Pro & Con

Leben in der „Neuen Normalität“ durch Corona

Pro: Charlotte Mattes & Con: Esther Stosch
Medienhaus der EKHN

Nach COVID-19 wird nichts mehr so sein, wie es war, sagen Virolog*innen, Soziolog*innen, Politiker*innen. Die Österreicher haben für das Leben in der Pandemie den Begriff Neue Normalität geprägt. Unser Pro & Con blickt auf die hellen und die dunklen Seiten der neuen Gewohnheiten.

von Charlotte Mattes & Esther Stosch

Der Begriff Neue Normalität ist politisches Kampfwort geworden. Er soll beschreiben, dass wir in der Pandemie eine Normalität entdeckt haben, die nun unseren Alltag prägt. Dazu zählen nicht nur die AHA-Regeln: Abstand, Hygiene, Alltagsmaske. Viele Kleinigkeiten haben sich verändert und unsere Redakteurinnen Charlotte und Esther streiten über die neuen Vorzüge und Nachteile. 

Charlotte Mattes
Medienhaus der EKHN

PRO: Mir fehlt fast nichts – Corona entschleunigt. 

Dieses Virus stellt soziale Kontakte auf den Kopf und löscht körperliche Nähe mit Freunden und der Familie aus, die nicht mit in der Wohnung leben. Heißt: Keine Umarmungen zum Abschied oder zur Begrüßung. Die Nähe fehlt mir und dieser Teil der Neuen Normalität ist unnatürlich.    

Aber sonst tut sie gut: Der Terminkalender ist viel leerer, gerade die Wochenenden sind nicht so voll. Das entschleunigt, während des sogenannten Lock-Downs zwangsläufig, mittlerweile aber auch selbstgewählt. Die Familienzeit hat sich stark ausgeweitet - uns tut das gut. Wir hetzten nicht von Arbeit und Kita zu diversen privaten, ja auch schönen Terminen, sondern machen häufig etwas zu dritt. Wir versuchen das trotz der vielen Möglichkeiten, die es mittlerweile wieder gibt, beizubehalten. Auch weil wir ängstlich sind, uns nicht anstecken möchten und dafür gerne etwas eingeschränkter leben.  

Durch Corona haben wir unseren Hof neu entdeckt. Vorher war neben den Parkplätzen einfach nur ein Fleckchen Wiese. Jetzt ist er unsere Ruhe-Oase, mit Tisch und Stühlen und Rutsche und Schaukel. Nach und nach haben sich einige Nachbarn angeschlossen und so unseren Hof mitbelebt. Wir grillen seitdem manchmal zusammen, treffen uns auf ein Eis oder einen Kaffee und stärken so die Gemeinschaft. Das ist schön und ein positiver Nebeneffekt des „social“ oder „physical distancing“. Auch unser stiefmütterlich behandelter Balkon ist aufgeblüht. Da wir viel Zeit hier verbringen, sprießt und summt es seit diesem Sommer ganz besonders.  

Klar ist es schade, dass der Tanzkurs, das Konzert, diverse geplante kulturelle Veranstaltungen ausfallen müssen. Aber so richtig vermisse ich sie nicht. Außerdem gibt es mittlerweile ja auch diverse digitale Angebote. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich eine zweijährige Tochter habe, die mir mehr als genug Action bietet.  

Für die Veranstalter tut es mir sehr leid, weil es enorm wichtig ist, dass Kultur-Institutionen durch diese Krise nicht in Teilen aussterben. Gerade bei kleinen Theatern und Kinos macht mich das sehr traurig. 

Wir als Familie sind immer noch sehr vorsichtig. Treffen uns auch mit guten Freunden nur draußen, sitzen eigentlich nie in Restaurants und vermeiden öffentliche Verkehrsmittel so gut es geht. Wegen unserer Gesundheit, aber auch, um andere Menschen, insbesondere in der Kita, so gut es geht zu schützen.  

Uns geht es in Deutschland im weltweiten Vergleich so gut und auch deshalb kann ich das Gemeckere über Masken nicht ertragen. Ich finde: Da muss man zurückstecken und jetzt diszipliniert sein und Verantwortung übernehmen. Mit Maske und Abstand und allem was dazu gehört, bis es hoffentlich in naher Zukunft einen Impfstoff gibt. 

Bauklötzchen mit dem Twist zwischen "Newmal" und "Normal"
gettyimages/Dilok Klaisataporn
Rund um die COVID-19-Pandemie haben Politiker*innen und Medien den Begriff der Neuen Normalität geprägt.
Porträt Esther Stosch
Medienhaus der EKHN

Contra: Ich hasse das Leben auf Standby in der Neuen Normalität

Der Geruch eines neuen Buches, das Glücksgefühl einer neuen Liebe oder frisch gewaschen aus der Dusche steigen: In meiner Welt ist das, was neu ist, etwas Gutes. Nicht gut ist für mich: sich zuhause einigeln, drei Tage nicht duschen, weil Homeoffice und keine Konzerte, Freunde oder überhaupt etwas sehen.  

Deswegen gehören die Worte Neue Normalität zu meinen Trigger-Worten. In mir zieht sich alles zusammen, wenn ich realisiere, dass das jetzt alles Alltag ist – kaum eine Freundin, die ich noch in Fleisch und Blut sehe, die Verschwörungsmythologen und jede Begegnung mit dem Gefühl „War das jetzt jemand zu viel?“ wegen der Angst vor Corona.  

Werden wir dieses Trauma als Gesellschaft jemals verarbeiten können? Täglich horche ich bei den aktuellen Fallzahlen auf und bin in Alarmbereitschaft. Dieser ständige Zustand stresst mich. Das mag harmoniesüchtig klingen, aber dann ist das wohl so. Mir gefällt es halt besser, wenn ich dem Menschen hinter mir in der Supermarktschlange nicht sagen muss, dass er bitte mehr Abstand halten soll.  

Mir fehlt sie, unsere „Alte Normalität“: Mir fehlen die Menschenmassen am Mainufer, ein Besuch im Kino oder die kulinarische Vielfalt in Frankfurt. Wehmütig schaue ich auf die fehlenden Verabredungen und denke mir: Weihnachten wird bestimmt der Horror!  

Erstens: Kaum jemand freut sich so sehr auf den Weihnachtsmarkt, wie ich. Ich liebe es, dicht gedrängt zwischen Menschen zu stehen, zu frieren, bis die Füße abfallen und in meinen heißen Glühwein zu pusten.  

Zweitens: Ich bin schon seit einigen Jahren dazu übergegangen weder Socken noch Bücher zu verschenken. Mein Geschenk der Wahl sind Events: Konzertkarten, Krimi-Dinner oder Escape-Room-Spiele. Ich verschenke gerne gemeinsame Zeit. Und nun? Schon das ganze Jahr über schicke ich Konzertkarten zurück. Ich bin frustriert. 

Am liebsten würde ich mich zwischen die Regale im Supermarkt stellen, mit den Füßen aufstampfen und einen Schreikrampf kriegen. Natürlich weiß ich, dass das weder geht, noch hilft, also bin ich still. Eigentlich geht es mir gut: Die Zahlen in Deutschland sind vergleichsweise niedrig und ich wurde auch noch von niemandem angehustet. Ich trage brav meinen Mund-Nase-Schutz, die meiste Arbeit kann ich von Zuhause aus erledigen und auch Freunde und Familie treffe ich in Videokonferenzen. Ich kann nur hoffen, dass die Neue Normalität vorübergeht und wir uns schon bald wieder am Glühweinstand treffen können. 

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