Serie Mutmacher: Soziale Tiernothilfe

Video: Tierärzte behandeln Haustiere armer Menschen

Lautes Bellen hallt durch die Gänge in der B-Ebene der Frankfurter Hauptwache. Wie jeden ersten Samstag im Monat hat eine Gruppe ehrenamtlicher Tierärzte ihre Behandlungstische aufgebaut. Ihre Patienten sind Haustiere von Menschen, die sich einen normalen Tierarzt-Besuch nicht leisten können.

Mojo fletscht die Zähne. Dem Hund gefällt es überhaupt nicht, dass Ärztin Meike Dewein an seine Weichteile will. Die junge Ärztin ignoriert sein männliches Gehabe und tastet vorsichtig ab. 

„Eigentlich wollten wir nur zum Impfen kommen“, erzählt Frauchen Yvonne Letsch und seufzt. Dabei bleibt es wohl nicht. Denn wie Ärztin Meike Dewein feststellt, ist der 9-jährige Hund nicht kastriert. Das scheint aber nötig. Mojos Geschlechtsteil ist ungewöhnlich rot. Offenbar entzündet. 

Frauchen Yvonne Letsch ahnt Schlimmes. Meike Dewein zückt ihr Handy und tippt etwas in den Taschenrechner. „Mit allen drum und dran sind das um die 350 Euro“, spricht sie schließlich die befürchtete Botschaft aus. Sofort ergänzt sie: „Das können sie in Raten zahlen.“ Yvonne Letsch überlegt kurz. Doch sie will das Geld lieber sparen, wie die 41-jährige Frührentnerin aus Frankfurt erzählt. „Es tut ihm ja weh“, sagt sie und schaut ihren Vierbeiner mitleidig an. 

Die Tiere sind in der Regel die einzigen Sozialpartner der Menschen

Fritz Merl

Maja Firlé hat sich um Tiere von Punks gekümmert

Meike Dewein ist eine der insgesamt vier Tierärztinnen und Tierärzte, die sich im Verein „Soziale Tier-Not-Hilfe Frankfurt e.V. “ engagieren. Jeden ersten Samstag im Monat stehen sie ab mittags in der B-Ebene der Bahnhaltestelle Frankfurter Hauptwache und versorgen die Tiere armer Bürger*innen. 

Die Idee zum Verein hatte Maja Firlé 2008. Die 52-jährige Tierärztin aus Belgrad hatte sich schon seit Jahren gefragt: Wie kann man Leuten helfen, die sich die Kosten für den Tierarzt nicht leisten können? Sie beschloss, zu handeln und versorgte die Tiere der Frankfurter Punks.

Das sorgte jedoch schnell für Probleme, wie die Ärztin mit fransiger Kurzhaarfrisur und Leder-Rock in ihrer Praxis am Frankfurter Westbahnhof kurz vor dem Einsatz erzählt. Medizinische Leistungen ohne dafür Geld zu nehmen – das passte der Tierärztekammer überhaupt nicht. Ab sofort zahlte der Verein die Rechnungen. 

Tierhalter müssen Notlage beweisen

Ganz umsonst sind die Behandlungen in der Tiersprechstunde an der Hauptwache nicht. Zehn Euro muss jedes Frauchen oder Herrchen zahlen. Eine Untersuchung ist nur möglich, wenn die Hilfesuchenden ihre Notlage beweisen können. Also etwa durch das Vorzeigen eines Rentenbescheides.

Die meisten der Frauen und Männer, die das Angebot wahrnehmen, sind Rentner*innen, arbeitslos, obdachlos oder kommen aus der Punk-Szene. Wenn ein Fall zu kompliziert ist und vor Ort nicht machbar ist, erhält der oder die Halterin einen Überweisungsschein. Dann führt Maja Firlé die Behandlung in ihrer Praxis fort. Auch hier übernimmt der Verein die Kosten.

Spritzen und Medikamente im Koffer dabei

Die emsige Ärztin ist auf dem Sprung. Es ist längst nach Mittag. Jetzt muss es schnell gehen. Maja Firlé hievt einen schwarzen Roll-Koffer auf den Behandlungstisch. Mit gezielten Handgriffen zieht sie Spritzen, Medikamente und Verbände aus den Schränken und wirft sie in den Trolli. Die Zeit drängt: Um 13 Uhr stehen die ersten Patienten an der Hauptwache Schlange. Viele der Medikamente erhält das Team von Spendern. „Meistens, wenn die Tiere gestorben sind“, sagt Firlé.

Tiernothilfen auch in Köln und Berlin

Ähnliche Konzepte wie dir Tiernothilfe gibt es zum Beispiel in Hamburg, Köln, Düsseldorf, Berlin, Dortmund, Saarbrücken und Leipzig. 

Der Tod des geliebten Vierbeiners – auch für Manfred Meisel die Horrorvorstellung schlechthin. Der 50-Jährige Frankfurter ist mit seiner Hündin Kaschira regelmäßig in der Tiersprechstunde.  Manfred sitzt im Rollstuhl, hat wegen einer Krebserkrankung nur noch ein Bein. „Kaschira ist mein Leben“, betont der Mann.

Dankbare Herrchen und Frauchen 

„Die Tiere sind in der Regel die einzigen Sozialpartner der Menschen“, erklärt Fritz Merl. Der Arzt und ehemaliger Leiter des Frankfurter Veterinäramtes steht Maja Firlé seit zehn Jahren zur Seite. Damals las er einen Artikel über das Projekt in der Zeitung und war sofort begeistert. „Ich will einfach was zurückgeben“, betont der Mediziner. Der Dank der Menschen komme aus tiefsten Herzen. Das treibe ihn bis heute an. Besonders freut es ihn, wenn andere Städte nachziehen. 

Maja Firlé und ihr Team freuen sich zwar über die Geldspenden vieler Tierfreunde, vermissen aber die Unterstützung von Seiten der Stadt Frankfurt. „Darauf warte ich seit 13 Jahren“ resümiert Firlé nüchtern. Mehrmals habe sie angefragt, ihre Schreiben blieben unbeantwortet, wie sie erzählt. 

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Tiernothilfe sucht Helferinnen und Helfer

Geld spenden viele, aktive Mitglieder zu gewinnen, sei deutlich schwerer, erzählt Andreas Hodes, der mit einer Spendenbüchse im Hauptwache-Trubel steht. Der 55-Jährige ist seit fünf Jahren Mitglied im Verein. Der Hundeliebhaber freut sich, dass heute wieder so viele Menschen da sind. Gleichzeitig betrübt ihn das Bild: „Es ist traurig, dass in so einem reichen Land wie Deutschland, so viele Menschen auf Hilfe angewiesen sind.“ 

Langsam lichtet sich die Schlange vor der mobilen Tierarztpraxis. Christian ist immer noch da. Der 45-Jährige steht am Rand, lehnt sich am Geländer an. Der Frankfurter ist arbeitslos. Mit dem Arbeiten habe er nie so richtig angefangen. Seine Eltern sind früh gestorben, Hündin „Meedchen“ ist der seine einzige Partnerin, wie der große Mann mit breiten Schultern niedergeschlagen erzählt.

Christian wartet noch auf die Medikamente für sein „Meedchen“. Er ist öfters hier, vertreibt sich die Wartezeit mit Gesprächen unter anderen Frauchen und Herrchen. Ärztin Firlé drückt ihm eine Medikamentenpackung in die Hand. Christian hält ihre Hand kurz fest. „Ich bin so dankbar“, sagt er. „Alleine die Medikamente kosten normalerweise mindestens 50 Euro. Das ist so toll, Gell, Maus?“ „Meedchen“ schaut ihr Herrchen zufrieden an.