Alles nur Aberglaube?

Warum der Glaube an Schutzengel wirklich etwas bringt

Schutzengel sind treue Begleiter.
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Mehr als die Hälfte der Deutschen glaubt an Schutzengel.

Der Markt für Schutzengel und andere Glücksbringer boomt. Sind wir krank, stehen vor einer Prüfung oder einer ungewissen Zukunft, stärken uns die kleinen Mutmacher. Doch warum eigentlich?

Die Nachbarin muss überraschend ins Krankenhaus. Eine Operation steht an. Kurz bevor das Taxi sie abholt, klingelt die Frau von gegenüber bei ihr. Sie wolle nicht viele Worte machen, aber es sei ihr ein Bedürfnis, der Freundin für die Operation noch etwas mit auf den Weg zu geben. Aus ihrer Handtasche fischt sie einen kleinen Engel aus Holz. „So ein Schutzengel kann doch nicht schaden“, schiebt sie hinterher. Die Nachbarin ist gerührt. Sie wird den Engel mit ihrer Hand fest umklammern, wenn die Pfleger sie in den OP-Saal schieben.  

Schutzengel und Gott als Zuversichts-Pille

In fast allen Kulturen, im Islam, im Judentum finden sich Schutzbringer. Schutzengel als Helfer Gottes stehen in christlicher Tradition. Für Psychotherapeut und Religionspsychologe Sebastian Murken ist nicht entscheidend, ob Gott wirkt oder nicht, viel wichtiger ist etwas anderes: „Der Glaube an Gott, der kann sehr wohl wirksam sein.“ Der Glaube bringe eine positive Erwartungshaltung, eine positive Wahrnehmungseinstellung mit und bewirke so letztlich einen „hochwirksamen Placebo-Effektes, da gibt es gar keinen Zweifel“. Und genauso sei es auch mit Schutzengeln.  

Warum vertrauen wir dem Schutzengel in der Tasche?

David Käbisch als praktischer Theologe versucht das Engelphänomen zu verstehen, herauszufinden, warum brauchen Menschen Engel? Warum reicht es nicht, dass sich Freunde, Familienmitglieder oder Kollegen vor schweren Operationen oder Prüfungen einfach die Hand reichen, sich tief in die Augen schauen und sich von Herzen Glück wünschen? „Weil es ein allgemein menschliches Bedürfnis ist, dass alles, was unanschaulich ist, anschaulich und konkret gemacht werden muss“, sagt Käbisch. 

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Teil 1

In der Bibel übrigens gibt es keine Engelverehrung. Der Theologe Claus Westermann schreibt: „Auch haben die Engel, die Boten Gottes der biblischen Erzählungen, keine Geschichte. Die Boten Gottes kommen, verweilen einige Augenblicke und verschwinden spurlos.“

Und tatsächlich, ob in Malereien in Kirchen, in der Werbung für Autos oder Frischkäse, auf Buch-Covern, als Schlüsselanhänger, auf Kalendern oder auf Kleidung: Engel sind nahezu allgegenwärtig. Käbisch sieht Engel als Mittlerwesen, die zwischen Gott und den Menschen vermitteln. „Die Tendenz von Individualisierung von Religion heißt eben auch, dass jeder sich seine eigenen Objekte der Anbetung schafft“, so der Theologe. 

Schutzengel haben eine Hand am Menschen, eine am Himmel

Für den Mainzer Religionspsychologen Murken sind die Engel längst „ein selbstverständlicher Bestandteil der Alltagskultur“ geworden. Er spricht sogar „von einem Engelboom in den vergangenen 20 Jahren“. Für ihn sind all die Schutzbringer eine wichtige Brücke: Sie helfen Menschen, in dieser Welt mit der Energie oder dem, was auch immer auf der anderen Seite existiert, in Verbindung zu gelangen. Und sie alle haben mehr Kraft als ein einzelnes Wort: „Weil wir sinnliche Menschen sind und ein Gedanke oder ein Wort allein nicht so tragfähig sind“, sagt Murken.

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Teil 2

Martin Luther sah im Engel die anschauliche Gegenwart Gottes, die den Menschen schützend zur Seite stand. Die katholische Kirche feiert noch heute diesen Tag. Die Protestanten haben sich lange damit schwergetan. Engel wurden lange lapidar als Volksfrömmigkeit und Aberglaube abgetan. In alten Religionsbüchern wurden sie sogar dem Okkultismus zugeordnet. Da hat sich in den vergangenen Jahren einiges gewandelt. Inzwischen beschäftigt sich die Theologie verstärkt mit Engeln.

Engel sind beliebter als Gott

„Die Idee, dass jeder einen Engel für sich hat, ist natürlich viel sympathischer, als dass da ein Gott sein soll, der gleichzeitig überall auf der Welt für alle da sein soll“, so Religionswissenschaftler Murken. „Sie haben sich als aufgeladene spirituelle Symbole sehr von einem christlichen Glauben oder von christlichen Inhalten abgelöst.“ Bei den Christen habe früher gegolten: „Der Mensch ist der Diener Gottes.“ Heute habe sich das völlig umgekehrt und die Schutzengel „sind letztlich die Dienstleister des Menschen, wenn sie richtig genutzt werden“, sagt der Psychologe. Und so kann sich jeder seinen eigenen Engel aussuchen. 

„Gott kommt durch die Hintertür ins Spiel“

Einen Grund für diese Entwicklung sieht der Frankfurter Theologe Käbisch in einem Gottesbild, das für ihn schlichtweg zu sehr belastet ist. Daran, dass Gott ein alter Mann mit weißem Bart sei und von einer Wolke aus die Geschicke der Welt lenke, glaube wohl kaum einer mehr: „Gott ist in unserer Gesellschaft deutlich negativer konnotiert, Engel dagegen werden deutlich positiver wahrgenommen“, sagt Käbisch. Dennoch sei in der christlichen Tradition völlig klar, dass Engel nicht unabhängig sind, sondern von Gott geschickt werden, um eine Botschaft zu überbringen, aber auch um zu retten: „Gott kommt so immer durch die Hintertür ins Spiel.“

Für ihn ist das Gespräch über Engel eine Form, „um über Ängste und Sorgen, aber auch um über Hoffnungen und Erwartungen zu kommunizieren“. Außerdem erleichtern sie das Gespräch über Glauben: „Ich erkenne an, dass es im Leben auch etwas gibt, was unverfügbar ist.“ Zum Beispiel weiß die Nachbarin nicht, ob ihre Freundin die Operation übersteht, aber sie hat so die Hoffnung, dass nichts passiert.