seiner Kandidatur auch anderen Pfarrerinnen und Pfarrern Mut machen, „sich durchaus politisch auch mehr aus dem Fenster lehnen.“

Vier Tage später, es ist der Tag nach der Wahl, blickt Pfarrer Andreas Tschurn mit Sorgen auf das Wahlergebnis. „Besorgniserregend”, sagt er. Viele Menschen machten sich Sorgen. Gerade für diese Menschen müsse Kirche jetzt da sein.

Ich werde weiter Kirchenasyl anbieten 

sagt Tschurn.  „Oder Menschen aus dem queeren Spektrum sichere Räume vermitteln." Je autokratischer eine Gesellschaft sei, desto mehr müsse Kirche das Gegenmodell verkörpern. Denkbar sei auch, dass die Kirche politischer Raum der Opposition werde. „Wie zu DDR-Zeiten.” Etwa wenn Parteien staatlichen Repressionen ausgesetzt seien.

Kirchenasyl in Gefahr

Doch auch die Kirche selbst müsse sich auf etwas gefasst machen. „Die AfD hat in Sachsen-Anhalt ein explizit kirchenfeindliches Programm”, sagt Tschurn. „Sie möchte beispielsweise das Kirchenasyl abschaffen.”

Für ihn als Pfarrer geht es jetzt nach dem Wahlkampf zurück ins Pfarrhaus nach Leuna. Egal, was die kommenden Tage passiert, eins ist für ihn klar. „Nur solange sich Kirche eindeutig positioniert, ist den Menschen geholfen.”

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