Glaube

Erfahrungen in der Fastenzeit: Zwei Religionen ein Verzicht

Portraits der 4 Frauen
epd-bild/Judith Kubitscheck & Katharina Rapp
Gabriele Müller, Seher Sucu, Sofia Azizi und Bettina Auerswald fasten

Das ist ungewöhnlich: Ramadan und Passionszeit beginnen gleichzeitig. Musliminnen und Christinnen erzählen, was der Verzicht für sie bedeutet.

Fastest du oder hast schon einmal gefastet? Was manche heute eher als Lifestyle oder Gesundheits-Boost empfinden, hat religiöse Ursprünge. Sicher kennst du die christliche Passionszeit oder den islamischen Ramadan. Während Christ*innen immer zwischen Fasching und Ostern fasten, verschiebt sich der Fastemonat der Muslim*innen jedes Jahr. 

Ramadan und Passionszeit fallen zusammen – warum das selten ist

2026 fällt der Beginn der Fastenzeit für beide Religionen auf denselben Tag. Aschermittwoch ist der 18. Februar und am selben Abend startet der Ramadan mit einem Gebet. Ab dem 19. Februar verzichten Muslim*innen dann tagsüber auf Essen und Trinken.

Fasten im Christentum und Islam

Beim Fasten geht es in keiner der beiden Religionen um Diäten. Der Theologe und Islam-Experte Friedmann Eißler erklärt auf evangelisch.de im Interview: „Etwa darum, sich neu bewusst zu werden, dass wir Geschöpfe Gottes sind und alles von ihm empfangen.“

Dass beide Fastenzeiten gleichzeitig stattfinden, ist eine Ausnahme. Der Grund liegt in den unterschiedlichen Kalendersystemen: Der islamische Kalender folgt dem Mond und verschiebt sich jedes Jahr um etwa zehn bis zwölf Tage nach vorne. Die christliche Fastenzeit richtet sich nach Ostern, das in diesem Jahr am 5. April gefeiert wird.

Vier Frauen aus Baden-Württemberg erzählen, warum sie fasten - und was der bewusste Verzicht für ihr Leben bedeutet.

Bewusst genießen statt verzichten: Gabriele Müller

Gabriele Müller schaut lachend in die Kamera.
epd-bild/Judith Kubitscheck

Gabriele Müller aus Malmsheim im Landkreis Böblingen fastet seit rund 30 Jahren. In dieser Zeit verzichtet sie auf Schokolade, seit einigen Jahren auch auf Alkohol. Für sie geht es dabei nicht um Gewichtsverlust, sondern um Achtsamkeit.

Sie beschreibt den „ersten Biss in eine Praline“ nach 40 Tagen Fasten als „herrlich“ und als ein „besonderes Geschmackserlebnis“. Der Verzicht helfe ihr, alltägliche Dinge wieder bewusster wahrzunehmen.

Fasten passt für die Christin besonders in die Passionszeit, die an das Leiden von Jesus erinnert und auf Ostern vorbereitet. Ostern sei dann ein Moment der Freude, „weil wir feiern, dass Jesus auferstanden ist“. Diese Freude zeige sich auch darin, Dinge wieder genießen zu können, auf die sie zuvor verzichtet habe.

Fasten als spirituelle Praxis: Seher Sucu

Seher Sucu lächelt in die Kamera. Sie ist draußen und hat einen dicken Anorak an.
epd-bild/Judith Kubitscheck

Für Seher Sucu aus Stuttgart ist das Fasten im Ramadan eine religiöse Handlung, vergleichbar mit einem Gebet. „Du tust das ganz bewusst für Gott“, sagt sie.

Besonders wichtig ist ihr das gemeinschaftliche Fastenbrechen am Abend in der Moschee. Dort erlebe sie eine besondere Atmosphäre: gemeinsam beten, zusammen essen, sich austauschen. „Das hat eine ganz andere Dynamik“, als allein zu Hause zu sein. Deswegen hat sie die Fastenzeit auch schon auf Sansibar in Tansania und in Jerusalem mit anderen muslimischen Gläubigen verbracht. 

Das Fasten lasse sie auch körperlich spüren, wie es sei, Hunger zu haben. Daraus entstehe bei ihr Dankbarkeit und Mitgefühl mit Menschen, die nicht freiwillig verzichten, sondern täglich hungern müssen.

Das Fasten im Ramadan beschreibt Seher Sucu als gesegnete Zeit. Viele Gläubige beschäftigten sich intensiver mit dem Koran und reflektierten ihr eigenes Leben. Den Abschluss des Fastens, das anschließende „Zuckerfest“, empfindet sie als emotionalen Höhepunkt: „Das ist wie die Belohnung nach einem Marathonlauf.“

Fasten im Arbeitsalltag: Sofia Azizi

Sofia Azizi aus Renningen steht in der Backstube
epd-bild/Katharina Rapp

Auch für Sofia Azizi aus Renningen im Landkreis Böblingen spielt Mitgefühl eine zentrale Rolle beim Fasten. „Wir fasten nur einen Monat und haben abends wieder zu essen“, sagt sie. „Aber viele Menschen haben ständig Hunger.“

In Afghanistan, wo ihre Familie herkommt, habe man deshalb regelmäßig Essen an ärmere Menschen verteilt. Sofia Azizi selbst hat mit 14 Jahren mit dem Fasten begonnen. „Fasten ist eine der fünf Säulen im Islam und eine religiöse Pflicht“, erklärt sie.

Islamischer Ramadan

  • Zeitraum: Neunter Monat des islamischen Mondkalenders
  • Fokus: Fasten von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, spirituelle Reinigung, Gebet, Solidarität mit Bedürftigen
  • Praxis: Tagsüber kein Essen, Trinken oder Rauchen - Fastenbrechen (Iftar) nach Sonnenuntergang

Gleichzeitig gibt es Ausnahmen für sie: Schwangere und stillende Frauen müssen nicht fasten, da die Gesundheit von Mutter und Kind Vorrang hat. Sofia Azizi ist selbst junge Mutter und hat einen drei Monate alten Sohn. Vor ihrer Elternzeit arbeitete sie in einer Bäckerei. Auch dort habe sie während des Ramadans problemlos verkauft, ohne selbst zu essen. Mittags hat sie sich ausgeruht oder ein bisschen geschlafen.

Mir hat es nichts ausgemacht, Kuchen und Brot zu verkaufen, während ich gefastet habe, das war völlig egal.

Beim abendlichen Fastenbrechen setzt sie bewusst auf Zurückhaltung. Statt üppiger Mahlzeiten gibt es Datteln, Wasser, später etwas Suppe oder Reis. Sich den Bauch vollzuschlagen, sei nicht Sinn der Sache.

Fasten als Gegenentwurf zum Dauerstress: Bettina Auerswald

Bettina Auerswald sitzt auf einer Couch, daneben steht ein Holzkreuz.
epd-bild/Judith Kubitscheck

Für die evangelische Pfarrerin Bettina Auerswald aus Neuenstadt am Kocher gehört Fasten nicht nur zur Passionszeit. Sie verzichtet jede Woche donnerstags auf Essen - auch im normalen Alltag.

Zwischen Beruf und Familie mit drei Töchtern sei ihr Leben oft sehr voll, sagt sie. Das Fasten helfe ihr, innezuhalten und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. In dieser Zeit werde ihr bewusst, was ihr im Leben wichtig ist. „Ich spüre, dass mir zum Beispiel Bibellesen guttut“ oder auch, wenn sie „etwas mehr Zeit fürs Gebet“ hat.

Christliches Fasten: Passionszeit

  • Zeitraum: 40 Tage vor Ostern (Aschermittwoch bis Ostersonntag)
  • Fokus: Besinnung, Buße, Gebet und Vorbereitung auf die Auferstehung Jesu
  • Praxis: Verzicht auf Gewohnheiten, bestimmte Lebensmittel oder Genussmittel - keine einheitliche Fastenform

In der Passionszeit will sie ihr übliches Fasten intensivieren, vielleicht eine ganze Woche auf Essen verzichten. Für Bettina Auerswald ist Fasten ein spiritueller Schatz, den viele evangelische Christ*innen vergessen hätten. 

Der Verzicht sei zunächst unbequem, könne aber neue Perspektiven eröffnen: „Fasten ist eine Erfahrung, die ich mit dem ganzen Körper mache.“ Und oft merke man erst im Verzicht, was wirklich wichtig ist.

Fastest du – aus religiösen, gesundheitlichen oder anderen Gründen?

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