Jesus-Buch

Playstation zocken mit Jesus

Sebastian Jakobi

Das Buch “Jesus, die Milch ist alle” präsentiert den Sohn Gottes als Mitbewohner. Darf man das?

“Früher war irgendwie mehr Palmwedel”, sind die ersten Worte des Herrn an Jonas, als er sich an ihm vorbeischiebt, um ab sofort mit in dessen Pastorat (=Wohnung der Pfarrperson) zu wohnen. Jonas, sowohl im echten Leben als auch im Buch Pastor in einer evangelischen Kirche in der Nähe von Hamburg und seine (ebenfalls reale) Freundin und Mitbewohnerin Trixischlittern also ungeplant in diese Neuinterpretation der Worte “Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an”.

Und als wäre damit nicht schon genug Jesus-Denkmal eingerissen, hat der Gesalbte auch noch Reformator Martin Luther als vierten Mitbewohner im Schlepptau. Die Beiden haben jeweils einen eigenen Auftrag: Luther (in WG-Sprech konsequenterweise “Martin”) soll “nach 500 Jahren eine neue und vernünftige Übersetzung der Bibel” anfertigen, Jesus soll ein neues Evangelium schreiben (weil er in einem unbedachten Moment zu Gott gesagt hat “Dein Wille geschehe”). Mit einer Einschränkung: Wunder darf er keine wirken. Schade eigentlich.

@theRealJesus auf Instagram

Und so erlebe ich die Abenteuer dieser vermutlich ungewöhnlichsten WG der Kirchengeschichte. Ich bin dabei, wenn Jesus beim Football- oder Netflix-Gucken am Handy hängt (natürlich einem Fair-Phone) und sich um mehr Follower auf Instagram bemüht, auch wenn sein Wunschname “@theRealJesus” leider schon vergeben ist. Ich lese Martin Luther eine E-Mail an den Papst schreiben und im Pub beim - sorry - Saufen “guten deutschen Hip-Hopverlangen. Ich kann mir vorstellen, wie das aussieht, wenn der Herr der Herrlichkeit betrunkenen Jugendlichen im Nachtbus („Wie heißt Du?“ – „Jesus.“ – „Wie der Jesus von Weihnachten?“ – „Ich BIN der Jesus von Weihnachten!“) das Beten näherbringt und die ebenfalls bemerken, dass an Jonas’ Mitbewohner etwas besonders ist … Vermutlich viel Spaß hatte Autor Goebel daran, Jesus und Martin immer wieder aneinander rasseln zu lassen. Tatsächlich schlägt der Reformator Jesus jedes Mal im Bibelquiz. Aber, und das macht Jesus klar: Wichtig ist nicht, zu wissen, wo es steht – sondern, dass man es anwendet!

 


 “All diese Menschen haben Internet, aber liken mich nicht. Und wenn sie eines Tages vor mir stehen, werde ich sie auch nicht liken!”

- Jesus über Instagram

Make Jesus great again

“Ich wünsche mir, dass dasBuch eine ganz niedrigschwellige Art sein kann, sich mit den Aussagen von Jesus zu beschäftigen”, erzählt Autor Jonas im Interview. “Für Leute, die sagen: ‘Ich hab in der Bibel geblättert, aber das war mir too much’, oder auch ‘Ich bin schon seit Ewigkeiten Christ und brauche mal einen neuen Impuls". Das gelingt dem jungen Autor. Er gehört zu den neuen “digitalen Theologen”, die sich nicht mühsam in die Digitalisierung von kirchlichen Angeboten und Botschaften einarbeiten müssen - er ist mit den sozialen Medien so aufgewachsen, dass sich diese - mit etwas Kreativität - nahtlos in die eigene Arbeit einbinden lassen. Ende 2020 war Jonas Goebel deutschlandweit in den Medien, als er ein Predigtthema bei eBay versteigert. Der Gewinner durfte ein Predigtthema bestimmen - für 631 Euro .

Jesus: “Geile Scheiße!”

Die Frage über all dem ist natürlich: Darf der das? So über den Messias (“Drei ???”-Lieblingsfolge: Die Drei ??? und das leere Grab) schreiben? Ihm Worte in den Mund legen, die er SO in der Bibel wahrscheinlich nicht gesagt hat (siehe oben)? Dieser Frage widmet sich Jonas im Nachwort. Und beantwortet sie natürlich mit “Ja”. Aber er stellt sich der Kritik und sagt: Natürlich kann man das problematisch - oder auch komplett anders - sehen. Aber: “Ich glaube, dass der historische Jesus genau denselben Effekt wie das Buch bei manchen bewirkt hat. Dass die sich denken ‚So darf es nicht sein, so KANN es nicht sein‘. Das ist für mich dann am Ende auch ‘echt Jesus’.”

 

Trixi: “Gibt es überhaupt einen Teufel?”

Jesus: “Ja sicher!”

Trixi: “Und wie ist der so?”

Jesus: “Ja scheiße, was denn sonst?”

Goebel, Jonas: Jesus, die Milch ist alle: Meine schräge WG und ich. Herder Verlag 2021, 160 Seiten, ISBN 3451389576, 16 Euro (gebunden), 11,99 Euro (Ebook)

Nicht für jeden - aber für viele

Und so weiß ich, dass das Buch zum Beispiel nix für meine Eltern wäre. Für die wäre es sehr schwierig, eine (wenn auch fiktive) Jesus-Figur mit bestimmten Ausdrucksweisen gutzuheißen (mein Problem ist zum Beispiel eher, dass der gute Hirte Helene Fischer hört). Manches im Buch liest sich etwas gewollt, zum Beispiel wiederholte Schleichwerbung(?) für eine bestimmte Koffein-Brause. Oder die Transgender-Frage, die mehr oder weniger im Vorbeigehen und etwas konstruiert behandelt wird. Oder das immer-wieder-abtauchen in Fakten und Fachbegriffe des American Football, dem die Jesus-WG frönt, dem ich aber wenig bis gar nichts abgewinnen kann.

Trotzdem konnte ich die 150 Seiten kaum aus der Hand legen. Zu oft musste ich beim Lesen grinsen über die obskuren Situationen, die überraschenden Antworten von Jesus und Martin und über diesen neuen, frischen Blick auf das, was Jesus uns - auch heute noch! - zu sagen hat.