Gefährliche Mythen

Ursachen von Verschwörungsideologien

Aluhutträger
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Impfgegner, Chemtrail-Gläubige, Antisemiten: Menschen, die überall geheime Machenschaften mächtiger Fieslinge wittern, sind gerade während Corona wieder sichtbar. Sogenannte Verschwörungstheorien haben weniger mit äußeren Ursachen als mit dem Innenleben der Verschwörungsgläubigen zu tun.

Corona gibt es gar nicht, Impfungen sind eine Erfindung der Pharma-Industrie und Deutschland ist gar keine Republik. Diese Mythen und Geschichten bieten einfache Erklärungen und sind als Verschwörungstheorien bekannt.

Dieser Verschwörungsglauben ist nicht harmlos, sagt Bernd Harder. Er ist Chefreporter des Magazins „Skeptiker“ und erklärt: „Sie konstruieren Feindbilder und sie radikalisieren Menschen.“ Das Internet ist voll von Behauptungen wie jener, dass „Chemtrails“ die Menschheit vergifteten, die von Flugzeugen versprüht würden, oder dass Politiker die deutsche Bevölkerung durch Muslime austauschen wollten.

Wie du einen Verschwörungstheoretiker erkennst

Harder kennt sich als Mitglied der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) gut mit dem Thema aus. Er erklärt, an welchen Aussagen du Verschwörungsgläubige erkennst:

  • Behauptung, eine kleine Gruppe wolle allen anderen Menschen schaden.
  • Die Aussagen haben einen starken Appellcharakter - beispielsweise: „Die Menschen sollten doch bitteschön endlich aufwachen und sich wehren.“
  • Keine Bereitschaft, die eigenen Positionen zu überdenken, wenn die Logik gegen sie spricht.
  • Die Abwesenheit von Beweisen wird als Beweis interpretiert - weil ja angeblich die Mächtigen die Suche nach der Wahrheit behindern und Beweise unterdrücken.

Unterschied zwischen kritischem Denken und Verschwörungsglaube

Der "QAnon"-Glaube

„QAnon“ ist nach den Worten des Weltanschauungs-Beauftragten  Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, Matthias Pöhlmann,  ein sektenartiger Verschwörungsglaube.  Seit Oktober 2017 verbreitet er sich in vielen Varianten.

Demnach kämpfe der US-Präsident Donald Trump als Erlöser gegen ein Netzwerk aus pädophilen Politikern, Finanzeliten und Hollywoodstars. Das Netzwerk entführe Kinder, foltere und töte sie, um aus ihnen ein Lebenselixier zu gewinnen.

Der Buchstabe Q steht in den USA für die höchste Stufe der Sicherheitsfreigabe. Personen mit Q-Freigabe haben Zugang zu Geheimakten. „Anon“ ist eine Chiffre für „anonym“. Der „QAnon“-Verfasser will den Eindruck erwecken, er habe die Q-Freigabe. Die Verschwörungserzählung wurde mit einem Geschäftsmodell nebst Vermarktungskette rasch verbreitet. Teilweise zeigen sich Parallelen zur Trump-Rhetorik, so dass manche spekulieren, der US-Präsident oder eine Person aus seinem Umfeld sei Q.

Die Attraktivität der Bewegung besteht darin, dass sie Verschwörungsgläubigen ermöglicht, weitere Erzählungen wie Puzzlestücke hinzuzufügen und als Teil einer vermeintlich wissenden Elite zu agieren – in Abgrenzung zu den Nichterwachten.

Dinge kritisch zu hinterfragen ist gut. Und der Experte aus Darmstadt stellt klar: Verschwörungen gibt es durchaus. Der NSA-Abhör- und der Dieselskandal sind Beispiele dafür. Nur: Zur Aufklärung all dieser Skandale habe noch nie ein Verschwörungstheoretiker etwas beigetragen.

Als die „Washington Post“-Journalisten Bob Woodward und Carl Bernstein bei der Watergate-Affäre 1973 die Lügen des US-Präsidenten Nixon aufklärten, schafften sie das durch akribische Recherche, die sie selbst immer wieder in Zweifel zogen und überprüften. „Die beiden saßen eben nicht nur nachts vor dem Rechner in geschlossenen Facebook-Gruppen“, macht Harder den Unterschied zu Verschwörungsideologen deutlich.

Eine mögliche Strategie gegen Schwurbeleien sei es, darauf zu verzichten, den Verschwörungsgläubigen überzeugen zu wollen, sondern nur Rückfragen zu stellen, sagt Harder. „Die Hoffnung dabei ist, dass die Leute merken, dass sie sich in Widersprüche verstricken“, erklärt er. „Bei einigen wirkt das, bei anderen nicht.“

Einem Verschwörungstheoretiker kann man sagen, was man will, er wird sich immer im Recht sehen.

Bernd Harder

Gründe für Verschwörungsglauben

Manche Menschen scheinen anfälliger für die Erzählungen, Mythen und Ideologien als andere. Warum das so ist, versucht Felicitas Flade zu erklären. Sie ist Sozialpsychologin an der Uni Mainz. Sie hat nennt mehrere Gründe:

  •  „Verschwörungsgläubige wollen sich einzigartig fühlen“, sagt sie. Sie neigten zu Minderheitenpositionen. Klar ist: Ob jemand überall geheime Machenschaften wittert, hat nichts mit dessen Intelligenz oder mit psychischen Krankheiten zu tun. Aber es gebe bestimmte Menschen, die anfällig dafür seien. „Dominanzorientierte Leute zum Beispiel, die eine stark hierarchische Gesellschaft bevorzugen“, zählt sie auf, „oder Rechtsautoritäre.“
  • Bei nahezu allen Verschwörungserzählungen fällt auf, dass sie mit einer starken Selbstaufwertung und einer Abwertung anderer Menschen verbunden sind. Der typische Verschwörungsmystiker hält sich für schlauer als andere. „Schlafschafe“ ist ein beliebter Ausdruck in der Szene für alle, die sich von der sogenannten Propaganda einlullen lassen. Insofern liegt die Vermutung nahe, dass Verschwörungsglaube viel mit einem geringen Selbstwertgefühl zu tun hat. Ein solcher Zusammenhang sei plausibel, bestätigt Flade, allerdings sei er von der Forschung nicht sicher belegt.
  • Das Gefühl, Kontrolle über das eigene Leben zu haben, spielt auch eine Rolle. Menschen, bei denen dieses Gefühl nur gering ausgeprägt ist, seien anfällig für Kontrollillusionen. Die Überzeugung, ein fieses Spiel aufgedeckt zu haben, kann so eine Illusion sein.