Schule

Deutschrap in den Lehrplan

Pro & Contra: Deutschrapp im Lehrplan
indeon.de
PRO CONTRA
Selina findet Deutschrap gehört in den Unterricht. Emily hält dagegen.

Sollte Deutschrap nicht nur fester Teil der deutschen Musikbranche, sondern auch Teil des Unterrichts sein?

Was in den 1990er Jahren aus US-amerikanischen Ghettos importiert wurde, ist heute spätestens mit dem Song „Bauch Beine Po“ im Mainstream angekommen: Rap

Songs mit Pop-Einfluss wie die von Shirin David gehören dabei genauso zu Deutschrap, wie die „klassischen“ Gangster-Tracks von Bushido und Co. Eins haben die Lieder aber alle gemeinsam: Sie sprechen vor allem Jugendliche an.

Rap ist bei Jugend beliebtestes Genre

Das belegt die aktuelle Sinus-Studie zum Thema „Wie ticken Jugendliche?“. Rap ist das mit Abstand beliebteste Genre bei jungen Menschen: Von Hip-Hop über US- bis hin zu Deutschrap. Die Musik ist laut der Sinusstudie aus dem Jahr 2024 für Jugendliche aus allen Lebenswelten ein ständiger Begleiter.

Pro: Deutschrap gehört in den Unterricht

Selina Gross
Karsten Fink

Besonders deutlich wird das aktuell in Offenbach. Dort fordert der Stadtschulrat, dass Deutschrap, vor allem Songs des Rappers Haftbefehl, fester Teil des Lehrplans wird. Sie haben damit absolut recht

Aktuell dient Schule in unserer Gesellschaft als Vermittlerin von abstraktem Wissen mit Noten nach Standard F. Schon seit Jahrzehnten überholt und unmodern – nicht erst seit dem Erscheinen von KI. Aber guter Unterricht sollte 

  • Lebensrealität abbilden

  • Schüler*innen zur persönlichen Entwicklung anleiten und 

  • sie dazu inspirieren, selbst Neues auszuprobieren

Gleichzeitig benötigen die jungen Menschen mehr Medienkompetenz als je zuvor

Deswegen gehört kritisches Hinterfragen und Empathie auf den Lehrplan.  

All das kann Deutschrap leisten. Die Texte wirken auf den ersten Blick vielleicht vulgär und gewaltverherrlichend. Sie können aber, wenn sie als Kunst angesehen werden, genauso analysiert und interpretiert werden wie Schiller, Fontane und Brecht.

Rapper Haftbefehl trifft voll ins Schwarze

Neben der Analyse von Reimschemen, bietet Deutschrap einen Einblick in tiefe Gefühle. So kann der übertriebene Gebrauch von Kraftausdrücken auch sinnbildlich für den Ausdruck von Wut und Verzweiflung über viel größere Dinge stehen. Das ist zum Beispiel in den Songs der Reihe „1999“ von Haftbefehl so. 

Haftbefehl verarbeitet nach eigenen Angaben in den Songs seine Jugend. Diese war geprägt von Armut, Drogen, den psychischen Problemen durch den Suizid seines Vaters und der Suche nach Orientierung und Zugehörigkeit. Die Songs zeigen seinen Weg von purer Aggression zum Nachdenken über Schuld, Religion und Identität und verbinden so persönliche Erfahrung mit gesellschaftlicher Realität.

Dass diese durchaus schweren Themen von Jugendlichen verstanden, nachempfunden und schlussendlich gehört werden, zeigt: Es beschäftigt sie in ihrem Alltag.

Lehrer müssen begleiten und einordnen

Dieses Interesse kann als regelrechtes Sprungbrett genutzt werden, um mehr Schüler*innen für die Analyse von Lyrik zu motivieren. Etwas, was sonst nur schwer gelingt. 

Interessen der Jugendlichen zu fördern, sie an moderne Analyseformen heranzuführen und zusätzlich wichtige Themen authentisch und nahbar zu behandeln, klingt nach einer Win–Win-Situation.

Junge Menschen hören diese Musik, egal, was auf dem Lehrplan steht. 

Da hilft dann auch kein Jugendschutz mehr. Rapper wie Haftbefehl sind längst Teil der DNA dieser Generation. Also warum sollte Schule sie dabei nicht pädagogisch begleiten? Denn ist es Aufgabe der Lehrperson, die Lyrics und den Rapper dahinter einzuordnen und sich gemeinsam mit den Schüler*innen kritisch damit auseinanderzusetzen.

Das könnte übrigens nicht nur im Deutschunterricht passieren, sondern auch in Fächern wie Musik, Politik oder in einer eigenen Projektwoche.

Wenn Schule Leben abbilden soll, dann gehört auch Deutschrap ins Klassenzimmer.

Es muss ja auch nicht immer Haftbefehl sein. Es gibt auch Interpreten, die über vergleichbare Themen rappen und dabei ohne viele Schimpfworte auskommen. So werden Rivalitäten zwischen Kulturen, Rassismus oder soziale Ungleichheit oftmals ganze Tracks gewidmet.

Zum Beispiel:

  • „Köfte“ von Apsilon
  • „Bomberjacken“ von Ansu
  • „Phoenix“ von AZAD

Das sorgt nicht nur für einen einfachen Zugang, sondern vielleicht auch dazu, dass Schüler*innen mit ähnlichen Problemen sich gesehen und ernst genommen fühlen. Sie bekommen im besten Fall sogar selbst Lust, ihre Geschichte aufzuschreiben.

Contra: Deutschrap gehört nicht in den Unterricht

Emily Nowak
Karsten Fink

Auch ich habe das ein oder andere Deutschrap-Lied in meiner Playlist und singe auf einer längeren Autofahrt oder Party gerne mal den ein oder anderen Text mit.

Problematische Inhalte und Wertevermittlung

Nicht nur Deutschrap vermittelt problematische Inhalte und Werte. Dennoch passt diese Musik nicht in den Lehrplan rein.

Nicht alle, aber eben viele Texte im Genre des Deutschrap greifen Themen auf, die kritisch betrachtet werden sollten.

Antisemitismus und Frauenfeindlichkeit im Deutschrap

Ein gutes Beispiel ist der Song „Jim Beam & Voddi“ der Rapper AK Außerkontrolle und Bonez MC. Der Refrain, sicherlich vielen Jugendlichen bekannt, enthält sexualisierte Darstellungen von Frauen

Und auch der Skandal zur Verleihung des Echos 2018 zeigt problematische Aspekte auf: Die Rapper Kollegah und Farid Bang erhielten den prestigeträchtigen Preis, obwohl ihre Texte antisemitische Aussagen enthalten. Beispielsweise heißt es in ihrem Song „0815“: „Mein Körper definierter als von Auschwitz-Insassen.“

Der Vergleich nutzt ein historisch schlimmes Ereignis als provokatives Stilmittel

Solche Aussagen sollten in einer Schule nicht unreflektiert eine Bühne bekommen. Es stellt sich die Frage: Wie steht so ein Weltbild zu den Werten, die Jugendliche in der Schule erhalten sollen? 

Wo ist da Respekt, Gleichberechtigung oder auch das historische Bewusstsein?

Kontroverses Auftreten in der Öffentlichkeit

Nicht nur in Texten, sondern auch im echten Leben kommt es immer wieder zu Fällen, die das problematische Image vieler Rapper unterstreichen

So wurde der Rapper Gzuz wegen Körperverletzung und dem Verstoß gegen das Sprengstoff- und Waffengesetz zu über acht Monaten Haft verurteilt. Ein weiteres Beispiel hierfür ist der Rapper Samra. In Interviews hat er offen über seine Sucht gesprochen. Kokain, Tilidin und Cannabis spielten während seiner Karriere eine Rolle.

Rapper sind Vorbilder

Rapper sind für viele Jugendliche ihre Vorbilder. Deren reale strafrechtliche Verfehlungen oder exzessive Selbstdarstellung damit auch. Ihre auffälligen Verhaltensmuster tragen sie sowieso schon in den Schulalltag hinein. Sei es in 

  • Sprache
  • Umgangsformen oder
  • der Wahrnehmung von Regeln

Sexistische Begriffe wie „Hure“, „Fotze“ oder „Bitch“ sind im Deutschrap weit verbreitet. Und nicht erst seit einigen Jahren. Eine Textanalyse des Spiegel zeigt, dass mindestens jeder zehnte Rap-Song solche Schlüsselwörter enthält. 

Dieser Sprachgebrauch kann auf Jugendliche abfärben – auf Schulhöfen, aber auch in ihrem alltäglichen Vokabular. Viele verwenden die Begriffe unreflektiert. Sie verstehen nicht, wie verletzend oder abwertend diese wirklich sind. 

Das führt zu Streit und unterläuft auch die Werte, welche die Schule eigentlich vermitteln möchte.

Sprache prägt Verhalten

Wie stehst du zu Deutschrap und aktuellem Hip-Hop in der Schule? Schreib uns deine Meinung via Mail oder über unsere Social-Media-Kanäle: 

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In der Folge werden solche Ausdrücke von Jugendlichen verharmlost, teilweise auch als etwas Witziges oder nicht ernst gemeintes abgetan. So schleichen sich schnell und vor allem unbewusst problematische Denkweisen, wie toxische Vorstellungen über Geschlechterrollen, Respekt und Macht in deren Alltag ein.

Deutschrap ist ein fester Bestandteil der Jugendlichen – viele Songs sind bekannt und werden gerne gehört. Das Genre umfasst Songs, die unterhalten oder aber tiefgründig bewegen. Nichtsdestotrotz gibt es Inhalte und Werte, die nicht einfach in den Lehrplan aufgenommen werden sollten

Ein guter und vor allem reflektierter Umgang ist entscheidend.