Gemeinde oder Gemeinwesen

Welche Zukunft wartet auf die evangelische Kirche?

Sparen, sparen, sparen: Doch wenn Kirche nah bei den Menschen bleiben will, was kann sie bei steigender finanzieller Not lassen?

Die Synode der Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) stellt auf ihrer Digital-Tagung vom 20. bis 24. April die Weichen für eine Zukunft mit weniger Geld und weniger Mitgliedern.

„EKHN 2030“ heißt ihr Sparprogramm.

Der Bad Vilbeler Pfarrer und Synodale Klaus Neumeier hat dazu Thesen vorgelegt, die den Fokus auf die Ortsgemeinde richten. Der Bergsträßer Dekan Arno Kreh betont die Rolle der Kirche im größeren Kontext.

19 Prozent der 19- bis 27-Jährigen verstehen sich als religiös, aber ein Drittel von ihnen glaubt nicht an Gott. Warum verlieren das Christentum und die Institution Kirche an Bedeutung?

Portrait Arno Kreh
Dekanat Bergstraße
Pfarrer Arno Kreh ist seit Januar 2014 Dekan des Evangelischen Dekanats Bergstraße.

Arno Kreh: Ich denke, dass wir als Kirche teilhaben an einem Prozess, der sich in unserer Gesellschaft insgesamt abspielt. Wir haben eine Phase einer enormen Individualisierung hinter uns.

Jeder will selbst bestimmen, wie sein Leben abläuft, wie er sein Leben gestaltet. Wir haben eine Fülle von Möglichkeiten, auch die Freizeit zu gestalten. Das alles fließt ein in diesen Prozess.

Wir sind ja auch nicht die einzigen, das geht Gewerkschaften und Parteien genauso. Institutionen werden durchweg sehr kritisch gesehen – das zeigt sich auch bei der Kirchenmitgliedschaft

Brauchen wir die Kirche noch? Die Hochzeit kann ich mir auch so kaufen, die Beerdigung ebenfalls. Wozu also?

Klaus Neumeier: In der Tat kann ich fast alle diese Dienstleistungen auch außerhalb von Kirche erhalten. Aber Kirche, so wie wir sie leben, Kirche vor Ort, in der Menschen Menschen begleiten, die kann ich mir nicht einfach so kaufen. Da haben wir schon ein Alleinstellungsmerkmal.

    Ein Kuss bei der Trauung als Symbol
    pexels/Wallace Araujo

    Arno Kreh: Wir brauchen die Kirche vor allen Dingen deswegen, weil die grundlegenden Fragen, die zu unserem Leben gehören, dort verortet werden: Wo komme ich her, wo gehe ich hin und was ist meine Aufgabe…?

    Daneben ist die Kirche wichtig, weil sie einen Ort frei hält, an dem es um die Grundbedürfnisse von Menschen geht:

    • das Bedürfnis nach Anerkennung,
    • das Bedürfnis nach Gemeinschaft mit anderen,
    • das Bedürfnis, auch Verantwortung zu übernehmen für das Gemeinwesen.

    Nur ⅓ der Mitglieder zahlt Kirchensteuer – müsste man nicht das System so auf den Kopf stellen, dass jedes Kirchenmitglied seinen Beitrag zahlt? Warum soll ich noch Kirchensteuer zahlen, wenn die Leistungen der Kirche allen zugute kommen?

    Arno Kreh: Die Kirchensteuer ist ein Solidarbeitrag, und den bezahlen die Menschen auch ohne Vergünstigungen gern, wenn sie wissen, was mit diesem Geld gemacht wird.

    Das aber muss immer wieder deutlich gemacht werden. Wir sollten zudem Fundraising-Aktivitäten stärken und auf Menschen zugehen, die auf ihre Rente keine Kirchensteuer bezahlen müssen, aber vielleicht doch finanzielle Ressourcen haben. Sie könnten über Spenden die kirchliche Arbeit unterstützen.

    Klaus Neumeier: Unser System der Kirchensteuer kann tatsächlich hinterfragt werden. Die meisten Kirchen der Welt finanzieren sich auf ganz andere Art und Weise.

    Das System könnte man natürlich auf vielfältige Weise auf den Kopf stellen. Das bräuchte sehr viel mehr eigene Verwaltungsorganisation. Ich weiß nicht, ob sich das lohnt.

    Ich würde eher sagen: Lasst uns das System nutzen, so wie es ist. Und gleichzeitig sollten wir schauen, dass überall dort, wo Menschen in gutem Kontakt mit uns gekommen sind, auch bereit sind, sich finanziell zu engagieren – eben auch die, die keine Kirchensteuer zahlen.

    Die Kirche ist die einzige Organisation, die auch für diejenigen existiert, die nicht ihre Mitglieder sind. Welche Angebote muss Kirche (auch) vor Ort vorhalten, damit Nicht-Mitglieder sie nützlich und wichtig finden?

    Portrait Klaus Neumeier
    Medienhaus der EKHN
    Klaus Neumeier ist seit 1991 Pfarrer in Bad Vilbel.

    Klaus Neumeier: Das Wichtigste: Dass Nicht-Mitglieder merken, dass das, was wir als Kirche machen, relevant ist für ihr Leben. Es geht darum, dass wir in ihrem Leben vorkommen, weniger, dass sie meinen, sie müssen in Kirche vorkommen.

    Das betrifft unter anderem den traditionellen Gottesdienst und die Frage, wie und was ich dort predige.

    Man könnte Gottesdienst im Autohaus feiern mit Jugendlichen oder zum Thema „Du stellst meine Füße auf weiten Raum“ ins Schuhgeschäft gehen. Mittendrin eben!

    Wir machen regelmäßig Gottesdienste im Autoscooter, wenn hier in Bad Vilbel Jahrmarkt ist. Das ist nicht nur für die Schausteller relevant. Wir kommen in ihrem Leben vor, wir sind als Kirche dort erkennbar.

    Ich glaube, wir hängen noch sehr an tradierten Formen. Kirche vor Ort könnte sich sehr viel weiter entwickeln, muss sie auch, denn wir haben keine Alternative.

    Arno Kreh: Ich glaube nicht, dass wir grundsätzlich andere Angebote brauchen für Menschen, die keine Kirchenmitglieder sind. Wir müssen Angebote machen, die zum Leben der Menschen passen und die anschlussfähig sind.

    Das bedeutet, dass wir nahe bei den Menschen sein müssen, dass wir gut zuhören, dass wir uns unters Volk mischen und hören, was die Leute beschäftigt, um dann zu überlegen, wie Kirche darauf reagieren kann.

    Gemeinsam beten
    gettyimages/SDI Productions

    Was verstehen Sie unter direkter Beziehungsarbeit?

    Klaus Neumeier: Beziehungsarbeit bedeutet für mich, dass ich selber als Pfarrer in der Kita bin und mit den Kindern zusammen biblische Geschichten erlebe und gestalte, dass ich erfahrbar bin für die Eltern in der Kita, dass ich regelmäßig auf den Elternabenden mit dabei und ansprechbar bin, dass ich Familien ins Gemeindeleben einbeziehe.

    Das geht genauso weiter, wenn Menschen älter werden. Es ist sehr wertvoll, wenn kirchlich verbundene Menschen Religionsunterricht leiten. Wenn wir Vater-Kind-Wochenende haben und abends am Lagerfeuer sitzen mit einem Bier in der Hand, ist es unglaublich, was da für Gespräche entstehen. Das geht nur auf der Beziehungsebene.

    Arno Kreh: Bei direkter Beziehungsarbeit denke ich zuerst an den persönlichen Kontakt von Mensch zu Mensch. Deswegen sollte die Besuchsarbeit von Pfarrerinnen und Pfarrern einen sehr hohen Stellenwert haben. Dadurch werden ja auch die Kirchenmitglieder besucht, die nicht jeden Sonntag im Gottesdienst sind.

    Aus meiner 25-jährigen Erfahrung als Gemeindepfarrer kann ich sagen, wie wichtig Besuche sind, also hinzugehen zu den Menschen in die Häuser und Wohnungen. Aber das muss natürlich auch ergänzt werden.

    Beziehungsarbeit geschieht allerdings nicht nur durch Pfarrerinnen und Pfarrer. Wir haben hier in unserem Dekanat Bergstraße zum Beispiel die Arbeit für Familien sehr gestärkt. Dadurch haben wir den Kontakt zu jungen Familien und Alleinerziehenden ausgebaut, wo wir uns sonst eher schwer tun.

    Was man bei dem Thema Beziehungsarbeit aber auch noch im Blick behalten muss: Wir wollen ja weiterhin öffentliche Kirche sein. Wir brauchen auch den öffentlichen Auftritt und die öffentliche Sichtbarkeit von Pfarrerinnen und Pfarrern. Die Orientierung in den Sozialraum bleibt auf jeden Fall eine wichtige Aufgabe.

    Gemeinsam lernen
    gettyimages/sturti

    Was ist also noch mehr nötig als Mitgliederorientierung?

    Klaus Neumeier: Ein guter Religionsunterricht, an dem erkennbar wird, dass Lehrerinnen und Lehrer nicht einfach nur Unterrichtsstoff vermitteln, sondern Relevantes aus dem Leben und für das Leben besprechen.

    Auf dem Weg in die Zukunft

    Die Thesen über die Zukunft der Kirche von Klaus Neumeier kannst du im Netz nachlesen. Hier entlang (PDF)

    Menschen sprachfähig zu machen, was ihren eigenen Glauben und ihr Christsein betrifft.

    Ich merke überhaupt nicht, ob ich gerade mit Mitgliedern rede oder mit Nicht-Mitgliedern, ich frage auch nicht. Es ist manchmal sehr überraschend, was dabei herauskommt – in beide Richtungen. Für mich ist es wenig relevant, ob jemand Kirchenmitglied ist oder nicht.

    Ich versuche aber, deutlich werden zu lassen, dass es gut ist, dass es Kirche gibt, sonst wäre ich nicht da.

    Arno Kreh: Ich glaube, dass wir als evangelische Kirche noch stärker als bisher lernen müssen, über unsere Kerngemeinde hinauszuschauen. Wir müssen mit den Menschen unseres Umfelds, auch mit Gruppen und Initiativen, mit der Kommunalpolitik, mit der Wirtschaft und mit Gewerkschaften im Gespräch sein.

    Wir müssen dabei erspüren, was die wichtigen Themen sind, um uns dann in gesellschaftliche Diskussionen einzuklinken. Das gehört dazu, um als Kirche öffentlich sichtbar zu sein.

    Diese Gespräche sind übrigens gerade jetzt in der Corona-Zeit wichtig, um wahrzunehmen, wer von den Einschränkungen existenziell betroffen ist und Unterstützung braucht.

    Pfarrer Klaus Neumeier feiert digitale Live-Gottesdienste in Bad Vilbel.
    Christuskirchengemeinde Bad Vilbel
    Pfarrer Klaus Neumeier feiert digitale Live-Gottesdienste in Bad Vilbel.

    Zwischen Konfirmation und Familiengründung hat die Kirche eine Lücke im Angebot. Junge Menschen erreicht sie kaum. Sie wollen die Kirche vor Ort stärken. Gehören für Sie die Studierendengemeinden dazu?

    Klaus Neumeier: Kirche vor Ort ist ganz wesentlich Ortsgemeinde, allerdings im Verbund im Nachbarschaftsraum.

    Kirche vor Ort umfasst die Kita, die Schularbeit und natürlich auch alle Einrichtungen, wo sie mit Seelsorgestellen vertreten ist – Krankenhäuser, Altenheime oder eben auch Studierendengemeinden.

    All diese Arbeit, wo Kirche im unmittelbaren Kontakt mit Menschen ist, sollte gestärkt werden. Grundsätzlich muss Kirche dort sein, wo die Menschen sind und dort Wege finden, um diese Menschen auch gut ansprechen zu können.

    Möglicherweise ist da auch noch mehr Potenzial bei Studierendengemeinden vorhanden als das im Augenblick umgesetzt werden kann, das gilt auch für die Kitaarbeit.

    Was muss jetzt als erstes passieren?

    Klaus Neumeier: Es ist schon etwas passiert. Es gibt schon sehr konkrete Vorschläge zum Sparen, aber im Moment nur für alle Bereichte der Kirche vor Ort, abgesehen von einer Ausnahme: der Öffentlichkeitsarbeit.

    Das beginnt in den Kitas, geht über die Pfarrstellen und das Zuweisungssystem und die Gebäude. Aber es müssen auch die anderen Ebenen der Kirche ins Sparen einbezogen werden. Arbeitszentren und gesamtchristliche Einrichtungen für jede Landeskirche sind nicht mehr zeitgemäß.

    Das müssen wir gemeinsam machen oder gleich auf der EKD-Ebene verorten. Viele Kollegen beziehen völlig selbstverständlich Gottesdienst-Materialien von Instituten der bayrischen Kirche oder der hannoverschen Kirche. Dank des Internets ist das überhaupt kein Problem.

    Das gilt natürlich auch für die Verwaltung, wir haben eine unglaubliche innerkirchliche Bürokratie. Vieles davon brauchen wir nicht.

    Was ich mir ebenfalls dringend wünsche, ist, dass die mittlere Ebene, vor allem die Dekanate, ihr eigenes Sparpotenzial erkennen. Für Menschen, die hier in meiner Gemeinde leben, ist das Dekanat völlig unwichtig. Das ist nicht nah bei den Menschen.

    Arno Kreh: Die Kirche steht fest auf ihren Beinen, und das ist auch gut so. Wenn unsere Kirche in den nächsten Jahren aber weniger Pfarrerinnen und Pfarrer und weniger Ressourcen hat, muss sie sich weiterentwickeln.

    Wir brauchen eine gute, funktionsfähige Verwaltung, wir brauchen weiterhin Gemeinden, wir brauchen auch Dekanate. Die klassische Situation – ein Pfarrer, eine Kirche und ein Gemeindehaus – ist ein Konzept, das jetzt langsam zu seinem Ende kommt.

    Wir brauchen neue Formen. Nachbarschaftliche Zusammenarbeit, die Arbeit im Team sowie digitale Angebote werden eine viel wichtigere Rolle spielen und müssen ausgebaut werden. In diesem Prozess befinden wir uns.

    Daher müssen wir das Bewusstsein stärken, dass sich unsere Kirche in den nächsten Jahren stark verändern wird. Aber ich bin hier sehr hoffnungsvoll, denn unsere jungen Kolleginnen und Kollegen wollen genau in diese Richtung gehen.