Kuh-Kuscheln

Kühe knuddeln gegen Stress

Eine Frau streichelt eine Kuh
epd-Bild/Joern Neumann
Kuschel-Stunde mit Ochse Valentino auf dem Bauernhof von Familie Eschmann im nordrhein-westfälischen Nümbrecht.

Bauernhöfe wie der von Familie Eschmann bieten Kuh-Kuscheln an. Das entspannt, sagen Experten. Unsere Redakteurin Carina war dabei!

„Hallo Schatz“, begrüßt Anja Engel-Wilges die Kuh Isabella. Vorsichtig stapft die 51-Jährige durch das Stroh und hockt sich neben das Tier, das alle liebevoll Bella nennen. Mit einem zufriedenen Schnauben legt Bella ihren Kopf auf den Schoß von Anja.

Die beiden kennen sich schon eine Weile. Seit 2016 kommt die Frührentnerin zweimal im Jahr auf den Hof von Familie Eschmann nahe der oberbergischen Stadt Waldbröl, rund 60 Kilometer östlich von Köln.

Wir möchten zeigen, dass Kühe nicht nur Nutztiere sind.

Melanie Eschmann

Kuhkuschel-Kurse und Zelten auf der Weide

„Die Kühe genießen das einfach“, sagt Melanie Eschmann, die sich am Scheunentor anlehnt. Ihre Familie bietet seit acht Jahren „Kuhkuschel-Kurse an. Sogar Zelten auf der Kuhweide ist möglich. „Wir möchten zeigen, dass Kühe nicht nur Nutztiere sind, sondern auch eine beruhigende Wirkung auf Menschen haben“, betont die Bäuerin.

Lust auf Kuh-Kuscheln?

Hier kannst du einen Termin bei Familie Eschmann vereinbaren! 🐄

Der Trend kommt ursprünglich aus den Niederlanden („Koe-Knuffelen“). Auch in Hessen, der Eifel, im Sauerland und im Allgäu sowie in Österreich und der Schweiz setzen Bauern auf das Konzept.

Wenn Menschen ein Tier streicheln, wird das Hormon Oxytocin ausgeschüttet.

Therapeutin Angela Zimmermann

Kuh-Kuscheln hilft gegen Stress

Kuhkuscheln ist mehr als eine nette Freizeitaktivität, so sieht es Therapeutin Angela Zimmermann. Die Begegnung mit Kühen helfe tatsächlich gegen Stress. Wenn Menschen ein Tier streicheln, werde das Hormon Oxytocin ausgeschüttet, erklärt die Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Tiergestützte Therapie. Das Wohlfühlhormon sei ein Gegenspieler von Stresshormonen. Das ständige Wiederkäuen der Kühe habe zudem etwas Meditatives.

Die Kuhkuschlerinnen Arlette und Yvonne Pandolfi kommen aus Köln. Die zwei streicheln gerade neben Bellas Stall die Jersey-Ochsen Bambi und Valentino. Mutter und Tochter arbeiten in einem Familienunternehmen. Die 39-jährige Arlette war schon einmal bei den Eschmanns. Sie ist beruflich viel unterwegs, wie die Geschäftsfrau erzählt. Nach dem Kuhkuschel-Kurs sei sie noch Tage danach entspannt gewesen.

Heute hat sie es sich neben Bambi im Stroh bequem gemacht, trägt rosafarbene Marken-Gummistiefel, dazu passende Handschuhe und Mütze. Die Kuhfladen um sie herum scheinen die modebewusste Frau nicht zu stören. „Du bist so schön“, flüstert sie Bambi ins Ohr, „und so flauschig!“

Wissenswertes über Kühe inklusive

„Kühe sind immer ein bis zwei Grad wärmer als Menschen“, erklärt Chefin Eschmann, die gerade Ochse Valentino über den Rücken oberhalb des Schwanzes krault. Das mögen die Tiere besonders gern, wie sie sagt. Bei jeder Kuschel-Stunde erfahren die Teilnehmenden auch etwas über die Tiere. Zum Beispiel, dass sie manchmal richtig eifersüchtig aufeinander sind. Etwa, wenn die eine mehr Streicheleinheiten bekommt als die andere. 👹

Was Melanie außerdem betont: Bitte nicht einfach so auf irgendeine Kuhwiese gehen. Das sei gefährlich. Nicht jede Kuh sei verschmust. Die Herde von Familie Eschmann sei mit Menschen groß geworden und entsprechenderzogen“, wie die Bäuerin klarstellt.

Nicht ganz ungefährlich!

Tochter Laura Eschmann steht währenddessen am Gatter und ermahnt die Kuschel-Gäste immer wieder: „Auf die Füße aufpassen!“ - „Aua, das war mein Schienbein!“, schimpft wenig später Kuhkuschlerin Anja, die inzwischen ebenfalls zu Bambi im Stall nebenan gewandert ist und sich rücklings an den Kuhkörper lehnt. Bambi hatte sich mit seinen mehreren hundert Kilogramm an ihr Bein gelehnt.

Bitte nicht nachmachen!

@All: Auch wenn es vielleicht verführt: Bitte nicht nachmachen und einfach so auf irgendeine Kuhwiese gehen. ☝️  Nicht jede Kuh ist verschmust. Die Herde von Familie Eschmann ist mit Menschen groß geworden und entsprechend erzogen“. 

So richtig böse kann Anja dem Tier jedoch nicht sein. „Diese Ruhe finde ich nirgendwo“, schwärmt sie schon wieder. Leise zieht die Tiernärrin ihre Digitalkamera aus der Jackentasche und macht ein paar Selfies mit der Kuh.

Heiratsantrag auf der Kuhwiese

Die Liebe zu Tieren haben alle Teilnehmer und Teilnehmerinnen gemeinsam. Die Gruppen, die zum Kuhkuscheln auf den Hof kommen, sind ansonsten bunt gemischt, wie Malenie berichtet: Es sind Trauergäste, Menschen mit Burn-out oder ADHS, Schulklassen, Kindergarten-Gruppen. Auch Junggesellenabschiede und einen Heiratsantrag habe es schon gegeben.

Die Kosten für tiergestützte Therapie, zu der sich das Kuhkuscheln zählen lässt, werden nicht von der Krankenkasse übernommen. „Leider“, sagt Tiertherapeutin Zimmermann. Es fehlten einheitliche Qualitätsstandards sowie eine staatlich anerkannte Ausbildung: Jeder kann sich „Tiertherapeut“ nennen. Verbände arbeiteten daran, Richtlinien zu entwickeln.

Nach dem Kuhkuscheln zur Vegetarierin

Die Begegnung mit den Kühen hat bei Arlette neben der Entspannung noch etwas anderes ausgelöst: Sie verzichtet seitdem auf Rindfleisch. „Und du hast es geliebt, Steak zu essen“, erzählt ihre Mutter später im Campingwagen. Hier wärmen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit Kaffee und Kuchen auf. Auch Therapeutin Zimmermann erhofft sich durch Angebote wie Kuhkuscheln ein Umdenken und mehr Respekt für Nutztiere: „Kühe sind nicht nur Milch und Fleisch.