Gesellschaft

Tiergestützte Therapie: Wie Tiere gegen Depressionen helfen

Die Schildkröte lässt sich streicheln
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Kirsten Christmann litt an einer Depression. Dagegen half ihr Psychotherapie mit einem Border-Collie, vier Pferden und zwei Landschildkröten.

Tiergestützte Therapie kann helfen, einer Depression zu entkommen. Die Hunde, Pferde und Schildkröten von Psychotherapeutin Eva-Maria Barthel aus Katzweiler in Rheinland-Pfalz unterstützen Patient:innen bei der Suche nach Lebensfreude und Ruhe.

Kirsten Christmann sitzt neben Eva-Maria Barthel und schaut über die Pferdekoppel, auf denen sich das Dartmoor-Pony Indie, Quarterhorse-Wallach Armani und die Quarterhorse-Stute Pearl das Heu schmecken lassen. Zwischen ihnen sitzt Border Collie Mikasi und lässt sich das Fell kraulen.

Für Christmann wären solche Momente vor einigen Jahren noch unvorstellbar gewesen. Ein traumatisches Ereignis in ihrer Familie ließ die junge Frau an einer Depression erkranken.

„Ich konnte nicht mehr rausgehen, hab nichts mehr geschafft“

Beim Einkaufen bekam sie Panikattacken. „Ich habe teilweise acht Stunden zu Hause gesessen und habe die Wand angeschaut.“ Nicht mal zur Körperpflege habe sie sich aufraffen können. „Ich habe mich so hiflos gefühlt.“

Kirstens Weg aus der Depression

Geholfen bei ihrem Weg aus der Depression hat ihr schließlich Psychotherapeutin Eva-Maria Barthel. Als Kind wäre sie am liebsten auf einem Bauernhof groß geworden. „Mein größter Traum war immer ein eigener Hund“, sagt Barthel. In der Traumatherapie hat sie sehr früh bemerkt, was Tiere bewirken können. Und so ist heute Border-Collie Mikasi ihr Begleiter und Helfer.

Wie hilft tiergestützte Therapie bei Depressionen?

Tiergestützte Therapien sind psychotherapeutische Angebote, bei denen Tiere gezielt in die Behandlung miteingebunden werden. Der Kontakt zu Tieren kann Ängste reduzieren, Stress abbauen und die Stimmung verbessern. 

Eva-Maria Barthel versorgt die Pferde
Florian Riesterer
Futter für die Tiere

So hilft ein Border Collie bei Panik und Traurigkeit

Für Barthel sind Hunde mit ihrer Eigendynamik Eisbrecher. Bringen mit ihrer Intuition den therapeutischen Prozess häufig auf Wege, „die ich alleine als Therapeutin gar nicht gegangen wäre“.

Mikasi bringt mich sofort runter, gibt mir sofort Rückmeldung, reagiert immer wertfrei, vorurteilsfrei, erwartungsfrei, intuitiv“, zählt Kirsten Christmann auf. „Das fühlt sich so nahe an, der Hund reagiert immer richtig. In manchen Momenten habe Eva-Maria Barthel gar nichts sagen müssen. „Ich habe einfach mit dem Hund dagesessen und geweint. Die Kraft, den Schutz und die Stärke des Hundes spüren zu können, löse in diesen Momenten einfach „Glücksgefühle und Geborgenheit“ aus.

Ich habe zum ersten Mal wieder lachen können

Christmann erzählt von einem therapeutischen Spaziergang, bei dem Mikasi in einen kleinen Bach gesprungen war. „Schuhe aus und rein“, habe ihre Therapeutin empfohlen. „Das war die größte Freude, hat mich im tiefsten Kern erreicht“, sagt Kirsten Christmann heute über diesen Moment mit hochgekrempelten Hosen und Hund im kalten Wasser. Dieses Gefühl habe sie nach Hause mitnehmen können. Gereicht habe kaltes Wasser auf den Handgelenken und die Erinnerung, „um mich rauszuholen und zu erden“.

Im Gehege der Schildkröten
Florian Riesterer
Im Gehege der Schildkröten

Therapie-Pferde geben Selbstwertgefühl

Um die tiergestützte Psychotherapie zu erweitern, hat die Therapeutin im vergangenen Jahr auf dem Kühbörncheshof, einer einstigen mennonitischen Siedlung bei Katzweiler in der Pfalz, einen Hof mit einem 15 Hektar große Gelände gekauft. Christmann lernte hier unter anderem Therapiepferd Armani kennen.

Dieses Pferd gibt einem den größten Schutz. Man denkt in dem Moment wirklich niemand auf dieser Welt kann mir was Böses antun“, sagt die junge Frau. Gleichzeitig gaben die Tiere ihr Selbstwertgefühl. „Ich habe mich früher klein gefühlt.“

In der Therapie habe sie ein Pferd führen sollen. Die Tiere reagieren auf Körpersprache. Und auf einmal seien zwei Tiere hinter ihr hergelaufen. „Da habe ich gemerkt. Ich kann das. Ich kann was. Das konnte ich auf mein Leben übertragen.“

Die Pferde wiederum reagieren auf Spannungszustände der Patienten, schildert Barthel. „So können sie spiegeln und Prozesse ins Erleben bringen, über die wir sonst vielleicht nicht gesprochen hätten.“ In der Therapie setzt sie auch Geräusche wie Hufgetrappel ein, die Patientinnen oder Patienten als wohltuend empfinden können.

Der Kontakt zu den Tieren baut Spannungen ab
Florian Riesterer
Der Kontakt zu den Tieren baut Spannungen ab.

Landschildkröten helfen gegen Erschöpfungsdepression

Christmann hat auch zwei weitere Bewohner auf dem Therapiehof kennengelernt, die afrikanischen Landschildkröten Donatello und Leonardo. Mit ihren bedächtigen Bewegungen können sie dabei helfen, sich selbst mit den eigenen Gefühlen wahrzunehmen.

Ich habe gespürt, wie sich mein Puls verlangsamt, ich zur Ruhe komme, meine Atmung sich reguliert“, sagt Christmann. „Man kann total runterfahren.“ Für Barthel ist das ein großer Pluspunkt der beiden 80 Kilogramm schweren Tiere.

„Wir leben in einer Gesellschaft, da geht es ganz viel um Beschleunigung, um Zeit, um Leistungsorientierung.“ Viele kämen mit einer Erschöpfungsdepression zu ihr. Die Schildkröten entschleunigten diesen Alltagsprozess.

Was sagt die Forschung zur tiergestützten Therapie?

Alina Kamenz
Florian Riesterer
Alina Kamenz schreibt ihre Masterarbeit über tiergestützte Therapie.

Studien belegen inzwischen, dass im Kontakt mit Hunden das sogenannte „Kuschelhormon” Oxytocin sowie das „Glückshormon” Serotonin ausgeschüttet wird, sagt Alina Kamenz. Dazu kämen psychosoziale Aspekte, die Depressionen vorbeugen, weil Tiere etwa dazu bewegen, das Haus zu verlassen.

Insgesamt sei die Forschung hier aber noch relativ am Anfang, sagt Kamenz. Die Studentin an der Universität des Saarlandes schreibt gerade ihre Masterarbeit in Klinischer Psychologie und Psychotherapie über tiergestützte Therapie, will Forschungslücken sichtbar machen. Herausfordernd, so Kamenz, sei die Finanzierung eines Therapietiers über die Krankenkassen.

Mit Hund Mikasi auf der Wiese
Florian Riesterer
Streicheleinheiten für Hund Mikasi

Hilfe bei Depressionen

Probleme und Krisen, von Mobbing über Sucht, Krankheit, Einsamkeit, Sinnkrisen, bis hin zu Suizidalität können jeden Menschen treffen. Hilfe gibt es unter anderem bei der Telefonseelsorge Deutschland.

Per Telefon unter 0800 1110111 oder 0800 1110222 sowie per per Mail und Chat unter online.telefonseelsorge.de

„Tierschutz an oberster Stelle“

Dass es irgendwann noch weitere Tiere auf ihrem Therapiehof geben wird, darauf will sich Barthel nicht festlegen. Riesenschnecken, Esel, junge Kälber, Schweine, Ziegen: im Bereich der Therapietierforschung ist das Feld groß. „An erste Stelle steht für mich aber der Tierschutz“, betont die Psychotherapeutin. So haben etwa die Pferde regelmäßig Pausen, sind nie mehr als zwei Mal am Tag im Einsatz.

Christmann bringt den Pferden mit einer Schubkarre Heu auf die Koppel, verteilt Karotten als besondere Leckerbissen. „Ich wusste nicht, wer ich bin“, sagt die junge Frau mit Blick auf ihr altes Ich. Diese Person von damals gehöre zu ihr dazu, sonst wäre sie nie dort gelandet, wo sie jetzt stehe. „Stärker und größer.“

Offener Umgang mit Erkrankungen

Auch deshalb appelliert die junge Frau an alle Menschen, mit einer psychischen Erkrankung offen umzugehen. „Ich hol mir doch auch Hilfe, wenn ich ein gebrochenes Bein habe oder eine schlimme Erkältung, dann kann ich mir doch auch bei einer gebrochenen Psyche oder Seele Hilfe holen.“ Für Christmann, die inzwischen einen eigenen Hund hat, ist klar: Man muss nicht in dieser Situation bleiben, kann die Welt wieder zu schätzen wissen. „Ich kann wieder glücklich werden.“

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