Gesellschaft

Unterordnung als Lifestyle: So normalisieren Tradwives Abhängigkeit

Gleichstellungsbeauftragte Laura Moser
Florian Riesterer
Sieht hinter dem tradwife-Trend eine politische Agenda: Laura Moser.

Konservative Frauenbilder waren nie weg, sagt Laura Moser. Was sie am Tradwife-Trend stört und Mikrofeminismus im Alltag bedeutet, erklärt die Gleichstellungsbeauftragte der pfälzischen Landeskirche.

Die Frau kümmert sich um Kinder und Haushalt, der Mann verdient das Geld und trifft die Entscheidungen. Als „Tradwives“ vertreten Influencerinnen traditionelle Geschlechterrollen.

Wo kommt dieser Trend her, warum ist er erfolgreich, fragt sich Laura Moser, Gleichstellungsbeauftragte der pfälzischen Landeskirche. Vor allem aber, was ist die Folge der kurzen Videos, in denen Frauen mit Kittelschürze am Herd stehen oder dem Gatten die Hemden aufbügeln?

Suchergebnisse bei Instagram mit dem Begriff „Tradwives“
Florian Riesterer

Im indeon-Interview spricht die 34-Jährige außerdem über Hass im Netz, Mikrofeminismus im Alltag und warum sie bei der Musterung keine Geschlechterunterschiede machen würde.

Das Rollenbild „Frau am Herd“ kommt zurück

Auf Social Media kümmern sich Influencerinnen als „Tradwives“ um Kinder und Küche, ordnen sich den Wünschen des Mannes unter. Warum feiert dieses konservative Rollenbild dort Erfolge?

Laura Moser: Diese Rollenbilder waren nie weg. Sie bekommen jetzt nur neue Aufmerksamkeit. Menschen suchen in Zeiten der Unsicherheit Halt. Das ist häufig die Familie oder das nahe Umfeld. Im Krieg mussten Frauen erwerbstätig sein, waren autonomer.

In der Nachkriegszeit hat die Politik versucht, hier klare Verhältnisse zu schaffen, Frauen zurück an den Herd zu schicken, zu „entlasten“. Und jetzt sind wir erneut in unsicheren Zeiten… Aber ich finde das gefährlich, wenn das solche Aufmerksamkeit bekommt.

Wo siehst du die Gefahr?

Laura Moser: Das ist eine auf Abhängigkeit basierende Beziehung zwischen Mann und Frau, aus der wir uns über Jahrhunderte hinweg versuchen zu emanzipieren. Schwierig wird es, wenn das verabsolutiert und gesagt wird: Wenn ihr das so macht, geht es euch gut.

Das ist gerade das Gefährliche an Tradwife. Und dass häufig eine politische Agenda dahintersteckt – eine Hierarchie zwischen Frauen und Männern. Das ist nichts Positives, sondern eine Unterordnung der Frau. Und das ist gefährlich.

Laura Moser erklärt, wann es schwierig wird

Offen sein für queere Familien

Die Frage ist ja, ob Influencerinnen das glauben oder nur als Geschäftsmodell betreiben…

Laura Moser: Wenn die Frau sagt, ich bin eine nicht erwerbstätige Hausfrau, kümmere mich nur um Mann und Kind, aber das kapitalisiert als erfolgreiche Influencerin, ist sie Unternehmerin. Und dann wird ja die Carearbeit oder das Influencerinnen-Dasein als Arbeit nicht wirklich ernst genommen.

Aber es ist ein Beruf, auf Social Media mit großer Reichweite so aktiv zu sein, dass man Geld verdienen kann. Umgekehrt wertet das alle Menschen ab, die Hausarbeit, Kinderbetreuung und Beruf unter einen Hut bringen müssen.

Welchen Anteil hat Kirche am konservativen Frauenbild?

Laura Moser: Ich würde nicht am Frauenbild ansetzen, sondern am Familienbild. Die bürgerliche christliche Kernfamilie ist das eigentliche Problem

  • Mama
  • Papa
  • zwei Kinder

Mama macht die Hausarbeit, Papa versorgt die Familie. Das ist ein Bild, das Kirche verbreitet hat. Kirche müsste offener sein für vielfältige Familienformen, auch für queere Familien oder Alleinerziehende.

Sprache verrät patriarchales Denken

Männer- und Frauenbilder drücken sich in Sprache und Verhalten aus. Was machst du, um im Alltag den Finger in die Wunde zu legen?

Laura Moser: Mir stockt der Atem, wenn eine weibliche Person sagt: Ich bin Jurist, ich bin Steuerberater. Je nachdem, wie ich den Raum lese, „korrigiere“ ich dann. Kürzlich habe ich mich über ein Formular angemeldet und konnte nur „Frau“ oder „Mann“ auswählen.

Ich habe nichts angeklickt, weil es Personen gibt, die nichts hätten wählen können. Und dann hab ich in den Kommentar geschrieben: Hey, ich konnte nur Mann oder Frau auswählen, divers war nicht da.

Was bewirkt das?

Laura Moser: Die Leute werden sensibilisiert. Wir machen das ja alle nicht aus einem bösen Willen heraus. Wir sind patriarchal sozialisiert, wir kennen das nicht anders.

 

Frauen bei Musterung gleichbehandeln

Für Frauen soll die Beantwortung des Fragebogens zur Musterung freiwillig sein. Deine Meinung?

Laura Moser: Wenn wir sagen, Männer und Frauen sind gleichberechtigt, dann auch hier. Warum sollten Frauen bei der Musterung anders behandelt werden? Das Bild ist ja dann wieder: Frauen können Kinder gebären und die Männer gehen an die Front in den Kampf oder zur Erwerbsarbeit.

Wie stehst du dazu? Schreib uns deine Meinung per Kommentar oder DM auf Social-Media: 

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Du bist Ansprechpartnerin für queere Menschen, gegen die grade im Internet viel gehetzt wird. Wächst der Hass?

Laura Moser: Ich vermute, dass vieles jetzt gesagt wird, was vorher nicht so laut kommuniziert wurde. Und queere Menschen können jetzt offener leben. Noch bis in die 1990er-Jahre war diese Lebensweise kriminalisiert. Jetzt muss die Gesellschaft erst lernen, damit umzugehen.

Welche Aufgabe hat Kirche dabei?

Laura Moser: Ich finde gerade Kirche muss da laut sein. Wenn Kirche sagt, wir haben eine Verantwortung für alle Menschen, dann natürlich auch dort. Aber nicht in dem Sinn, dass man sagt, wir beschützen euch, sondern fragt: Was braucht ihr?