Soziales

Camp Hangout: Seelsorge auf der Anime-Convention

Emily, a. k. a. Raphtalia trägt ein Pinkes Cosplay-Kleid und Perrücke und Posiert für die Kasmera im huntergrund ist eine Anime-Convention zu sehen. Neben ihr steht „Seelsorge für Manga-Nerds und Anime-Fans"
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Reizüberflutung und Panikattacken: Camp Hangout hilft Besucher*innen, wenn der Stress auf Anime-Conventions zu groß wird.

In der Veranstaltungshalle ist es bunt und laut. Unzählige Menschen in Kostümen, sogenannten Cosplays, drängen sich an dir vorbei. Ihr Ziel: die kleinen Stände mit Fanartikeln, Plüschtieren und Kunsthandwerk. Auf einer großen Bühne spielt laute Livemusik, Menschen tanzen, sie rempeln dich immer wieder an. 

Die Besucher*innen um dich herum scheinen eine gute Zeit zu haben. Nur an dir rauschen die vielen Eindrücke einfach vorbei. Es passiert viel zu viel auf einmal. Du bekommst Kopfschmerzen, dein Puls wird schneller. Was du jetzt brauchst: einen Ort, an dem Ruhe herrscht.

Mobiler Safe Space auf der Messe

Das Team von Camp Hangout möchte möglichst vielen Besucher*innen diese Gefühle ersparen. Das Projekt bietet einen mobilen Safespace an, um Menschen mit körperlicher oder auch mentaler Überforderung zu helfen. Konkret bedeutet das: In einem abgeschirmten Bereich innerhalb der Messehalle – manchmal auch in einem eigenen kleinen Raum auf dem Gelände – gibt es nicht nur einen Ort mit kostenlosen Getränken und Sitzmöglichkeiten, sondern auch Seelsorge.

„Camp Hangout ist für alle da, die mal eine Pause von der Convention brauchen“, sagt Emily Dragojlov, die Gründerin des Projekts. Große Menschenmassen und ständig laute Geräusche können für viele Menschen enormen Stress bedeuten. Besonders gefährdet sind Messebesucher*innen, die alleine und ohne Begleitung unterwegs sind.

Eine kostümierte Person mit blond-rosa Perücke und fantasievollem Outfit steht auf einer Veranstaltung.t
Selina Groß
Emily ist Cosplayerin und Gründerin von Camp Hangout.

Hilfe von Menschen, die es selbst erlebt haben

Deshalb streifen Emily und ihr 15-köpfiges Team über die Convention und halten Ausschau nach Menschen, die gestresst, desorientiert oder erschöpft aussehen. Die Fähigkeit, Menschen in Notlagen zu helfen, bringen viele Teammitglieder aus ihrem Beruf mit: „Wir haben Sanitäter oder Pädagogen mit dabei.“

Die meisten der Helfer haben aber vor allem selbst schon einmal Hilfe in Anspruch genommen. Sie hatten etwa eine Panikattacke und wissen daher genau, welche Dinge ihnen damals geholfen haben und auch anderen helfen können.

Die Maßnahmen bei einer Attacke sind je nach Verlauf und Stärke unterschiedlich effektiv. Das kann bei einer akuten Panikattacke helfen:

  • Reden: Sprich mit einer Vertrauensperson.
  • Atemlenkung: Versuche, länger aus- als einzuatmen.
  • Ablenkung: Lenke deine Aufmerksamkeit auf eine Tätigkeit, die deine volle Konzentration erfordert, wie zum Beispiel ein herausforderndes Spiel.
  • Kälte: Trinke oder gurgle kühles Wasser oder lege dir ein Coolpack auf die Unterarme. Das kann dein parasympathisches System aktivieren und so die Panik schneller zum Abklingen bringen.
Gruppe von Menschen in unterschiedlichen Cosplay-Outfits steht in einem Innenraum vor einer Tür; rechts sitzt eine Person im auffälligen pink-gelben Kostüm an einem Tisch.
Selina Groß
Vor jedem Einsatz findet eine Teambesprechung statt.

Mehr Aufmerksamkeit für mentale Gesundheit

Aktuell ist der Wissensstand unterschiedlich und abhängig von den privaten und beruflichen Voraussetzungen der Mitglieder. Es werde daran gearbeitet, alle Teammitglieder auf den gleichen Stand zu bringen, sagt Emily. „Das ist der nächste Schritt.“

In Extremsituationen, in denen die Soforthilfe des Camps nicht ausreicht, setzt sich das Team sofort mit dem Rettungsdienst in Verbindung und kümmert sich um die Person, bis professionelle Hilfe kommt. „Wir sehen uns als Brücke zu den Profis“, sagt Emily.

Mit Camp Hangout setzt sich die 22‑Jährige für mehr Awareness ein, geht auf Organisator*innen von Messen zu, versucht, aufzuklären und sie davon zu überzeugen, dass „Safe spaces“ wichtig sind. Auch bei dieser Con sind viele Sitzplätze belegt, die Menschen kommen miteinander ins Gespräch, helfen einander. Manchmal ganz praktisch, manchmal durch ein offenes Ohr. 

Negative Gefühle, Gedankenspiralen und Panikattacken können überall auftreten. Gerade bei Menschen, die zum ersten Mal solche Ausnahmesituationen erleben, oder bei Personen, die alleine unterwegs sind, ist das gefährlich. Das Risiko, dass zusätzlich etwa Kreislaufprobleme auftreten oder die Situation anderweitig eskaliert und keine Hilfe kommt ist groß. 

Zwei Personen sitzen an einem Tisch, eine mit Kapuzenjacke, die andere lächelt und trägt dunkle Kleidung, im Hintergrund weitere Personen in einem Innenraum
Selina Groß
Camg Hangout bietet Orte für Gespräche.

Vom Discord-Server zum echten Treffpunkt

Den meisten Menschen, die Hilfe bei Camp Hangout suchen, reicht ein ruhiges Gespräch mit Leuten, die Verständnis haben. Auf Personen mit ähnlichen Erfahrungen zu treffen, baut bei Betroffenen Hemmungen ab. Daher konnte Camp Hangout seit seiner Gründung 2023 „über 500 Menschen“ unterstützen, sagt Emily.

Das Camp hat sich in den Jahren immer weiterentwickelt. Die Idee, Gleichgesinnten den Austausch zu erleichtern, entstand während der Corona-Pandemie. „Camp Hangout war ursprünglich mal ein Discord-Server“, erinnert sich Emily. Im Lockdown brauchten sie und ihre Freunde einen Ort, um sich gegenseitig aufzufangen und in Kontakt zu bleiben. „Camp Hangout war damit nicht nur Seelsorge, sondern auch Kontaktbörse.“ Aus dem digitalen Treffpunkt ist ein reales Angebot geworden.

Mittlerweile kümmert sich das Team neben der Seelsorge auch um kaputte Cosplays und unterstützt Menschen, die Probleme haben, Anschluss zu finden. Daher reist Camp Hangout zu Conventions nicht nur mit Tischen, Bänken, Trinkwasserspendern und Kühltaschen an, sondern hat auch Werkzeug, eine Heißklebepistole, Computerspiele und Bastelmaterialien im Gepäck.

„Camp Hangout ist offen für jeden, daher sind hier auch alle an einem Fleck und dann setzt man sich einfach dazu und kommt ins Gespräch“, erklärt Emily. Das Ziel bleibe trotz erweitertem Angebot aber gleich: Menschen helfen. Nicht nur bei mentalen Notlagen, sondern auch beim Ausüben des eigenen Hobbys und beim Finden von Freundschaften.

Hättest du auch Lust, mal bei Camp Hangout vorbeizuschauen? An welchen Orten bräuchte es noch solche Angebote? Schreib uns deine Meinung und Gedanken bei Social Media. 

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