Reittherapie

Angst erlaubt: Pferde helfen bei psychischen Erkrankungen

Gundula Stegemann

Angst und Depressionen belasten Menschen extrem. In Niederselters verbringen sie Zeit mit Pferden. Das soll helfen. Denn für den Umgang mit den großen Tieren braucht es ganz schön Mut.

Von Gundula Stegemann

„Es ist so schön hier.“ Begeistert zeigt Zoe mit den Händen über das Gelände mit Pferdekoppeln, dem Stall, der Reithalle – und natürlich mit den Pferden. „Ich freu mich immer auf den Dienstag. Wenn ich bei den Pferden war, bin ich danach immer ausgeglichen. Dann geht es mir richtig gut.“ 

Tiergeschützte Therapie in Niederselters

Zoe ist zum vierten Mal mit einer kleinen Gruppe von drei Frauen von der Tagesstätte des Psychosozialen Zentrums des Diakonischen Werks Limburg-Weilburg bei der Reittherapeutin Ulrike Schmitz. Es ist der Jakobshof in Niederselters. Der Umgang mit den Pferden klappt bei Zoe. Insbesondere Banjo, den jungen Appaloosa-Wallach, hat sie in ihr Herz geschlossen. Schon beim Putzen scheint sich Banjo zu freuen, dass sie wieder da ist – ein gutes Gefühl, findet Zoe. Diesmal soll sie ihn nicht nur am Zügel durch das Gelände führen, heute geht es in die Reithalle. 

Gundula Stegemann
Reittherapeutin Ulrike Schmitz (rechts) und Sylvia Schenk (links) vom Diakonischen Werk Limburg-Weilburg.

Immer dabei: Ulrike Schmitz, die mit ihren Pferden Gareth und Banjo eine tiergestützte Therapie anbietet. Sie begleitet Zoe im Umgang mit Banjo, zeigt ihr Aufgaben, die er allein oder mit Zoe gemeinsam absolvieren soll. Es klappt. Wie ein eingespieltes Team bewältigen sie den Parcours. Und endlich ist es soweit: Zoe traut sich aufzusteigen und auf Banjo zu reiten. 

Viele Teilnehmenden haben Gewalt erlebt

„Das Glück dieser Erde…“ – so heißt auch das Projekt, das Sylvia Schenk vom Psychosozialen Zentrum des Diakonischen Werks Limburg-Weilburg organisiert hat. Fünf Wochen lang begleitet sie jeden Dienstag jeweils drei bis vier Teilnehmer zum Reiterhof. „Die meisten Menschen, die unsere Tagesstätte besuchen, haben seit vielen Jahren eine chronische psychische Erkrankung und sind daher nicht mehr oder längerfristig nicht arbeitsfähig“, erklärt sie. Es seien viele Diagnosen vertreten: von Angststörungen, Depressionen über Persönlichkeitsstörungen und Psychosen bis hin zu Zwangserkrankungen. Oft bestehen traumatische Erfahrungen durch Gewalt und Missbrauch.

Aufgrund ihrer Erkrankung und der damit verbundenen Erfahrungen haben viele der Klienten ein stark herabgesetztes Selbstwertgefühl. Häufig komme noch soziale Isolation hinzu zusammen mit einem meist sehr niedrigen Einkommen auf Grund einer Erwerbsminderungsrente oder Grundsicherung, was dazu führt, dass die Klienten nur wenig am sozialen Leben teilnehmen können.

Auf die Therapie mit Hunden folgten Pferde

„Dass der Umgang mit Tieren eine positive Wirkung auf Menschen und gerade auch auf psychisch belastete Menschen hat, ist ja inzwischen allgemein bekannt“, sagt Sylvia Schenk. Vor zwei Jahre war Ulrike Schmitz mit ihren Therapiehunden für ein Projekt in der Tagesstätte. Dieses Angebot wurde von den Klienten sehr gut angenommen.

Es stellte sich heraus, dass die hauptberufliche Krankenschwester in einer psychiatrischen Klinik zusätzlich eine Ausbildung zur Reittherapeutin beginnen wollte. Da sie selbst begeisterte Pferdebesitzerin ist, seien sie sich schnell einig gewesen, dass Therapie mit Pferden ihr nächstes gemeinsames Projekt werden würde, sobald Schmitz ihre Ausbildung abgeschlossen hat. 

Gundula Stegemann
Zoe und ihr Lieblingspony Banjo.

Einem Pferd ist der soziale Status und das Aussehen egal

Sylvia Schenk

Umgang mit Pferden erfordert Mut

„In unserem Projekt geht es nicht in erster Linie ums Reiten, sondern um den Kontakt und den Umgang mit dem Pferd“, so Schenk. „Pferde sind sensible Tiere. Trotz ihrer Größe reagieren sie auf kleinste Gesten und spiegeln so das Verhalten ihres Gegenübers wider. Einem Pferd ist der soziale Status und das Aussehen egal, es verlangt die volle Aufmerksamkeit im Hier und Jetzt, so dass keine Zeit bleibt, sich in negativen Gedanken zu verlieren.“ 

Die meisten Klient*innen hatten bisher kaum Kontakt zu Pferden. Sich an so ein großes Tier heranzutrauen, erfordert von ihnen Mut und stärkt das Selbstwertgefühl. 

Das weiche Fell, die weiche Nase zu spüren, wirkt sich positiv auf das eigene Körpergefühl aus, denn viele Klienten beschreiben Probleme „sich selbst zu spüren“. Gleichzeitig müssen sie sich auf das Pferd und sein Verhalten konzentrieren und klare Anweisungen geben, damit das Pferd entsprechend reagiert.