Glaube

Suizid in der Familie: Leben nach dem Verlust

Gianna Wemmer beim Podcast HOFFNUNGSMENSCH
EMH

Mit 16 verliert Gianna ihre Mutter durch Suizid. Jahre später stirbt ihr Vater. Wie sie weiterlebt und Hoffnung findet.

Hinweis: Dieser Text erzählt von Suizid, Tod und intensiven Verlusterfahrungen. Lies ihn nur, wenn du dich psychisch stabil fühlst. Wenn dich das Thema belastet, pausiere oder hol dir Unterstützung - beispielsweise bei der TelefonSeelsorge.

Gianna Wemmer ist 16 Jahre alt, als ihre Mutter durch Suizid stirbt. Dieser Verlust verändert alles. Sieben Jahre später stirbt ihr Vater an Krebs. Zwei schwere Verluste. Wie Gianna weiterlebt, erzählt sie im Podcast HOFFNUNGSMENSCH.

Behütet aufwachsen und alles verlieren

Gianna wächst mit einem großen Bruder und einer kleinen Schwester in einem behüteten Elternhaus auf. „Ich hatte Eltern, die mich geliebt haben“, erinnert sie sich. Ihre größte Sorge damals war, „ob ich Freunde zum Übernachten einladen“ darf. 

Ihre Mutter Sabine ist der Dreh- und Angelpunkt der Familie. „Sie war voller Energie und sehr kreativ.“ Gianna erzählt von fröhlichen Kindergeburtstagen mit liebevoller Deko und vielen Gästen. „Es war immer ein volles Haus. “ 

Gianna Wemmer beim Podcast HOFFNUNGSMENSCH
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Auch tiefgehende Gespräche gehören selbstverständlich dazu. Ihre Mama ist ihre Vertrauensperson. „Wir haben über alles geredet.“ 

Warnzeichen fehlen - Depression bleibt verborgen

Im Frühjahr 2012 verändert sich alles. Nach einer Routine-OP entwickelt Mutter Sabine eine Depression. Symptome: Schlaflosigkeit, Erschöpfung, Appetitverlust, starker Gewichtsverlust.

Ein Klinikaufenthalt hilft nicht.

Hilfe bei Suizidgedanken

Wenn du selbst von Suizidgedanken betroffen bist oder jemanden kennst, hol dir Unterstützung. Die TelefonSeelsorge erreichst du anonym und kostenfrei:

TelefonSeelsorge: 📞 0800 111 0 111 oder 📞 0800 111 0 222 oder 📞 116 123 oder per Chat & Mail bei der TelefonSeelsorge

In akuten Fällen: 📞 112 (Notruf)

Wenn dich Gedanken stark belasten oder du nicht mehr weiterweißt, such dir Hilfe. Das ist kein Zeichen von Schwäche.

Gianna ist damals 15 Jahre alt und steht kurz vor dem Realschulabschluss. Sie bemerkt, dass sich ihre Mutter verändert, ahnt jedoch nicht, wie schlecht es ihr wirklich geht. 

Hoffe auf Hilfe durch Glauben

Gianna wächst in einem christlichen Umfeld auf. Der Glaube prägt ihren Blick auf die Welt. „Wenn du betest, hört Gott dich“, haben ihre Eltern ihr beigebracht. 

Sie betet für ihre müde Mutter. Erwartet, dass es besser wird.

Was sie nicht weiß: Ihre Mutter schreibt Tagebuch. Ein Eintrag an Giannas 16. Geburtstag zeigt die Verzweiflung: „Ich bin überfordert. Warum? Gott, schreite ein! Ich will nicht sterben, aber ich habe das Gefühl, zum Leben reicht es nicht.“ Diese Sätze liest Gianna erst Jahre später und merkt, welche Gedanken Sabine für sich behalten hat. 

Der Tag des Suizids

Als Gianna am Morgen des 31. August in die Küche kommt, sitzt ihr Vater dort und wirkt unruhig. Ihre Mama ist nicht da. Nicht im Bett. Nicht im Haus. 

Dann findet der Vater unter der Fußmatte einen Zettel: 

Ich bin bei den Nachbarn.

Die Nachbarn sind im Sommerurlaub. Giannas Familie kümmert sich währenddessen um die Blumen und Tiere. Doch die Rollläden des Nachbarhauses sind unten. Niemand öffnet

Giannas Vater bemerkt, dass Tabletten fehlen. Für Gianna war das „der Moment, in dem alles auf Rot ging“. Polizei und Feuerwehr kommen. Sie selbst wird auf ihr Zimmer geschickt. 

Trauer, Wut und Scham nach dem Suizid

„Ich habe gebetet“, erinnert sie sich. „Gott, bitte mach, dass es ihr gut geht. “ Dann hört sie ihren Vater rufen. Kurz darauf steht er vor ihr und sagt: „Mama ist tot.“ Der Schock überlagert alles. Erst später kommt die Realität an.

Trauer. Angst. Überforderung. Dann Wut:

  • auf sich selbst, dass sie nicht gemerkt hat, wie schlecht es ihrer Mama geht
  • auf ihre Mutter, dass sie gegangen ist
  • auf Gott

Er wäre doch der gewesen, der hätte eingreifen können.

Gianna spricht lange kaum über den Suizid. Die Scham ist groß. Und sie hat Angst, dass andere ihre Mutter verurteilen. „Gerade in christlichen Kreisen, wo scheinbar alles perfekt ist, hatte ich dieses Gefühl.“

Suizid neu einordnen

Heute sagt sie: „Ich glaube, es ist nicht der richtige Ausweg, aber wer bin ich, mich über andere zu erheben und sie zu verurteilen.“ Im Podcast HOFFNUNGSMENSCH ergänzt sie: „Ich glaube, Gott ist wahnsinnig mitverzweifelt, wenn ein Mensch sagt, ich möchte nicht mehr leben.“

Der zweite Verlust: Vater stirbt an Krebs

Nach dem Tod der Mutter hält ihr Vater die Familie zusammen. „Gleichzeitig war es unglaublich hart, seine Trauer zu sehen und damit umzugehen“, sagt Gianna. 

2019 heiratet Gianna. Kurz danach bekommt ihr Vater die Diagnose Krebs. Unheilbar.

Es war wie eine zweite Klatsche.

Sie verliert die Hoffnung: „Ich dachte, Gott greift in meinem Leben nicht ein.“

Das Sterben begleiten und erneut ein Elternteil verlieren

Sie begleitet ihren Vater bis zuletzt. Sie pflegt ihn und erlebt, wie sich sein Wesen verändert. „Er wurde hoffnungslos und hat so sehr gehadert mit dieser Krankheit.“ Das Bild des starken Vaters zerbricht für Gianna. „Das war fast schlimmer als die Diagnose“, sagt sie. 

Ihr Vater stirbt wenige Monate nach der Diagnose im Januar 2020. Ein Wunder bleibt erneut aus

Gianna Wemmer im Medienhaus Stuttgart
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Doch der Abschied ist anders als bei ihrer Mutter. Bewusst. Versöhnt. Friedlich. „Er ist als der Papa gestorben, den ich kannte.“ Wenige Minuten vor seinem Tod sagt er, dass er zu Jesus geht. „Das hat etwas verändert. Ich glaube, dass es ihm jetzt besser geht.“ 

Hoffnung trotz vieler Fragen

Warum ist ihre Mutter gestorben? Warum wurde ihr Vater nicht geheilt? Sie schreit ihren Zorn heraus. Aber die Wut bringt sie nicht weiter

Gianna sagt trotzdem: „Ich glaube an einen Gott, der größer ist und mehr weiß als ich. Und ich habe auch Wunder erlebtnur nicht immer die, für die ich gebetet habe!“

Mit Verlust und neuer Verantwortung weiterleben

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Sie kann verstehen, wenn andere diesen Glauben nicht nachvollziehen können. Aber sie sagt: „Ich habe die Entscheidung getroffen, an Wunder zu glauben.“ 

Gianna ist inzwischen selbst Mutter geworden und hat damit neues Leben und neue Verletzlichkeit erfahren. Ihre Vergangenheit verarbeitet sie in ihrem Buch „Wenn das Wunder ausbleibt“. Es ist keine Geschichte mit einfachen Antworten, aber eine Perspektive auf Trauer, Verlust und Hoffnung.

„Ich habe erlebt, dass Gott da war“, sagt Gianna. „Und das war am Ende wertvoller als alles andere.“