Gesellschaft

Nicht zu faul, nicht undiszipliniert: Die größten Mythen über Adipositas

Portrait von Rami Archid
EMH

Sport, Ernährung, Abnehmspritze: Was hilft bei Adipositas wirklich? Ein Adipositaschirurg ordnet Mythen, Therapien und Vorurteile ein.

In Deutschland ist jede*r Vierte von Adipositas betroffen. Hängt das mit fehlender Selbstachtung zusammen? Ist die Abnehmspritze ein Wundermittel dagegen? 

Vorurteile vs. Realität

Dr. Rami Archid leitet die Adipositaschirurgie im Diakonie-Klinikum Stuttgart. Im Interview mit Kira Geiss räumt er mit gängigen Vorurteilen auf.

Wie unterscheiden sich denn Übergewicht und Adipositas? 

Rami Archid: Übergewicht beginnt ab einem BMI von 25, Adipositas hingegen startet ab einem BMI von 30 und ist eine chronische (nicht heilbare) Erkrankung – nicht nur ein optisches Thema. Das ist ein wichtiger Aspekt, denn wer krank ist, verdient auch eine Therapie. 

Zusätzlich geht es bei Adipositas aber nicht nur um die Zahl, die auf der Waage steht, sondern auch um die Begleiterscheinungen, unter denen man leidet. Zum Beispiel Diabetes oder Bluthochdruck, die unter ärztlicher Begleitung behandelt werden können.

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Würden eine gesunde Ernährung und Sport nicht ausreichen, um das Normalgewicht zu erreichen? 

Rami Archid: Gesunde Ernährung und Bewegung sind zwar sehr wichtig, reichen aber im Fall von Adipositas bei über 95 % der Betroffenen nicht aus. 

Der menschliche Körper reguliert Hunger, Sättigungsgefühl und den Energieverbrauch sehr komplex. Deshalb scheitern selbstständige Abnehmversuche häufig nicht an der Willenskraft, sondern an der Biologie des Körpers. 

Sich Hilfe zu holen ist also kein Zeichen von Schwäche, sondern ein wichtiger Schritt.

Mir ist wichtig zu betonen: Die Adipositastherapie darf nicht als Lifestyle-Therapie abgetan werden. Es geht um ein ernsthaftes Gesundheitsproblem, das aktuell weltweit mehr als eine Milliarde Menschen betrifft. Rechnet man all die Menschen dazu, die von Übergewicht betroffen sind, kommen wir sogar auf eine Zahl von 3 Milliarden Menschen.

Was sind denn gängige Vorurteile, mit denen adipöse Menschen konfrontiert sind? 

Rami Archid: Dass adipöse Menschen faul sind, ist weitverbreitet, doch dem muss ich widersprechen. Es gibt viele Faktoren, die zu Adipositas führen: 

  • Genetik, 

  • Hormone, 

  • Stoffwechsel, 

  • das Umfeld und 

  • auch Stress. 

Faulheit ist keine Diagnose. Tatsächlich haben viele adipöse Menschen vor allem einen großen Leidensdruck, weil sie sich Sorgen um ihre Gesundheit machen. Adipositas mit fehlender Selbstachtung und Faulheit gleichzusetzen, ist unfair und stigmatisierend.

Vorurteile gegenüber adipösen Menschen weit verbreitet

Auch die Annahme, dass adipöse Menschen im Job weniger leisten können, ist ein Vorurteil, das nicht der Wahrheit entspricht. Viele adipöse Menschen leisten bei der Arbeit gleich viel wie ihre Kollegen. 

Oft ist das Vorurteil das eigentliche Problem. Denn falsche Annahmen und Diskriminierung aufgrund des Körpergewichts führen häufig zu geringeren Chancen. Und das wiederum führt dazu, dass adipöse Menschen weniger Verantwortung bekommen und schlechtere Aufstiegschancen haben. Deswegen sollte Leistung meines Erachtens an der Arbeit und nicht am Gewicht gemessen werden. 

Das Abnehmen mit der Abnehmspritze klingt recht einfach – ist sie denn wirklich so ein Wunderheilmittel? 

Rami Archid: In Deutschland gibt es Millionen von Menschen, die von Adipositas betroffen sind. Jeder und jede hat ein eigenes Krankheitsbild. Deshalb können auch nicht alle mit der gleichen Therapie behandelt werden. 

Die Einführung der Abnehmspritze ist da natürlich auch eine Chance, beispielsweise bei Menschen, die nicht operiert werden können. Aber sie ist definitiv kein Wunderheilmittel. 

Die Gewichtsverluste durch die Abnehmspritze liegen zum Beispiel auch signifikant unter denen der Adipositaschirurgie – also operative Eingriffe am Magen-Darm-Trakt. 

Außerdem muss Adipositas durchgängig behandelt werden. 

Das bedeutet im Umkehrschluss, dass die Abnehmspritze zurzeit nicht abgesetzt werden kann. Wer das dennoch tut, setzt sich der Gefahr aus, schnell wieder zuzunehmen. 

Das führt uns zu einem weiteren Problem, denn wir wissen noch sehr wenig über die langfristigen Auswirkungen und Nebenwirkungen der Abnehmspritze. 

Wie funktioniert die Abnehmspritze?

Abnehmspritzen enthalten Wirkstoffe, die den körpereigenen Darmhormonen (GLP-1) nachempfunden sind. Dadurch kommt es zu:

  • Einer Appetitbremse: Sie wirken im Gehirn und reduzieren das Hungergefühl sowie das Verlangen nach Essen drastisch.

  • Einem längeren Sättigungsgefühl: Die Magenentleerung wird verlangsamt, wodurch das Essen länger im Magen bleibt.

  • Einer Blutzuckerkontrolle: Sie kurbeln nach dem Essen die Insulinfreisetzung an, was Heißhungerattacken verhindert. 

Was würden Sie Menschen, die von Adipositas betroffen sind, gerne sagen?

Rami Archid: Erstens: Adipositas sagt nichts darüber aus, wer man als Mensch ist. Es ist eine Krankheit und wie für jede andere Krankheit gibt es Therapiemöglichkeiten, für die man sich nicht zu schämen braucht. 

Zweitens: Es ist wichtig, sich mit anderen Menschen auszutauschen – auch über Adipositas. Aber gerade in den sozialen Medien sollte man Diagnosen und Ratschläge mit Vorsicht genießen. Hier sind viele Falschinformationen im Umlauf. 

Reden wir über Vorurteile

Wie sollten wir über Adipositas sprechen? Teile deine Meinung oder deine Erfahrungen auf unseren Social-Media-Kanälen und diskutiere mit der Community: 

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