Interview

Eine russisch-ukrainische Ehe: Das macht der Ukraine-Krieg mit uns

Yana und Boris sorgen sich um die Familie in der Heimat.
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Yana und Boris sorgen sich um die Familie in der ukrainischen Heimat.

Boris ist gebürtiger Russe, seine Frau stammt aus der Ukraine. Im Interview erzählen sie, wie sie den Krieg in der Ukraine erleben.

Yana Andrachnik ist verzweifelt. Aber darum, sagt sie, geht es im Moment nicht. Die 37-jährige Ukrainerin lebt seit 20 Jahren in Deutschland, aber sie hat noch Familie in ihrem Heimatland und sorgt sich um deren Sicherheit.

Familie in Ukraine übt Umgang mit der Waffe

„Sie haben Kiew verlassen und sind gemeinsam mit zwei anderen Familien in einem Haus auf dem Land“, erzählt sie. Dort vertreiben sich der Cousin, seine Frau, die zwei jugendlichen Kinder und die Freunde die Zeit damit, den Umgang mit den Waffen zu üben, die in der ukrainischen Hauptstadt an die Bevölkerung verteilt worden sind.

Boris erzähl, dass diese Menschen in der Ukraine „territoriale Verteidigungseinheiten“ genannt werden. Also jene Zivilisten, die sich grundlegende Kampfkünste antrainieren. 

Wie die Menschen in der Ukraine sich der russischen Armee in den Weg stellen

„Jede Oma versucht, den Vormarsch der russischen Soldaten zu stoppen“, erzählt die Fondsmanagerin. „Die Menschen stellen sich vor die Panzer, halten sie an und fragen die Soldaten, was sie da tun.“

Es stimme einfach nicht, was manche Medien verbreiten: dass die Ukraine gespalten sei in die russisch- und in die ukrainischsprachige Bevölkerung. Sie sagt:

Alle sehen in Putin den Aggressor.

Spenden für die Ukraine

Nicht nur die Diakonie Katastrophenhilfe sammelt Spenden für die Menschen in der Ukraine. Wenn du dich persönlich engagieren willst, empfiehlt dir Boris die ukrainische Seite how-to-help-ukraine. Auch der Ukrainische Verein Frankfurt am Main sammelt nicht nur Geldspenden, sondern organisiert auch Hilfsangebote für die Ukraine

Auch Yana Andrachniks Mann geht es nicht gut. Boris Andrachnik stammt aus St. Petersburg, lebt seit 21 Jahren in Deutschland und hat inzwischen einen deutschen Pass. Aber er hat noch Freunde, Bekannte und einige ältere Verwandte in Russland.

Wie russische Medien Fehlinformationen verbreiten und Freundschaften zerstören

Schulfreunde und Kommilitonen erzählen ihm von der Staatspropaganda, auf die so viele Menschen reinfielen. Er selber erlebt, wie ihm einige nicht glauben, wenn sie über die politische Situation und über den aktuellen Krieg sprechen.

„Sie sagen, Bilder und Videos, die ich ihnen zeige, sind vom Westen gefälscht“, erzählt er. Und auch, dass er in den vergangenen Wochen schon einige Beziehungen abgebrochen habe.

Sorge um hilfebedürftige Menschen in Ukraine

Yana und Boris Andrachnik sorgen sich nicht nur um die eigene Familie. „Wir denken an die Ärzte in der Ukraine die versuchen, Kinder zu retten“, erzählen sie. Oder an diejenigen, die es nicht schaffen, aus eigener Kraft in die U-Bahn-Stationen und Bunker zu kommen, etwa Mütter mit behinderten Kindern oder kranke, alte Menschen. Sie denken an Mütter, die keine Babynahrung mehr haben. Oder an Frauen, die in Kellern und U-Bahn-Stationen Kinder zur Welt bringen.

Der russische Präsident Putin behaupte, militärische Ziele anzugreifen. „Aber das stimmt nicht“, sagt Yana. Ihr Mann Boris ergänzt: „Die Waffen sind nicht präzise. Das sind keine deutschen Autos.“

Die Soldaten treffen Wohnhäuser, Kinderheime und Krankenhäuser.

Es gebe auch keinen temporären Waffenstillstand, um Menschen aus Gefahrenzonen evakuieren zu können. „Die Zivilbevölkerung ist eingesperrt“, sagt der 45-jährige IT-Fachmann.

Mit Kindern über den Krieg sprechen

Das in Frankfurt lebende Paar hat eine siebenjährige Tochter. Die Eltern haben versucht, ihr zu erklären, was Krieg bedeutet und was in der Ukraine und in Russland passiert.

„Ich habe ihr gesagt, dass Russland von schlechten Menschen regiert wird, aber dass es dort viele gute Menschen gibt“, erzählt Yana Andrachnik im Gespräch mit indeon.de. Auf die Frage ihrer Tochter, warum die guten Menschen tun, was die schlechten Menschen sagen, habe sie keine Antwort gehabt.

Anfangs seien sie von der deutschen Politik enttäuscht gewesen, sagen die beiden. Ohne Waffen könne man sich nun mal nicht verteidigen. Und auch, dass Deutschland als letztes Land dem Ausschluss Russlands aus dem Swift-Verfahren zugestimmt habe, hat ihr nicht gefallen, sagt Yana Andrachnik.

Demos in Deutschland für Frieden in der Ukraine

Auf einer der Solidaritätsdemonstrationen in Frankfurt habe sie erfahren, dass viele Deutsche das auch so sehen. „Es gibt eben viele Menschen, auch Politiker, die von den Gaslieferungen profitieren“, vermutet Boris Andrachnik.

Inzwischen ist das Ehepaar froh über den Politikwechsel. „Und ich bin überwältigt von der großen Hilfsbereitschaft und den vielen Spenden“, sagt Yana Andrachnik. In ihren Dank bezieht sie auch die Bevölkerung in Polen ein, die sich um die vielen Flüchtlinge kümmere.

Sanktionen gegenüber Russland & Putin

Die Hoffnung der beiden liegt nun auf den harten Sanktionen. „Wenn die Kühlschränke der Menschen leer sind, fangen sie vielleicht an, besser nachzudenken“, sagt Boris Andrachnik. Seine Frau ergänzt: „Wenn Russland kein Geld mehr hat, hat es auch kein Geld mehr für den Krieg.“

Krieg verseucht Kindheitserinnerungen

Sie erinnert sich an die vielen Orte ihrer Kindheit, die sie besucht und geliebt hat. „Diese Orte bekommen eine neue Bedeutung, wenn sie auf einmal in den Kriegsnachrichten auftauchen.“

Verwandte in Ukraine sind im Land nicht in Sicherheit

Und ihre Verwandten seien zwar raus aus Kiew, aber nicht in Sicherheit: „Die Raketen fliegen über das Haus.“ Sie könne aber nicht ständig anrufen oder Nachrichten schreiben und fragen, wie es ihnen geht. Deshalb überprüft Yana Andrachnik immerzu den Online-Status der Verwandten auf Whatsapp. Denn wer gerade online ist, lebt.