Glaube

Kirche schrumpft: Und baut sich neu

Junge Frau alleine in einer Kirchbank ins Gebet versunken. Von hinten fällt Licht auf ihr Haar.
gettyimages/myshkovsky

Weniger Mitglieder, Geld, Gebäude: Die evangelische Kirche baut sich um. Wie? Darüber wird selbst innerhalb der Kirche gestritten.

Wer in der Kirche aktiv ist, spürt die Veränderungen längst. Gemeinden schließen sich zusammen, Pfarrpersonen arbeiten im Team, Entscheidungen fallen nicht mehr nur vor Ort. 

Der Begriff in der evangelischen Kirche dafür lautet: Nachbarschaftsraum.

Gemeindeleben erhalten, Entscheidungen abgeben

Gruppe von Menschen im Gespräch
gettyimages/SolStock

Was das konkret bedeutet, zeigt sich im Alltag: 

  • Die Pfarrperson ist nicht mehr nur für eine Gemeinde zuständig, sondern für mehrere.
  • Gottesdienste finden nicht mehr an jedem Ort regelmäßig statt, sondern wechseln.
  • Entscheidungen über Gebäude oder Personal fallen nicht mehr im eigenen Kirchenvorstand, sondern gemeinsam im Nachbarschaftsraum.

Klingt trocken – gemeint ist eine neue Einheit, in der mehrere Kirchengemeinden gemeinsam arbeiten. Personal, Finanzen und Gebäude organisiert nicht mehr jede Kirchengemeinde für sich allein, sondern zusammen. 

Das Ziel: Kirche soll vor Ort sichtbar bleiben, nur hinter den Kulissen anders funktionieren. 

Denn immer weniger Menschen gehören der Kirche an. 

Mitglieder der evangelischen Kirchen

In Deutschland waren 2025 laut EKD 17,4 Millionen Menschen Mitglied der evangelischen Kirche (vor fünf Jahren: 20,2 Millionen). Zur Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) gehören mehr als 1,2 Millionen davon (vor fünf Jahren fast 1,5 Millionen).

Damit der Kontakt aber nicht verloren geht, setzt die Kirche auf neue Gremien. Beispielsweise schreibt die EKHN in ihrem Wegweiser Ortsausschuss, dass zentrale Entscheidungen gemeinsam getroffen werden sollen, während Veranstaltungen, Gruppen und Begegnungen vor Ort bleiben. 

Für dich heißt das: Die klassische Kirchengemeinde verändert sich. Sie organisiert weiterhin alles Leben vor Ort, aber sie entscheidet weniger allein. 

Ressourcen teilen und Strukturen streichen

Schon seit Jahren gibt es hierzu Beschlüsse, Papiere, lokale Entscheidungen und nun zeigt sich das ganz konkret

  • Neue Strukturen
  • Weniger Gebäude
  • Größere Kirchengemeinden

Die EKHN nennt diesen Umbauekhn2030“. Die Kirche hat weniger Mittel als früher und deshalb werden beispielsweise Pfarrstellen reduziert oder die Verwaltung gebündelt.

Kloster Höchst (Odenwald, Deutschland): Terrassenhof mit Propsteibau, Treppenturm (um 1200) und Neuem Bau (1962)
Wikimedia/Presse03
Das Tagungszentrum Kloster Höchst gehört zu den Gebäuden, deren Nutzung im Reformprozess „ekhn2030“ neu bewertet wird.

Gerade bei Gebäuden zeigt sich das besonders deutlich, und konfliktträchtig. Welche Kirche bleibt? Welches Gemeindehaus wird aufgegeben? Hinter diesen Entscheidungen stehen oft persönliche Bindungen und lange Geschichten.

Kirche als Teil eines Sozialraums der Gesellschaft

Dieser Prozess verändert auch das Selbstverständnis. In der „Handreichung Gemeinwesenorientierung“ von 2026 heißt es, Kirche solle sich daran orientieren, „was Menschen vor Ort brauchen“. 

Kirche wird damit:

  • Partnerin von Initiativen und Kommunen
  • Teil lokaler Netzwerke
  • Seltener alleiniger Anbieter
Gruppe von Freiwilligen, die Lebensmittelspenden auf Tische einer Lebensmittelbank im Nordosten Englands organisieren. Sie arbeiten zusammen.
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Der Wunsch: Kirche soll sich stärker an dem orientieren, was vor Ort gebraucht wird, nicht nur an eigenen Angeboten.

Innovation in der Kirche fördern

Der Reformprozess setzt auch auf Innovationen. Neue Formen sollen gezielt entstehen. Seit 2024 stellt die EKHN dafür mehrere Millionen Euro Fördermittel bereit. Unterstützt werden Projekte, die neue Zielgruppen erreichen oder andere Formen von Gemeinschaft entwickeln.

Die Erwartung: Kirche verändert sich nicht nur strukturell, sondern auch inhaltlich.

Mitglieder sollen Veränderung gestalten

Der Umbau setzt stark auf Ehrenamtliche. Sie organisieren vor Ort, entwickeln neue Formate, halten Strukturen zusammen, während zentrale Entscheidungen zunehmend gemeinsam getroffen werden.

Prozess ekhn2030

2019 startet „ekhn2030“ auf der Herbstsynode

2020 folgen erste Sparbeschlüsse und Gebäudedebatten

2022 beschließt die Synode die Nachbarschaftsräume

seit 2023 werden Gemeinden zusammengelegt und Strukturen umgesetzt

 

Für viele Ehrenamtliche bedeutet das wachsende Verantwortung. An diesem Punkt beginnt auch die Kritik aus der Kirche selbst.

Wie radikal darf Kirche umgebaut werden?

Pfarrer Klaus Neumeier ist seit Jahrzehnten Mitglied der Synode. Der Vorsitzende für den Ausschuss Kommunikation und Gemeindeentwicklung gehört zu den Stimmen, die den Reformprozess deutlich kritischer sehen. Für ihn liegt das Problem im Aufbau der Kirche selbst: zu viele Ebenen, zu viel Verwaltung, zu wenig Fokus auf das, was vor Ort passiert.

Im indeon-Interview „Auf Diskurs“ mit Chefredakteur Andreas Fauth sagt er, die Kirche müsse sich stärker auf die lokale Ebene konzentrieren. Mittlere Ebenen und Leitung sollten „deutlich entschlackt“ werden und stärker als Unterstützung für Gemeinden arbeiten.

Was kann sich Kirche überhaupt noch leisten?

Parallel wächst der Druck: Woran genau soll sich die Kirche orientieren? Wie sieht die Kirche der Zukunft aus? Was kann oder will sie noch leisten? 

Zwischen 2021 und 2025 hat die EKHN mehr als 200.000 Mitglieder verloren. Neben den geplanten Einsparungen von 140 Millionen Euro bis 2030 werden weitere 75 Millionen Euro bis 2035 nötig.

Zeitstrahl zum Reformprozess der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau
indeon.de

Die Nachrichtenagentur epd beschreibt den Prozess vor allem als Reaktion auf diese Entwicklung: sinkende Mitgliederzahlen, steigende Sparziele und strukturelle Einschnitte. 

Innerhalb der Synode wird das jedoch unterschiedlich bewertet. Veränderungen gelten „angesichts sinkender Mitgliederzahlen, enger werdender finanzieller Spielräume und wachsender Komplexität“ als „notwendig“. Entscheidend sei, dass Reformen nicht zum Selbstzweck werden, „sondern kirchliches Leben vor Ort stärken und ermöglichen.“

Christiane Tietz, am 18.05.2025 während ihrer Predigt in der Jakobskirche in Frankfurt am Main
epd-bild/Thomas Lohnes
Kirchenpräsidentin Christiane Tietz während einer Predigt in Frankfurt am Main.

Dabei hieß es von Anfang an: „ekhn2030“ soll kein reiner Sparprozess sein: Schon 2022 sagte der damalige Kirchenpräsident Volker Jung, es gehe „nicht allein“ um Einsparungen, sondern um einen „Prozess der Kirchenentwicklung“. Auch die amtierende Kirchenpräsidentin Christiane Tietz betont 2026 gegenüber dem epd: „Relevanz ist keine Frage, wie groß wir sind.“

Andere Stimmen warnen deshalb davor, den Umbau ausschließlich als Strukturabbau zu verstehen. Es gehe darum, tragfähige Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen kirchliches Leben überhaupt möglich bleibt. Weder ein „einfaches Weiter-so noch reine Kürzungen“ würden dafür ausreichen.

Wohin sich die evangelische Kirche bewegt

Die Idee: Trotz kleinerer Strukturen soll Kirche gesellschaftlich präsent bleiben. Ein Ort von Begegnung, woran vielerorts zeitgleich „mit großem Engagement“ in Nachbarschaftsräumen, neuen Kooperationsformen und „tragfähigen Lösungen“ gearbeitet werde.

Aktuell stehen innerhalb des Reformprozesses vor allem drei Themen im Mittelpunkt

  • die Weiterentwicklung von Verwaltungs- und Leitungsstrukturen
  • die langfristige finanzielle Planung
  • die konkrete Ausgestaltung der Nachbarschaftsräume

Dort, wo Strukturen stehen, geht es zunehmend um die Frage: Wie kann kirchliches Leben vor Ort neu gestaltet werden? Der Prozess verlaufe dabei nicht überall gleich schnell, sondern mit unterschiedlichen Herausforderungen in den jeweiligen Gemeinden.

Der Nachbarschaftsraum ist für die EKHN damit mehr als eine neue Struktur. Er ist der Versuch, eine kleiner werdende Kirche so umzubauen, dass sie trotzdem sichtbar bleibt

Ob das gelingt, entscheidet sich nicht nur in Beschlüssen und auf Synoden, sondern in den Gemeinden selbst.

Beim Verfassen dieses Beitrags wurde ChatGPT als unterstützendes Werkzeug eingesetzt.