Wenn Glaube unter die Haut geht

Tattoos: Christliche Motive in der Kirche stechen lassen

Vanessa aus Mannheim lässt sich in der Kirche ein Tattoo stechen
Angela Wolf

Für den weltweit bekannte Tattookünstler Silas Becks aus Stuttgart sind christliche und religiöse Motive ein ganz besonderes Glaubensbekenntnis.

Tattoos und Kirche passen nicht zusammen? Dabei sind christliche Symbole beliebt und in der Frankfurter Liebfrauenkirche kamen nun beides zusammen. Ich war bei der ausergewöhnlichen Tätowier-Aktion dabei.

In Frankfurt in der Kirche tätowiert

Die Atmosphäre an diesem Abend in der Liebfrauenkirche in der Frankfurter Innenstadt mutet außergewöhnlich an. Unweit des Altars herrscht geschäftiges Treiben. Auf den Kirchenbänken sitzen geduldige Besucher:innen, die auf den Beginn des Gottesdienst warten. Der Eindruck, dass hier etwas nicht zusammenpasst, drängt sich auf.

Instagram-Tattoo-Challenge der katholischen Kirche

Mit einer Folie wird das Tattoo auf die Haut übertragen
epd/Thomas Lohnes
Mit einem Papier wird das Tattoo auf die Haut übertragen.

Gedämpftes Licht. Der Organist spielt sich ein. Rechts vom Altar leuchtet noch der grelle Spot in der Tattooecke. Silas Becks versorgt die zweite Gewinnerin der Instagram-Tattoo-Challenge der Katholischen Erwachsenenbildung (KEB) des Bistums Limburg mit steriler Folie. Er erklärt ihr, sie dürfe die Folie in den kommenden fünf Tage nicht entfernen. Andernfalls drohe eine Infektion.

Vanessa Sas aus Mannheim nickt und erwähnt beiläufig, dass sie das Prozedere von ihren vielen anderen Tattoos kenne. Völlige Routine für die 26-jährige. Corce, Vanessas Freund, steht neben ihr. Ihm hat sie ihr zweites Tattoo an diesem Abend gewidmet:

Woraus immer Seelen gemacht sind, seine und meine sind gleich.

Ein Buchzitat. Vanessa ist überzeugt davon, dass der 31-jährige ihr Seelenverwandter ist. Sie blickt an ihrem linken Arm herab und ist sichtlich gerührt. Das kalligraphische Tattoo aus „Sturmhöhe“ von Emily Brontë ist ein kleines Kunstwerk.

Tattoo stechen lassen in der katholischen Kirche
Angela Wolf

Tattoos segnen lassen

Im anschließenden Gottesdienst werden die Tattoos und das Tättowierwerkzeug gesegnet. Vanessa Sas ist aufgeregt und empfindet das als etwas ganz Besonderes: „Wer kann schon von seinen Tattoos behaupten, sie seien gesegnet? Es ist eine Ehre!“ Auch für Silas Becks ist die Aktion eine Premiere. „Dass mein Equipment heute gesegnet wird, bedeutet mir sehr viel. Es zeigt mir, dass die Kirche meine Arbeit wertschätzt und anerkennt. Den Menschen, die fortan damit gestochen werden, soll nur Positives widerfahren.“

Tattoo Faith
epd/Thomas Lohnes
Das erste Tattoo: Silas Becks hat auf diesen Arm Faith gestochen.

Tätowieren als Tradition im Christentum

Becks ist gläubiger Christ. Er selbst trägt eine tätowierte Bibel auf seiner Brust. Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen und dem Theologen Paul-Henri Campbell hat er den katholischen Bildungsverband der Tätowierer gegründet. „Societas indelebilis“ möchte einen Beitrag zur Entmystifizierung von Tattoos leisten: „Tattoos haben eine jahrhundertealte Tradition im Christentum.“ Becks und seine Mitstreiter:innen ist viel daran gelegen, mit dem Vorurteil aufräumen, Tattoos seien „Teufelszeug“.

Markus Breuer Leitet die KEB des Bistum Limburg. „Den Aufruf unseres Bischofs, wir dürfen experimentieren, nehmen wir sehr ernst. Wir wollen Unterschiedliches ausprobieren, mit außergewöhnlichen Formaten irritieren.“ Breuer findet, dass Tattoos und Kirche durchaus zusammenpassen. Auch wenn heute auf dem Jakobsweg gestempelt werde, „früher waren die Stempel bleibende Tätowierungen.“

Free-Tattoo-Walk-In in der Kirche

Erstmals in Deutschland hat Silas Becks mit der Aktion „FREE-TATTOO-WALK-IN!“ in einer Kirche in Deutschland religioese Motive und Wörter wie Believe, Love und Jesus auf rund 40 Unterarme gestochen. Schon Mittags mussten über 120 Menschen wieder weggeschickt werden. 

Bruder Paulus Terwitte bittet seine Schwestern und Brüder um Verständnis am heutigen Abend. Diese außergewöhnliche und sicherlich irritierende Aktion habe viel Interesse geweckt. In seiner Predigt erklärt er, wir alle, die Getauften, seien gezeichnet, tätowiert. Die Taufe präge den Täufling als Christen oder als Christin. Und dies für alle Ewigkeit. „Dieser Zeitgeist der Tätowierungen ist eine Sehnsucht nach Unvergänglichem. Unser heutiges Dasein ist geprägt von Schnelllebigkeit, Vergänglichkeit und Konsum. Altes wird durch Neues ersetzt. Tattoos bleiben für die Ewigkeit. Das steht im Widerspruch und drückt doch eine Sehnsucht aus.“

Christliche Motive tätowieren lassen

Becks beschreibt Tattoos auch als einen Identitätsausdruck. Lässt sich jemand ein christliches Motiv stechen, sei das ein starkes Statement. „Die Kette mit dem Kreuz kann schnell abgelegt werden. Tattoos dagegen sind da, immerwährend. Sie geben einen Teil des Ichs preis. Und das ist gewollt.“ Becks ist davon überzeugt, viele haben die Form der verbale Kommunikation verlernt. Tattoos sind für Silas Becks eine Art Sprache. Besonders dann, sind sie kalligraphisch umgesetzt.

„Ich habe der katholischen Kirche eine solche Aktion nicht zugetraut“

Die 19-jährige Elena studiert katholische Theologie an der Goethe-Uni in Frankfurt und hat sich eine Sitzung im Walk-in gesichert. Sie ist aufgeregt. „Das ist mein erstes Tattoo.“ Elena hat über die Fachschaft ihrer Fakultät von der Aktion erfahren und war hellauf begeistert: „Und auch ein wenig überrascht. Tatsächlich habe ich der katholischen Kirche eine solche Aktion nicht zugetraut.“

Gemeinsam mit ihrer Cousine kam sie schon sehr früh zur Liebfrauenkirche. Sie wollten sicher gehen, unter die ersten zehn Kandidat:innen zu kommen. Elena setzt sich häufig mit den patriarchalen Strukturen ihrer Kirche auseinander und möchte mit dazu beitragen, dass die katholische Kirche einen Reformprozess durchläuft. Sie lässt sich „Faith“ auf ihren linken Unterarm stechen. Sie vertraut in ihren Glauben und damit auch in ihre Kirche. In alle Ewigkeit.

Braucht Kirche mehr krasse Aktionen?

Was denkst du? Sind Tattoos Teufelszeug oder braucht es viel mehr solche pfiffigen Aktionen, damit Kirche eine Zukunft haben kann? Diskutiere mit uns und diskutier mit der indeon-Community in Social Media bei

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