Gesellschaft

Barrierefreies Bahnfahren: So läuft es für Rollstuhlfahrer*innen

Wheel Life: Barrierefrei am Bahnhof?
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Defekte Aufzüge, große Spalten, volle Züge: Diese Folge „Wheel Life“ zeigt, warum der Weg vom Bahnsteig in den Zug oft das größte Problem ist.

Tempo, Freiheit, Alltag – für viele beginnt das im Zug und auf der Schiene. In „Wheel Life“ checkt Host Lucas Zehnle, wie barrierefrei Bahnfahren in Stuttgart ist: Was funktioniert? Wo hakt es? Die komplette Folge siehst du im Video auf YouTube.

Für Lucas ist Bahnfahren etwas Positives: „Ich liebe es, nicht selbst fahren zu müssen, Musik zu hören, aus dem Fenster zu schauen und einfach Teil der allgemeinen Mobilität zu sein.“

Doch diese Freiheit hängt an Details. Im Alltag zeigt sich: Barrierefreiheit entscheidet sich am Aufzug, am Bahnsteig, am Spalt und im Zug-WC.

In der Webserie „Wheel Life“ testet Lucas regelmäßig Alltagssituationen. Für diese Folge checkt er mit seinem Rollstuhl Bahnhöfe in Stuttgart und Umgebung, darunter den umgebauten Bahnhof in Rommelshausen. Er spricht mit DB-Bahnhofsmanager Taylan Ayik und Joachim Bahrt vom Fahrgastverband Pro Bahn. Seine Frage: Wo und wie funktioniert barrierefreies Bahnfahren?

Lucas Zehnle am S-Bahnhof Rommelshausen
indeon.de/Wheel Life
Lucas zeigt dir, wie barrierefrei das Reisen mit den Öffis wirklich ist

Verstehen: Warum Bahnfahren nicht für alle gleich funktioniert

Für Lucas bedeuten Bus und Bahn Freiheit. Gleichzeitig weiß er, diese Erfahrung teilen nicht alle Rollstuhlfahrer*innen. Er ist fit, er kann mit seinem Rollstuhl Treppen herunterfahren oder sich auch mal eine Treppe hochziehen, sollte keine Rolltreppe oder kein Aufzug in der Umgebung sein. 

Für viele andere Menschen mit Behinderung wäre das unmöglich. „Ich stehe nicht stellvertretend für jede Rollstuhlfahrerin oder jeden Rollstuhlfahrer“, sagt Lucas.

Einige Situationen machen aber auch ihm das Bahnfahren schwer: 

  • Defekte Aufzüge, die manchmal über längere Zeit nicht repariert werden

  • Große Spalten zwischen Zug und Bahnsteig, vor allem an Kurvenbahnsteigen

  • Überfüllte Züge mit wenig Platz, in denen er auf Brust- oder Schulterhöhe der anderen Fahrgäste sitzt und sich schnell eingeengt fühlt

Check: Barrierefreier Vorzeigebahnhof Rommelshausen

der S-Bahnhof in Rommelshausen ist top ausgestattet, was Barrierefreiheit angeht
indeon.de/Wheel Life

Der Bahnhof Rommelshausen gilt laut Deutscher Bahn als Vorzeigebahnhof für Barrierefreiheit.

Lucas kennt ihn von früher. Damals lag die S-Bahn in der Kurve, der Spalt war groß, für ihn eine Herausforderung. Jetzt prüft er: Was hat sich verändert?

Mit Taylan Ayik, dem stellvertretenden Bahnhofsmanager in Stuttgart, geht Lucas die wichtigsten Elemente durch:

Bahnsteighöhe von 96 cm

Sogenannte „S 96“-Bahnsteige ermöglichen an S-Bahn-Linien in der Region Stuttgart einen nahezu stufenlosen Einstieg. Diese Veränderung ist ein großer Gewinn für Rollstuhlfahrende.

Taktile Wegeleitung für sehbehinderte Menschen

Blindenleitstreifen, Aufmerksamkeitsfelder und taktile Hinweise an Handläufen helfen blinden und sehbehinderten Menschen, sich sicher zu orientieren.

Doppelte Handläufe an Treppen

Solche Handläufe helfen Menschen, die nicht in Standardhöhe greifen können oder beide Hände für sicheren Halt brauchen.

Aufzüge mit Bedienelementen auf Sitzhöhe und Braille

Außerdem gibt es in Rommelshausen Informationsaushänge auf einer niedrigeren Höhe. So werden die Informationen sowohl im Sitzen als auch im Stehen lesbar.

Bahnfahren in der Region Stuttgart

S-Bahnhöfe in Stuttgart

In Stuttgart gibt es 83 Bahnhöfe S-Bahnhöfe:

  • 55 Bahnhöfe mit 96 cm Bahnsteighöhe

  • 15 Bahnhöfe im Ausbau

  • 13 Bahnhöfe gelten als „weitgehend barrierefrei“ (Lokführer*innen überbrücken den verbleibenden Spalt durch Rampen)

Für den Umbau in Rommelhausen wurden rund 6,5 Millionen Euro investiert. 

In der Region in und um Stuttgart gilt: Der Standard ist nicht überall erreicht. Bahn-Mitarbeiter Taylan Ayik versichert trotzdem: „Man kommt in unserer Region auch als mobilitätseingeschränkter Fahrgast immer von A nach B – manchmal komfortabler, manchmal nicht ganz so komfortabel.“

Auch beim Großprojekt „Stuttgart 21“ spielt Barrierefreiheit eine zentrale Rolle. Der neue Hauptbahnhof soll stufenfreie Zugänge, Aufzüge und einheitlichere Bahnsteige bieten. Ob das im Alltag wirklich funktioniert, wird sich erst zeigen, wenn der Betrieb läuft.

Lucas fährt oft mit den Öffis
indeon.de/Wheel Life

Was passiert, wenn der Aufzug steht?

Für viele Rollstuhlfahrer*innen ist ein defekter Aufzug mehr als ein Ärgernis – es ist ein kompletter Verlust der Mobilität.

Was tun bei defekten Aufzügen?

  • Störnummer am Aufzug anrufen

  • Service-Point des Bahnhofes informieren

  • Alternativrouten prüfen

Lucas kennt das aus eigener Erfahrung. Sein Heimatbahnhof wird saniert, beide Aufzüge gleichzeitig ausgetauscht

„Es wird sofort reagiert – aber eine Instandsetzung braucht einfach Zeit“, antwortet Taylan. Wenn ein Aufzug komplett ausgetauscht werden muss, rechne die Bahn mit rund vier Monaten Bauzeit. Das sei schon inklusive umfangreicher Sicherheitsprüfungen. Deswegen unterscheidet er zwischen: 

  • Kleine Defekte (z. B. Kieselsteine in der Türschiene) - die manchmal sofort behoben werden können

  • Größere Schäden - die mehr Zeit brauchen, etwa weil Teile ersetzt werden müssen

Lucas hält dagegen: In seiner Wahrnehmung gehe es selten wie beschrieben. Er will nicht jedes Mal online nachsehen, ob die Aufzüge wieder funktionieren, wenn er dieselbe Strecke täglich fährt.

Lucas und Joachim Bahrt vorm Stuttgarter Hauptbahnhof
indeon.de/Wheel Life
Der Fahrgastverband Pro Bahn kennt die Probleme von Menschen mit Einschränkungen im Bahnverkehr

Plane deine Reise barrierebewusst

Hier 3 Tipps, wie du checken kannst, ob dir Barrieren das Reisen erschweren:

  • Prüfe vorab auf bahnhof.de, ob Aufzüge funktionieren

  • Informiere dich über Bauarbeiten und Umleitungen

  • Plane Zeitpuffer ein, vor allem bei Umstiegen

Bei Störungen:

Pro Bahn: „Barrierefrei“ heißt nicht automatisch zugänglich

Joachim Bahrt vom Fahrgastverband Pro Bahn macht klar: Ein barrierefreier Bahnsteig reicht nicht, wenn der Einstieg in den Zug nicht funktioniert. 

Er lobt den Umbau in Rommelshausen, zeigt aber auch, warum er nur ein eingeschränktes Vorzeigeprojekt ist: Auf derselben S-Bahn-Linie gebe es weitere Bahnhöfe, die diese Standards nicht erfüllen. Als Beispiel nennt er die Endhaltestelle in Schorndorf. Hier habe die S-Bahn zwar einen hohen Bahnsteig, aber die Regionalbahnen nutzen niedrige Bahnsteige. Ein Aufzug helfe zwar auf den Bahnsteig, aber nicht in den Zug.

Unterschiedliche Standardhöhen für Züge an deutschen Bahnsteigen bleiben ein Problem. Hier ein paar Beispiele:

  • 96 cm – vor allem in manchen S-Bahn-Netzen

  • 76 cm – etablierte Standardhöhe im Fernverkehr

  • 55 cm – typisch für viele Regionalbahnsteige

  • 38 cm und niedriger – vor allem im ländlichen Raum und bei älteren Bahnsteigen

„Es bringt wenig, wenn man zwar stufenfrei auf den Bahnsteig kommt, aber nicht stufenfrei in den Zug“, sagt Joachim Bahrt. Anders sei es in anderen Ländern, etwa in der Schweiz. Hier sind die Systeme besser aufeinander abgestimmt, niveaugleiche Einstiege der Standard.

Wenn die Bahn darauf verweise, dass ein hoher Anteil der Bahnhöfe bereits „barrierefrei erreichbar“ sei, sei das nur ein Punkt. Joachim betont: „Das meint meist nur den stufenfreien Zugang zum Bahnsteig – nicht den stufenlosen Einstieg in den Zug.“ Er ist sich sicher: 

Es wird sehr viel barrierefrei genannt, was nicht wirklich barrierefrei ist.

Baustellen als Barrieren

Durch Baustellen und temporäre Umleitungen können barrierefreie Wege schnell unbrauchbar werden. Lange Umleitungen, fehlende Orientierung und zusätzliche Hindernisse erschweren dann das Reisen zusätzlich.

Lucas zeigt, wie barrierefreiheit im Alltag mit den Öffis eigentlich aussieht
indeon.de/Wheel Life
An defekten Rolltreppen und Aufzügen endet oft die Barrierefreiheit.

Fernverkehr aus Rollstuhl-Perspektive

Im Fernverkehr sieht Lucas mehrere Vorteile:

  • fester Sitzplatz
  • kostenlose Sitzplatzreservierung
  • Begleitperson kostenlos
  • barrierefreie Universaltoilette (im ICE)

„Mir wird hier schon eine Barriere abgebaut. Ich kann mir sicher sein, ich habe einen Sitzplatz – das nimmt viel Druck raus.“

Doch fällt die Toilette aus, wird die Reise zur unzumutbaren Belastung, gerade bei längeren Fahrten. Oft gibt es nur eine barrierefreie Universaltoilette pro Zug. „Das ist je nach Situation echt schwer – und nicht einfach ‚nur‘ ärgerlich.“

Auch kurze Umstiegszeiten, unzuverlässige Reservierungen oder überfüllte Züge können das Reisen zu einer Tortur werden lassen. 

Was sich ändern muss

Lucas fordert: Barrierefreiheit darf kein Einzelfall sein.

  • Einheitliche Bahnsteighöhen
  • Zuverlässige Aufzüge
  • Durchgängige Nutzbarkeit von Strecken

So würden auch mehr Menschen mit Gehbehinderung oder anderen Beeinträchtigungen Bus und Bahn nutzen. Das führe zu mehr Sichtbarkeit und Begegnung im Alltag. 

Schau die Folge „Wheel Life“ und teile deine Erfahrung 

Welche Bahnhöfe in deiner Region funktionieren gut? Wo hast du regelmäßig Probleme am Bahnhof? Teile deine Eindrücke gern unter dem Video zu dieser „Wheel Life“-Folge auf unserem YouTube-Kanal oder auf unseren Social-Media-Kanälen:

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