Sport und Gewalt

Tiefe Narben auf der Seele

"Ich war wie versteinert!"
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Als Kind wurde Marie Dinkel monatelang von ihrem Judotrainer missbraucht. Bis sie sich wehrte. Heute will sie anderen Betroffenen Mut machen. Über Gewalt im Sport zu sprechen, fällt Betroffenen schwer. Es ist wichtig. Denn wer Gewalt erfährt, leidet oft ein Leben lang.

Marie Dinkel
privat
Marie Dinkel ist 13 Jahre alt. Der Trainer, der sie missbrauchen wird, ist ihr LIeblingstrainer.

Wenn der Brechreiz kam, wusste sie, dass es vorbei ist. Dann fiel die Anspannung ab, die Marie Dinkels Körper zuvor während der Panikattacke zusammengeschnürt hatte. Bei der sie auf dem Boden saß, nach vorne und hinten wippte, und schrie.

Die schlimmste Erfahrung ihres Lebens

Der psychische Ausnahmezustand, den Marie Dinkel an einem Abend in einem  Videogespräch schildert, ist Teil der schlimmsten Erfahrung ihres Lebens. Dinkel, 24 Jahre alt, blauer Pullover, die Haare zu zwei Zöpfen geflochten, sitzt in ihrer Wohnung in der Schweiz. Dorthin ist sie vor eineinhalb Jahren mit ihrem Ehemann gezogen. Sie berichtet von dem sexuellen Missbrauch durch ihren einstigen Judo-Trainer, den sie als Kind erleben musste. Er hat tiefe Narben auf ihrer Seele hinterlassen.

Über die sexuellen Übergriffe hat Marie Dinkel bereits im vergangenen Oktober erstmals öffentlich gesprochen, gegenüber dem Nachrichtenmagazin „Spiegel“ und bei einem öffentlichen Hearing der Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindermissbrauchs, die 2016 durch einen Beschluss des deutschen Bundestages einberufen wurde. Sie will Sportlerinnen und Sportlern, die  sexuelle Gewalt erlitten haben, eine Plattform geben.

Gewalt im Sport weit verbreitet

Marie Dinkels Schicksal ist kein Einzelfall. Gewalt im Sport ist in Deutschland verbreitet. Sie findet im sexuellen, körperlichen und seelischen Kontext statt. Im Herbst 2019 wurde ein Fußballschiedsrichter bei einem Amateurspiel im hessischen Münster bewusstlos geschlagen. Im November vergangenen Jahres warfen im „Spiegel“ mehrere Turnerinnen am Olympiastützpunkt Chemnitz einer Trainerin verbale Erniedrigungen und die unerlaubte Verabreichung von Medikamenten vor.

In einer Studie der Deutschen Sporthochschule Köln von 2016 wurden 1 800 deutsche Kaderathleten über 16 Jahre zu ihren Erfahrungen sexualisierter Gewalt im Sport befragt. Etwa ein Drittel gab an, bereits entsprechende Erfahrungen gemacht zu haben. Mit solchen Fällen setzt sich der "Dritte Sportethische Fachtag" der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und der Evangelischen Akademie Frankfurt am Mittwoch,  10. März, auseinander. „Sport und Gewalt“ lautet der Titel der Onlineveranstaltung. 

Das Thema „war einfach dran“

Marie Dinkel
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Heute kämpft Marie Dinkel dafür, dass junge Sportler ihr Schicksal nicht erleiden müssen. Sie ist jetzt selbst Trainerin.

„Über Gewalt im Sport zu sprechen, war einfach dran“, sagt Volker Jung, Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau und Sportbeauftragter der EKD. Er glaubt, dass gerade „starke Abhängigkeitsverhältnisse zwischen Sportlern und Trainern zu unterschiedlichen Formen von Gewalt führen“ können. Bei Marie Dinkel war das so.

Dinkel ist sechs Jahre alt, als sie mit dem Judo anfängt. Ihrem Vater war es wichtig, „dass ich mich als Mädchen selbst verteidigen kann.“ Er meldet seine Tochter beim TV Gladenbach an, einem Verein in Mittelhessen, zehn Autominuten von zuhause entfernt.

„Er war mein Lieblingstrainer“

Marie Dinkel ist talentiert, mit 13 erhält sie gemeinsam mit zwei anderen Mädchen, damals 13 und 14, ein Sondertraining. Das Training findet immer samstagnachmittags statt, in „einem kleinen, separaten Raum einer Schulturnhalle, zu dem man über einige Treppenstufen gelangte“, erinnert sich Dinkel.

Der Trainer, der die Einheiten leitet, ist damals Anfang vierzig. Im „Spiegel“ wird er Klaus L. genannt, in Wahrheit heißt er anders. „Er war zu diesem Zeitpunkt mein Lieblingstrainer, ich hatte ein riesiges Vertrauen zu ihm“, erzählt Dinkel. Über den Missbrauch haben die drei Mädchen untereinander nie gesprochen. Irgendwann aber beginnen sie stillschweigend, sich vor dem Training gegenseitig die Judohosen so fest wie nur möglich zuzuschnüren.

„Mama, der Klaus fasst uns komisch an“

Marie Dinkels Erinnerungen an die Zeit sind klar. Sie weiß noch genau, wie Klaus L. bei einem Übungskampf auf ihr sitzt. „Er hatte mit seinem Becken meine Hüfte fixiert. Dann hat er sein Gewicht nach vorne verlagert. Mit seinen Händen ist er an meinem Rücken entlang in die Hose und in die Unterhose eingedrungen.“ Dinkel spricht mit fester Stimme, verdeutlicht den Ablauf des Ungeheuerlichen durch Gesten mit ihren Händen.

Sie habe neben sich gestanden in jenem Moment, nichts sagen können. WIe versteiert sei sie gewesen. Es blieb nicht bei dem einen Mal. Wieder ist ihr Mund wie versiegelt. Obwohl dieses Mal noch etwa 20 andere Sportler in der Halle sind, ahnt niemand etwas. Es dauert ein halbes Jahr, bis Dinkel nicht mehr schweigen kann und zu ihrer Mutter sagt: „Mama, der Klaus fasst uns komisch an.“ Ihre Eltern handeln. informieren den Verein, Klaus L., der auch Lehrer ist, erhält Hausverbot.

Enorme Dunkelziffer

 „In den Vereinen muss es Leute geben, die wissen, wie man mit so einer Situation umgeht“, sagt Christine Bergmann, Mitglied der Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs. Die ehemalige Bundesfamilienministerin rät Betroffenen, sich über Hilfetelefone Unterstützung zu holen, falls keine Vertrauensperson zur Verfügung steht.

Ziel der Kommission ist es, sexuellen Kindesmissbrauch in allen gesellschaftlichen Bereichen zu untersuchen. Gerade im Sport sei die „Dunkelziffer enorm“, sagt Bergmann. Ihr Mann bestärkt Marie Dinkel darin, sich an die Kommision zu wenden, ihr Schicksal öffentlich zu machen. Nicht alle Betroffenen können dies. Das müssen sie auch nicht, wer will kann gegenüber der Kommission anonym bleiben.

„Es ist stark, wenn man darüber redet!“

Als die junge Sportlerin 18 ist, erfährt sie, dass Klaus L. nach wie vor als Lehrer arbeitet und Judokurse gibt. Immer wieder bekommt sie Panikattacken. Um mit der Anspannung und den eigenen Schuldgefühlen umgehen zu können, beginnt sie, sich mit einem Bügeleisen zu verbrennen. Erst eine Therapie Jahre später bringt Besserung. Heute gehe es ihr gut, sagt sie. Den Leidensdruck aber spürt sie noch immer.

Dem Judo ist die junge Frau treu geblieben. Für den JSV Rammenau startet sie in der 2. Bundesliga, gleichzeitig ist sie Trainerin. Wer wie sie von sexuellem Missbrauch betroffen ist, brauche sich „nicht schämen, es ist stark, wenn man darüber redet!“. Sie will Ansprechpartnerin sein, für Sportler, die dasselbe erleiden müssen, da sein. „Mir hätte das damals geholfen, mit jemandem zu reden, der auch betroffen war.“ Beim TV Gladenbach gibt es inzwischen zwei Kindesschutzbeauftragte, einer von ihnen ist Ben, Maries Bruder.

Hilfe finden

Marie Dinkel weiß aus eigener Erfahrung, wie wichtig es ist, als Betroffene oder Betroffener über die erlebte Gewalt zu sprechen. Das muss nicht öffentlich sein und auch nicht mit den Eltern, wenn das nicht möglich ist. Beim Hilfetelefon des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs kann man sich unter der Nummer 0800-22 55 530 kostenlos und anonym melden. Weitere Infos gibt es hier

Kaum Einfühlungsvermögen

Marie Dinkel kämpft dafür, „dass niemand das Gleiche durchmachen muss, wie ich.“  Doch immer wieder erlebt sie, dass die nötige Sensibilisierung fehlt. Konkret fordert sie: Trainingshallen sollen immer öffentlich zugänglich sein, Trainer sollten sich schulen lassen. Seit sie den TV Gladenbach verlassen hat, informierte sie die Menschen in neuen Vereinen stets über den erlebten Missbrauch, um eigene Verhaltensweisen in für sie unangenehmen Situationen nachvollziehbar zu machen. Ein Trainer, der von ihrem Missbrauch wusste, habe Jahre später einmal im Bodenkampf zu ihr gesagt: „Die Position gefällt mir gut. Aber nicht auf der Matte, sondern im Bett.“